"La Fanciulla del West": Prädikat wertvoll

28. November 2016, 17:02
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Puccini an der Wiener Staatsoper

Wien – Man kann die drei Jahre alte Neuproduktion mit gutem Recht für die (bisher) gelungenste der Ära Dominique Meyer halten. Der große Publikumsrenner wird Puccinis La Fanciulla del West wohl nicht mehr werden, dennoch ist es das Stück wert, gerade in dieser Inszenierung gesehen zu werden – nicht nur wegen der geradezu genialen Perspektive des Schlussbildes. Die für Puccini ungewohnt herbe, anspruchsvolle Partitur einerseits und das originelle Wild-West-Sujet andererseits rufen nach einem reflektierten und doch pragmatischen Umgang – und beides ist auch in dieser Aufführungsserie, die noch bis Jänner läuft, nachzuvollziehen.

Dabei erzählt Regisseur Marco Arturo Marelli die Goldgräber-Story ohne Faxen und Holzhammereinsatz, jedoch drastisch genug, um den sozialpolitischen Stachel, der in der Oper steckt, sichtbar werden zu lassen. Während die Szenen mit dem großen Ensemble ins Genrehafte abzugleiten drohen, verströmen die Protagonisten stets eine gewisse Dringlichkeit, allen voran Tomasz Konieczny als Sheriff Jack Rance. Durch die Schwärze seines Bassbaritons lässt er Sanftheit und Sinnlichkeit, ja Verletzlichkeit schimmern und lässt so einen Charakter entstehen, dessen Schmerz und Verzweiflung aus allzu menschlicher Regung entstehen. Für alle drei großen Rollen steckt das Stück voller Klippen und Hürden.

Farbenspiel

Eva-Maria Westbroek ist der mehr dramatischen als jugendlichen Sopranpartie der Minnie gewachsen, kommt jedoch nicht ohne Herbheit und sehr gefährdeten Momenten aus. Der robuste Tenor von José Cura verleiht dem Dick Johnson Sympathiewerte, ohne dass er als Figur gleichermaßen Tiefe erhielte wie sein Gegenspieler. Voller Kontur und Farbenspiel ist das, was Dirigent Mikko Franck – freilich manchmal etwas gar auf der lauten Seite – aus dem Staatsopernorchester herausholt: Ohne auf den geradezu filmmusikartigen breiten Pinselstrich zu verzichten, wenn Puccini Lokalkolorit zu malen versucht, ist der Klangapparat stets fein abschattiert und hochdifferenziert durchgebildet.

Allein deswegen lohnt sich ein Besuch – und erst recht des Schlusseffekts wegen, als Minnie und Dick mit einem Heißluftballon das Weite suchen. Wie sich da der Blick auf die Berge weitet, das Elend versinkt, der arme Böse Sheriff dennoch im Blick bleibt, das ist seltener, großer Bühnenzauber. (Daniel Ender, 28.11.2016)

30. 11., 3. und 6. 12. sowie am 14., 18. und 21. 1. 2017

Wiener Staatsoper

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