Politik als Konsumartikel: Ein Bundespräsident ist keine Handtasche

Blog29. November 2016, 11:33
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Beobachtungen zur Bundespräsidentschaftswahl aus der Filterblasen-Perspektive

Der Austausch mit Gleichgesinnten in den sozialen Netzwerken kann eine Gefahr für die Demokratie sein, meinen Experten nach der Wahl von Donald Trump. Die sogenannten Filterblasen auf Facebook schränken auch bei der anstehenden Bundespräsidentenwahl unsere Wahrnehmung ein. Wenn Politik zum Konsumartikel wird, wird es gefährlich.

Unlängst hat Herr P. ein langes Posting auf der Facebook-Seite von HC Strache hinterlassen. Er hat sich über den Bundesparteiobmann der FPÖ geärgert. Sehr geärgert. "Als permanenter Steuerzahler ist es mein Recht, Qualität zu bekommen", schrieb er. "Ich zahle dafür!" Was klingt wie die Beschwerde eines Restaurantgastes über teuren, aber schlechten Wein, war an die Abgeordneten im Nationalrat gerichtet. Ein gewählter Volksvertreter mit Mandat, ein Mensch mit einem komplexen Aufgabenbereich, mit Schwächen und Stärken soll so funktionieren wie ein Gegenstand, für den man bezahlt hat. Wie kommt man auf so eine Idee?

Facebook vergisst nichts

Auf der Suche nach den Gründen für diese Haltung wird man auf Facebook schnell fündig. Man muss sich als Nutzer nur ansehen, was man selbst täglich nach dem Einloggen auf der Plattform gezeigt bekommt. Artikel, die einen interessieren. Statusmeldungen von Menschen, die man mag. Werbeanzeigen von Dingen, nach denen man tagelang im Netz gesucht hat. Ein Jahr nach dem Almurlaub bekommt man noch immer Werbung für die günstigsten Schlafsäcke in den Newsfeed gespült. Facebook vergisst nichts. Und damit wir es nicht vergessen, schafft es mit all den Informationen, die wir beim Surfen hinterlassen, eine Komfortzone für uns.

Wir sollen uns wohlfühlen. Denn nur wenn wir uns wohlfühlen, kommen wir wieder. Nutzer fühlen sich am wohlsten, denkt sich Facebook, wenn sie bestätigt werden. In ihren Meinungen, in ihren Interessen, in ihrer Weltanschauung. Also behandelt es uns wie ein Kind, dem man ständig Recht gibt. Jeder, der mit Kindern zu tun hat, weiß, dass das nicht gut ausgehen kann. Das Kind reagiert mit der Zeit auf den geringsten Gegenwind mit Wutanfällen. Kinder zerlegen dabei eventuell das Wohnzimmer. Erwachsene schreiben Hasspostings, in denen sie andere bedrohen. Und benehmen sich mitunter wie Kinder, wenn man sie im Offlineleben abseits von Facebook darauf anspricht. Peinlich berührt, verlegen, unsicher.

"Dieser Artikel könnte Sie interessieren", steht über gesponserten Produktanzeigen auf Facebook ebenso wie über Texten, die für eine wahlwerbende Partei Stellung beziehen.

Wenn sich zwischen all die Handtaschen, Schlafsäcke und Bilderrahmen immer mehr Interviews mit Politikern mischen, kann man schon mal vergessen, dass Politik kein Konsumgegenstand ist. Politik ist nicht dazu da, sich wohlzufühlen. Sich am Lagerfeuer zurückzulehnen, eingehüllt in eine dicke, warme Decke und gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen. Politik ist nicht personalisierbar wie ein Musikstreamingdienst, der uns nur jene Songs liefert, die wir gern hören. Politik ist für die Menschen da. Aber eben für alle. Politisches Engagement bedeutet seit jeher, Kompromisse zu schließen, zu verhandeln, den Konsens zu suchen. Um für möglichst viele möglichst gute Voraussetzungen dafür zu schaffen, ihre Lebensziele zu erreichen.

Die rücksichtslose Klientelpolitik der beiden ehemaligen Großparteien hat das viele hierzulande vergessen lassen.

Unrealistische Hoffnungen

Populisten haben den Frust darüber aufgegriffen und benutzen ihn, indem sie suggerieren, mit ihrer Wahl wäre Schluss mit den zermürbenden und oftmals schlecht kommunizierbaren Kompromissen, die zum politischen Alltag gehören. Sie säen unrealistische Hoffnungen und versprechen undurchführbare Maßnahmen, die für den frustrierten Wähler in ihrer Absolutheit nach Veränderung klingen. Nach Aufbruch und nach Erneuerung.

Doch dem Sieg der Populisten folgt fast immer die Ernüchterung. Weil Populisten, die mit Regierungsverantwortung konfrontiert sind, dieselben Regeln einhalten und dieselben Kompromisse schließen müssen wie ihre Vorgänger. Darauf haben sie ihre Wähler nicht vorbereitet. Auch gegen Donald Trump werden schon erste Proteststimmen aus seiner Anhängerschaft laut. Weil Hillary Clinton noch immer nicht inhaftiert wurde, wie er es seiner Gefolgschaft bei etlichen Wahlveranstaltungen versprochen hat.

Der einfachen Logik der Populisten folgt auch die Filterblase auf Facebook, wie man aktuell beim Bundespräsidentenwahlkampf gut beobachten kann. Unangenehme Wahrheiten werden ausgeblendet, Fakten ignoriert, Verschwörungstheorien über den Kandidaten der Gegenseite konkurrieren mit Dämonisierung und Panikmache. Besorgniserregend dabei ist der Eindruck, dass kaum noch zwischen den Anhängern der beiden Kandidaten kommuniziert wird. Im Gegenteil. Man betont sogar noch, dass man mit den Wählern des Konkurrenten nichts zu tun haben will. Mit solchen Leuten spreche ich nicht, schreibt man und bekommt dafür auch noch Zustimmung in Form von Likes. Nicht mehr miteinander zu sprechen bedeutet, den anderen nicht mehr als Teil der Gemeinschaft, in der man lebt, wahrzunehmen.

Gefahr der Blasenentzündung

Die Social-Media-Filterblase wird erst dann gefährlich, wenn sie zu einer sozialen Filterblase wird. Ein gemeinsamer Kaffee eines Hofer-Wählers mit einem Van-der-Bellen-Anhänger wäre weniger zeitaufwendig als die stundenlangen gegenseitigen Angriffe, Beschimpfungen und Unterstellungen auf Facebook, die hinter einer Wand vor sich gehen, durch die man den anderen niemals zu Gesicht bekommt.

Es geht bei der direkten Konfrontation nicht darum, zu missionieren. Sondern darum, zuzuhören. Nicht darum, verstehen zu müssen oder gar zuzustimmen, sondern darum, den anderen und seine Wahlmotive kennenzulernen. Den Nachbarn, die Wirtin, den Verkäufer beim Bäcker ums Eck. Weil man auch nach dem 4.12. zusammenleben muss. Weil die Menschen, die politisch anderer Meinung sind, nicht einfach verschwinden werden. So wie sie längst auf Facebook verschwunden sind. (Barbara Kaufmann, 29.11.2016)

Barbara Kaufmann ist freie Journalistin und Filmemacherin. Blog: barbarakaufmann.wordpress.com

  • "Facebook vergisst nichts. Und damit wir es nicht vergessen, schafft es mit all den Informationen, die wir beim Surfen hinterlassen, eine Komfortzone für uns."
    screenshot: facebook, montage: der standard

    "Facebook vergisst nichts. Und damit wir es nicht vergessen, schafft es mit all den Informationen, die wir beim Surfen hinterlassen, eine Komfortzone für uns."

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