Robert Haas: Auf den Spuren der Wirklichkeit

28. November 2016, 16:59
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Die Ausstellung "Der Blick auf zwei Welten" im Wien-Museum

Wien – "Es kommt selten vor, dass man vor einem Fotoarchiv steht und sagt: Wow!" Der Fotohistoriker Anton Holzer, der beruflich schon viel erlebt hatte, war überwältigt, als er 2012 in einem Dachzimmer in Ossining, New York, Schachteln, Kisten, Ordner und tausende Abzüge sah. Miriam Haas machte sie ihm zugänglich, und dadurch kam endlich ins Rollen, was überfällig war und worauf ihr Vater Robert Haas lange gehofft hatte: Der Nachlass des bedeutenden Fotografen und Druckgrafikers wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Eine Auswahl ist nun in der Ausstellung Der Blick auf zwei Welten im Wien-Museum zu sehen. Die rund 250 bisher unveröffentlichten Prints bieten einen Querschnitt durch ein Werk, welches von Porträts und Objektbildern bis zu Sozialreportagen reicht und in dem sich künstlerische und technische Prinzipien mit Engagement die Waage halten.

Österreich und ...

Die zwei Welten, das sind Österreich und die USA. In beiden Ländern hat Robert Haas gelebt, gearbeitet und – auf sehr unterschiedliche Weise – auch gelitten. 1898 in Wien geboren, wuchs er in einer bürgerlichen Familie auf. Neben dem Maschinenbaustudium machte er eine Lehre in Grafik und Typografie, entwarf Plakate unter anderem für die Secession, gründete eine Kunstdruckwerkstatt und lernte bei Trude Fleischmann Atelierfotografie.

Diese Fertigkeit und Reportagen im Freien, die ihn zunehmend interessierten, machten ihn zum gesuchten Profi im Österreich der 1930er. Er dokumentierte den Alltag in Wien und die Welt der Salzburger Festspiele, wo er 1936 und 1937 der offizielle Lichtbildner war. Seine Bilder verkaufte er an Magazine im In- und Ausland, Haas war damals ein Begriff in der Branche. Dies kam zu einem jähen Ende, als er 1938, als Jude verfemt, Österreich verlassen musste.

... die USA

Die Details seiner abenteuerlichen Flucht sind im vorzüglich edierten Katalog nachzulesen; sie endete, wie für viele Kreative damals, in New York. Zwar konnte er sein Archiv und seine Geräte hinüberretten, doch anders als manche Kollegen fand er kaum Anschluss in der Fotobranche. Auch die Hoffnung, bei Magazinen wie Life unterzukommen, zerschlug sich. Stattdessen gründete er wieder eine Kunstdruckerei, Ram Press, die sich bald einen guten Ruf erwarb.

Miriam und seine zweite Tochter Cathy Haas Riley, die beide zur Ausstellungseröffnung nach Wien gekommen sind, haben erzählt, dass Hermann Zapf und andere bekannte Typografen ihn in seiner Werkstatt aufsuchten. Für einige große Museen, Galerien und Unternehmen in New York gestaltete und druckte er anspruchsvolle Aufträge.

Der Fotografie blieb er einerseits als Lehrender an Kunsthochschulen verbunden – in New York, Vermont und am interdisziplinär hochproduktiven Black Mountain College in North Carolina. Andererseits war er weiterhin auch hinter der Kamera aktiv. In der Stadt und auf Reisen hielt er Architektonisches im Zentrum und Details am Rande fest. Zeitgenossen wie Albert Einstein und Arturo Toscanini kannten ihn und ließen sich von ihm porträtieren. Sein Zugang zur frühen Street-Photography machte ihn zum Pionier dieses Genres.

Das Ehrenkreuz

Doch anders als Berufskollegen wie Ernst Haas (nicht verwandt), Inge Morath oder auch Trude Fleischmann, die es aus unterschiedlichen Gründen ebenfalls in die USA verschlagen hatte, blieb ihm der zeitgenössische Ruhm großteils verwehrt.

1993, vier Jahre vor seinem Tod, wurde ihm im Österreichischen Kulturinstitut in New York zwar das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen. Doch etliche Versuche, sein Archiv in die alte Heimat überführen zu lassen (in einem Brief hoffte er noch, dass "manche Träume wahr werden"), verliefen im Sande bzw. im Getriebe der Museumsbürokratien, was schmerzte.

Um den Nachruhm dürfte es ab jetzt besser bestellt sein. Die von Holzer und der Museumskuratorin Frauke Kreutler betreute Ausstellung ist ein erster wichtiger Schritt. Für einen nächsten, in transatlantische Richtung, sind die Weichen gestellt: Den Katalog gibt es auch auf Englisch. (Michael Freund, 28.11.2016)

Bis 26. Februar 2017 im Wien Museum

  • Robert Haas' Blick auf das Hotel de l'Europe, Salzburg 1935.
    foto: wien museum

    Robert Haas' Blick auf das Hotel de l'Europe, Salzburg 1935.

  • "Abfallkübel, Wien" (1934)
    foto: wien museum/sammlung robert haas

    "Abfallkübel, Wien" (1934)

  • "Auf dem Motorrad, Burgenland" (1937)
    foto: wien museum/sammlung robert haas

    "Auf dem Motorrad, Burgenland" (1937)

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