Künstliche Intelligenz – mehr Fluch als Segen

Blog28. November 2016, 15:07
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Ökonomien auf einem durchstandardisierten Fertigpizzaniveau? Mit KI setzt sich der Trend in Richtung Produktlangeweile fort

Am Montagabend geht es an der Berliner Eliteschule ESMT heiß her. Die altenglische Streitkultur (zu Englisch "Debating") wurde von der Berliner Politelite wiederentdeckt und lädt nun regelmäßig zum Disput. Diesmal geht es um die These: Der Vormarsch der Künstlichen Intelligenz (KI) bedeutet mehr Fluch als Segen. Und wie nicht anders zu erwarten, bin ich eingeladen, diese These zu verteidigen. Dabei ist meine Haltung zum Thema sicherlich ausgewogener. Aber wenn man schon mal streitet, dann lege ich meine Bedenken gerne dar.

KI-Schuster – bitte zu euren Leisten!

Die KI ist ein gutes Hilfsmittel, um uns Menschen bei bestimmten isolierten Aufgaben zu unterstützen; etwa in der Krebsdiagnose durch Bilderkennungsverfahren; beim Trainieren von Schachfähigkeiten oder zum Mitziehen auf Finanzmärkten. Überall da, wo eine Vielzahl von verstreuten Informationen in sehr kurzer Zeit, möglichst effizient und möglichst mathematisch präzise verarbeitet werde müssen, da ist KI richtig positioniert und sehr hilfreich.

Warum diese eigentlich gute KI heute jedoch mehr Fluch als Segen bedeutet hat mindestens fünf Gründe:

  • KI wird überbewertet
  • KI hat Qualitätsprobleme
  • KI hat fragwürdige Auswirkungen auf die Ökonomie
  • Zu viele Entscheider glauben an die Maschinenintelligenz die keine ist
  • KI hat eine politische Spaltungsfähigkeit

Der KI-Traum, ein Märchen

Der Traum von einer wirklich intelligenten KI im menschlichen Sinne ist schlichtweg ein Märchen. Die KI ist technisch überbewertet, weil zu Viele ihr eine "Intelligenz" im menschlichen Sinne zuschreiben beziehungsweise sogar eine höhere Intelligenz als die der Menschen selbst (also jener, die sie erschaffen). Dabei fehlt ihr per natura der emotionale Teil menschlicher Intelligenz und die Fähigkeit zur Empathie, die für uns Menschen ganz entscheidend ist. Die Intelligenz, die in unseren organischen Körpern als sogenannte "embodied consciousness" vorhanden ist, kann von der Maschine nicht reproduziert werden.

KI fehlt somit die Fähigkeit, "Ideen" zu erfassen und zu entwickeln und von einem Kontext auf den anderen zu übertragen. Sie hat zwar Zufallsalgorithmen und kann kombinieren, ist aber weder kreativ noch genial. Angrenzend an diese Schwäche fehlt ihr die Fähigkeit, mit den Randwahrscheinlichkeiten und schwarzen Schwänen umzugehen, die das menschliche Schicksal, das Leben und die Natur insgesamt prägen und auch schön, aufregend und evolutionär robust machen Zusammenfassend fehlt der KI aufgrund all dieser Mängel jegliche Fähigkeit, das Gute zu erkennen und dann intuitiv zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

KI kann mehr verwirren als nützen

KI kann sicherlich sehr leistungsstark werden, wenn ihr hervorragende Daten als Input zur Verfügung stehen. Jedoch weiß jeder der heute in der IT arbeitet, dass die Datenqualität ein riesiges Problem ist. So kann es auch bei KI-Anwendungen schnell zu einem "Bullshit in – Bullshit out"-Problem kommen. Der Inputfaktor Daten liegt sogar langfristig im Argen, weil es gar keine standardisierten Metadatenframeworks gibt, um Informationen global einheitlich, nachhaltig und offen zu beschreiben.

Noch viel weniger gibt es Standards zur Dokumentation von KI und dem was sie tut. Erste wissenschaftliche Ansätze zur Beschreibbarmachung von dem, was selbstlernende Systeme tun und wie sie sich entwickeln – wie sie zum Beispiel Gewichte setzen – sind (wenn überhaupt) in den Kinderschuhen. Somit haben wir es im Fazit mit mächtigen Systemen zu tun, die wir völlig überbewerten, die uns leicht verwirren können und über die wir gleichzeitig schon jetzt die Kontrolle verlieren.

Fragwürdige Auswirkungen auf Ökonomie

Man kann den Kontrollverlust über die KI an den Finanzmärkten gut beobachten. Diese werden heute in weiten Teilen von KIs gesteuert, was dazu führt, dass die Realwirtschaft in einen völlig absurden Wachstums- und Geschwindigkeitswahn hineingetrieben worden ist. Es gibt regelmäßig irgendwelche Blitzcrashes. Und eigentlich weiß keiner mehr so richtig, was da passiert; noch nicht mal die Experten, die die jeweiligen KIs gebaut haben.

Dieser fundamentale ökonomische Kontrollverlust gigantischen Ausmaßes ist aber nur ein Teil des Problems. Wenn KI eingesetzt wird, um in Zukunft Wissensarbeiter zu ersetzen (etwa Anwälte und Ärzte durch IBM Watson), so werden wir es nicht nur mit massiven Arbeitsplatzverlusten zu tun bekommen, sondern auch mit einer Verdummung ganzer Berufsgruppen und flächendeckenden Qualitätseinbußen. Ein KI-Anwalt ist sicherlich billiger. Er ist aber auch standardisierter. Er wird in etwa das Qualitätsniveau einer Hofer-Pizza haben, was nicht schlecht ist. Aber auch die Hofer-Pizza hält mit einer echten italienischen Pizza nicht mit.

Man kann natürlich darüber streiten, ob man unsere Ökonomien und unsere Betriebe alle auf ein noch weiter durchstandardisiertes Fertigpizzaniveau absinken lassen möchte. Schon bei der Einführung von ERP-Systemen wie SAP wurde kritisiert, dass Firmen auf Basis ihrer individuellen Prozesse nicht mehr wettbewerbsfähig sein können. Mit KI setzt sich dieser bedauerliche ökonomische Trend in Richtung Produktlangeweile fort.

Zu viele Entscheider glauben an die Maschinenintelligenz, die keine ist

Der Fluch ist, dass die Befürworter von KI all diese qualitativen Mängel und negativen Folgen für die Gesellschaft und die beteiligten Unternehmen nicht durchschauen oder nicht sehen wollen. Sie stellen sich der Kritik nicht und wollen weiter ihre Drittmittel und Produkte verkaufen, egal welche Konsequenzen das hat. Sie sprechen von Fortschritt, wo mehr Maschinen als Menschen fortschreiten. Und von "Intelligenz", wo es sich eigentlich nur um eine gigantische unkontrollierte und im menschlichen Sinne autistisch standardisierte Rechenleistung handelt. Unwissende Unternehmen und Politiker hucken dann diesem absurden Fortschrittsversprechen der KI und IT auf, benutzen in jedem zweiten Satz das Wort "smart". Sie stehen bereit, immer mehr Entscheidungen an diese suboptimale Maschinenwelt zu delegieren, der man mittlerweile mehr vertraut als dem gesunden Menschverstand. Ein weiterer Fluch.

KI hat eine politische Spaltungsfähigkeit

Abschließend stellt sich das Problem der Machtasymmetrien, welche zu einer globalen politischen Spaltung führen könnten. KI braucht Daten und Europa hat keine Daten. Europa verhökert und verschenkt seit Jahren die eigenen Daten und lässt zu, dass die mit Steuergeldern finanzierten besten KI-Firmen ins Ausland verkauft werden; siehe etwa Deep Mind.

Sollte die KI jemals doch richtig mächtig werden und all die vorgenannten Probleme überkommen, dann ist es für Europa ein Fluch, denn schon heute haben wir unsere kompletten Identitäten restlos an Google, Oracle, Acxiom, Palantir, Facebook, Amazon, IBM, Apple, Microsoft, GS1 und tausende von anderen Firmen verraten. Und diese Daten werden schon heute massiv von einfachen KI-Systemen gegen uns verwendet. 900 Fallbeispiele für diesen Missbrauch finden sich in meinem mit Wolfie Christl geschriebenen Buch "Networks of Control", wo man nachlesen kann, wie wir ferngesteuert werden. Eine Fernsteuerung, die uns politisch spaltet, uns in Filterbubbles hineinversetzt, unsere Kooperationsfähigkeit untergräbt und auf politischer Ebene zu einem unterschwelligen Handelsstreit mit den USA führt. (Sara Spiekermann, 28.11.2016)

Links

  • Künstliche Intelligenz ist ein gutes Hilfsmittel, um Menschen bei bestimmten isolierten Aufgaben zu unterstützen. (Foto: Roboter iCub auf dem Innorobo European Summit 2013)
    foto: ap photo/laurent cipriani

    Künstliche Intelligenz ist ein gutes Hilfsmittel, um Menschen bei bestimmten isolierten Aufgaben zu unterstützen. (Foto: Roboter iCub auf dem Innorobo European Summit 2013)

  • Sarah Spiekermann bloggt auf derStandard.at: Die ethische Maschine
    foto: sarah spiekermann

    Sarah Spiekermann bloggt auf derStandard.at: Die ethische Maschine

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