Duolingo im Test: Das Smartphone als Russisch-Lehrer

7. Jänner 2017, 09:49
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Kostenlose App vermittelt Sprachkenntnisse erfolgreich im Häppchenformat und motiviert, am Ball zu bleiben

Die Vorgeschichte dieses Tests ist ein bisschen tragisch. Der Autor dieser Zeilen wuchs zweisprachig auf. Gesprochen wurden Deutsch und Russisch. Der Vater ist Steirer, die Mutter kommt aus der ehemaligen UdSSR. Die ersten paar Lebensjahre wurden in Wien zugebracht, ehe die Familie ins südliche Oberösterreich zog. Mit fünf Jahren beherrschte er beide Sprachen fließend – so fließend wie ein Fünfjähriger seine Sprachen eben beherrscht.

Dann kam der Schuleintritt. Und gelegentliche Sprachwirrungen. Ein auf Deutsch gerade nicht erinnerliches Wort wurde eben einfach auf Russisch gesagt. Zum großen Amüsement der Mitschüler, die ohnehin schon ein eher skeptisches Verhältnis zum in der Hauptstadt aufgeschnappten Dialekt des Zuzüglings bei dessen deutschen Sprachgebrauch hatten.

Es folgte Verweigerung. Der Sturschädel, der nun kein Russisch mehr lernen wollte, war größer als die Vernunft und über die Jahre erodierte das erworbene Wissen. Aber weil man rückblickend immer gescheiter ist, folgten mit Jahrzehnten Verspätung mehrere Anläufe, das Verpasste nachzuholen. Selbststudien mit diversen Büchern, Audiobooks und dem eigentlich exzellenten Lern-Podcast des Russland-Journal scheiterten jedoch spätestens nach ein paar Wochen. Ein Volkshochschulkurs währte nur ein Semester, zu fordernd erwiesen sich die geballten zwei Stunden Stoff jeden Mittwochabend nach dem anstrengenden Arbeitstag.

screenshot: duolingo

A New Hope

Doch der neueste Selbstversuch gibt Hoffnung. Die Smartphone-App Duolingo, entdeckt durch den Tipp einer Freundin, ist nun seit zwei Monaten zum fixen Begleiter geworden. Und hat in dieser Zeit gefühlt mehr bewirkt, als alle Anstrengungen davor.

Das in allen Lernfunktionen kostenlose (hin und wieder wird Werbung eingeblendet) Tool wird für Android und iOS angeboten. Wer möchte, kann denn Spracherwerb auch am Laptop oder Desktop per Browser betreiben. Gerade für Sprachen mit unterschiedlichem Schriftsystem – hier etwa Kyrilisch – erscheint das Handy mit seiner einfach wechselbaren Bildschirmtastatur jedoch als praktischer. Die Browser-Variante wurde nicht ausführlicher getestet, die Rezension bezieht sich auf die Android-App.

Wer Englisch oder eine der oft in den Schulen angebotenen romanischen Sprachen (Französisch, Spanisch) lernen möchte, kann dies mit Deutsch als Ausgangssprache tun. Wesentlich größer ist das Angebot, wenn man Englisch als Basis nutzt. Das hat den Vorteil, dass man auch diese Kenntnisse ein wenig nachschärft, während das Grundkonzept als germanische Sprache vom Deutschen nicht abweicht. Angeboten werden hier etwa auch Italienisch, Hebräisch, Vietnamesisch und eben auch Russisch.

screenshot: duolingo

Tagespensum und Aufbau

Zum Start kann man das eigene Tagespensum festlegen, das sich auch jederzeit ändern lässt. Dabei handelt es sich um eine lose Eigenvorgabe, bei deren Erfüllung an aufeinander folgenden Tagen ein Streak ("Lauf") erzeugt wird. Ein simples Mittel, das erstaunlich gut zu motivieren vermag.

Wählen kann man zwischen einem Aufwand von fünf bis dreißig Minuten, wobei fünf Minuten jeweils einer Übung entspricht, die wiederum immer ein Teil eines größeren Blocks ist. Wer am Ball bleibt, verdient "Lingots", mit denen sich das Maskottchen der App aufhübschen oder der eigene Streak tageweise "einfrieren" lässt, sollte man mal wirklich gar keine Zeit zum Üben finden.

Unterteilt werden Duolingo-Kurse in grammatische und thematische Abschnitte. So geht es etwa einmal darum, in mehreren Übungen eine erste Vergangenheitsform kennen zu lernen, eine andere vermittelt Zeit- und Zahlenangaben während eine dritte vor allem den Schatz an Wörtern und Floskeln rund um das Thema "Familie" erweitert. Der Fortschritt erfolgt "zeilenweise" in einer vorgegebenen Reihenfolge, innerhalb der jeweiligen Zeile können die Blöcke allerdings nach eigenem Gutdünken abgearbeitet werden.

screenshot: duolingo

Keine Schriftvermittelung

Eine Schwäche sollte allerdings erwähnt werden: Zumindest was Russisch angeht, erfolgt über Duolingo keine Vermittlung des kyrilischen Alphabets. Wer sich also an eine Sprache wagt, die eine andere Schrift mitbringt, sollte sich diese in ihren Grundzügen aneignen.

Und ganz generell machen ein paar Vorkenntnisse den Einstieg in Duolingo natürlich einfacher und sorgen für wichtige, schnelle Erfolge. Insofern eignet sich die App vermutlich besser zum Aufbau auf einem kleinen, bestehenden Fundament, denn als alleiniges Lernmittel für einen Start von Null weg. Dass es in jedem Fall sinnvoll ist, nebenher auch mal einen Text in der jeweiligen Fremdsprache zu lesen, sich ein Video im Originalton mit Untertiteln anzusehen oder – noch besser – mit einer Muttersprachlerin oder einem Muttersprachler zu üben, versteht sich von selber.

Regelmäßig Auffrischungen

Doch zurück zur App: Prinzipiell bringt jeder Lernabschnitt ein paar neue Vokabeln mit, die infolge häufig genug genutzt werden, um nicht so leicht wieder in Vergessenheit zu geraten. Zusätzlich berücksichtigt das Programm den üblichen "Gedächtnis-Fallout" des menschlichen Hirns und schaltet gelegentlich eine bereits abgeschlossene Lektion wieder zur Absolvierung einer Auffrischungsübung frei, die innerhalb einiger Tage abgeschlossen werden muss. Auf freiwilliger Basis kann man sich auch so Wiederholungen oder einer Abfrage aller bisher erworbenen Kenntnisse stellen.

Wer sich das eigene Pensum konservativ genug einstellt, um sich auch an stressigen Tagen nicht zu sehr gezwungen zu fühlen, den "Lauf" aufrecht zu erhalten, wird recht bald spürbare Fortschritte merken. Aus einfachen Vorstellungen werden komplexere Situationsbeschreibungen, und vom Präsens ausgehend beginnt man, auch andere Zeiten zu erforschen. In den Übungen können Wörter und Wendungen, die noch nicht oft geübt wurden oder gänzlich neu sind, per Antippen nachgeschlagen werden.

screenshot: duolingo
Katzen. Sie sind überall.

Vielfältige Aufgaben

Die einzelnen Aufgabenstellungen variieren dabei. Beispielsweise gilt es, Sätze aus vorgegebenen Wörtern aus der einen in die andere Sprache zu übersetzen, Multiple-Choice-Tests, Einsetzübungen oder Kurzdiktate. Gegenüber Tippfehlern zeigt sich Duolingo dabei angenehm tolerant und akzeptiert Eingaben auch dann als richtig, wenn man sich bei einem Buchstaben verdrückt oder etwa das weiche mit dem scharfen "s" verwechselt – allerdings nicht, ohne auf die korrekte Schreibweise aufmerksam zu machen. Auch mit unterschiedlichen (richtigen) Formulierungen von ein und demselben Satz kommt Duolingo fast immer zurecht.

Dabei ist das Programm nichts für Grammatikpauker. Wer sich durch Konjugationstabellen und dergleichen arbeiten will, muss das auf eigene Faust tun. Konzeptuell setzt Duolingo offensichtlich darauf, ein "Gefühl" für die jeweilige Sprache zu entwickeln und Gesetzmäßigkeiten mittels "Learning by Doing" mit der Zeit selber kennen zu lernen. Ein Zugang, der wohl nicht für jeden Lerntyp geeignet ist. Fragen lassen sich auch an die als hilfsbereit geltende Community richten. Dazu kann man auch Freunde hinzufügen und den eigenen Fortschritt für zusätzliche Motivation miteinander vergleichen.

Ordentliche Sprachausgabe

Lob verdient sich der mobile Verständigungstrainer – so sagt es jedenfalls auch die Mutter des Autors – für seine Sprachausgabe. Russisch und andere Sprachen werden zwar recht "farblos", also in ihrer "Schulversion" vorgetragen, dies aber dafür sehr korrekt.

Ein Ersatz für Sprechübungen ist das freilich nicht und solche werden für Russisch momentan auch noch nicht angeboten, bei populäreren Kursen wie Englisch oder Französisch wird bereits Spracherkennung eingesetzt, um den Nutzer vorgefertigte Sätze ins Handy sprechen zu lassen.

Hier wird sich in Zukunft allerdings einiges ändern: Duolingo bietet in ersten Sprachen bereits Bots an, mit denen sich Konversationen schriftlich trainieren lassen und die zukünftig auch einmal auf Gesprochenes reagieren sollen.

foto: derstandard.at/pichler

Fazit: Хорошее приложение!*

Als Fazit nach sechs Wochen Verwendung und einem mittlerweile 75 Tage währenden Lauf bleibt, dass Duolingo ein wirklich gelungenes Tool für Sprachvermittlung ist. Ganz ohne übermäßig aufdringlicher Werbung ermöglicht es das Tool, die eigenen Kenntnisse häppchenweise aufzubauen und zu verfestigen.

Zumindest auf fortgeschrittenem Einsteigerniveau funktioniert das Konzept, das dem Nutzer das Auswendiglernen dröger Grammatikregeln erspart, ganz gut. Der Schwierigkeitsgrad steigt dabei langsam und kontinuierlich an, es kommt nur selten vor, dass eine Übung übertrieben schwer wirkt. Auch Programmfehler (bislang waren dies lediglich nicht übersetzte Elemente bei Satzbauübungen) treten äußerst selten auf. Schade ist, dass manche Sprachen übungstechnisch noch nicht weit ausgebaut sind und teilweise Übungsarten fehlen.

Wer einst am Erwerb einer im Unterricht vermittelten Sprache gescheitert ist oder verloren gegangene Kenntnisse erneuern will, sollte dieser App auf jeden Fall eine Chance geben. Der Autor dieser Zeilen peppt neben Russisch seit kurzem nun auch seine Französischkenntnisse wieder auf. (Georg Pichler, 07.01.2016)

* Gute App!

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