"Kudlich": Der Bauernbefreier und der Populist

27. November 2016, 18:05
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"Eine anachronistische Puppenschlacht" von Thomas Köck kraftvoll im Schauspielhaus Wien

Wien – Die "epische Landschaft der Spätmoderne" zwischen Prekariat, digitalen Daten- und globalen Flüchtlingsströmen, sie ist ein verblüffend schlichter Erd- und Bretterboden im Schauspielhaus Wien. Dort hat man, in bekannter Manier, den Zuschauerraum wieder einmal vollkommen umgebaut. Zwischen Tribünen von drei Seiten hängt bodennah und filettiert ein riesiger, in die Knie gehender Stier (tolle Ausstattung: Jil Bertemann). Hergeschafft wurde er wohl von den Börsenplätzen der Welt gleich wie aus dem Bauernstall der Kudlichs.

Deren Hans ist nämlich unser Held. Im rosa Rüschenkragen sieht er (Nicolaas van Diepen) zwar reichlich töricht aus, aber im brodelnden Wien anno 1848 hält er flammende Reden über Verbrüderung. Das macht den Bauernsohn und Philosophie- sowie Jusstudenten zur Galionsfigur der Revolution. Im Reichstag wird er einen Antrag zur Aufhebung der Leibeigenschaft stellen, als Bauernbefreier dafür in die Geschichtsbücher eingehen.

Historische Schleifen

Nun hat ihn der 30-jährige oberösterreichische Dramatiker Thomas Köck zum Anfangspunkt für sein Stück Kudlich bestimmt. Von Hans aus zieht er historische Schleifen. Sie verbinden die neue Abhängigkeit der nunmehr freien Bauern vom entstehenden Raiffeisen-Konglomerat mit einer neoliberalen, ideologiefreien, halt- und haltungslosen Postgesellschaft unserer Tage.

Während Eindreiviertelstunden schmelzen so die Zeiten ineinander. Und trifft Kudlich auf den Revolutionsautor Georg Büchner gleichwie auf den unschwer zuzuordnenden Populismuspolitiker "Bumsti Hofer" und dessen Adjutantin "Frauke Kickl" (mal widerlich besorgt, mal nur widerlich gespielt von Peter Elter und Katharina Haudum). "Wer die Ausnahme beherrscht, wird Souverän", wissen sie unter anderem zu sagen. Und dass sie zurückholen wollen, was die Donau hinuntergeflossen ist.

Preisgekrönt auf Tour

Das Stück zeigt nichts, es spielt eigentlich nichts vor. Was es zu sagen hat, spricht es aus. Es sammelt Phänomene, Beobachtungen, heiße Themen und montiert sie. Propagandaparolen, Gegenreden und kluge Minianalysen trägt es gleichermaßen im Munde. Dass auch Schlagworte wie TTIP und Hercules-Flieger nicht didaktisch-modrig aus den Deklamationen herausriechen, schafft Köck mit seiner dosiert-furiosen Handhabung des sprachlichen Instrumentariums.

Sensibel-effektvoll arbeitet die Inszenierung des Regisseurs Marco Storman dem Gelingen des Abends zu, kraftvoll spielt das Ensemble (Max Gindorff und Lisa Maria Sexl komplettieren), doch beeindruckt diese Textwucht am meisten. Ist es auch unmöglich, beim vorgelegten Tempo alles zu verarbeiten: "Smartphonedegen" und "freischaffende Bauern" lassen sich noch ausdeuten, da ist schon die Rede von "PVC-Parkett" und "Biedermeierhollywood". Und bald sinniert Arabella (Kiesbauer) über die intellektuelle Elite, die sich zu gut für das "Niveau des öffentlichen Diskurses" ist.

Im Frühjahr hat Köck dafür den Autorenpreis der österreichischen Theaterallianz erhalten. Die Uraufführung tourt kommendes Jahr durch die übrigen fünf Häuser des Zusammenschlusses. Sein Vorspiel erklärt die Menschen zu Marionetten. Wo Fäden, da Knoten, wird gewarnt, da kann sich was verheddern. Dieser Abend führt seine Fäden sicher. Verdient großer Applaus. (Michael Wurmitzer, 27.11.2016)

  • Vom Konkreten zum Abstrakten, vom Tatsächlichen zum Bildlichen, vom Absurden zum Klugen und weiter zum Prinzipielle:  Der Abend geht hinein in die Geschichte und entgeht zugleich einer historischen Einengung.
    foto: matthias heschl

    Vom Konkreten zum Abstrakten, vom Tatsächlichen zum Bildlichen, vom Absurden zum Klugen und weiter zum Prinzipielle: Der Abend geht hinein in die Geschichte und entgeht zugleich einer historischen Einengung.

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