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28. November 2016, 07:23
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74 Jahre nach seinem Tod sind in Israel handschriftliche Briefe und Postkarten des Autors aufgetaucht

Das war für uns eine totale Überraschung, dass mehr als 70 Jahre nach dem Tod Stefan Zweigs immer noch Briefe in größeren Mengen auftauchen können, hier in Israel, von denen wir nichts wussten", sagt Stefan Litt, der für deutschsprachige Autoren zuständige Archivar der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem. Im vergangenen Sommer hatte sich eine betagte Dame, die in der Nähe von Tel Aviv lebt, bei ihm gemeldet. Sie habe Briefe von Stefan Zweig, teilte sie mit, und die wolle sie nicht erst testamentarisch, sondern schon zu Lebzeiten der Bibliothek überlassen.

Hanna Jacobsohn, in Berlin geboren und 90 Jahre alt, ist die Stieftochter von Hans Rosenkranz, dem Adressaten der Briefe, und wohl die einzige noch lebende Person, die ihn gekannt hat. "Ich hatte ihn sehr gern, er war ein großgewachsener Mann, sehr gutaussehend, klug", erinnert sie sich in ihrer kleinen Wohnung im Städtchen Bat-Jam. Aber von seiner Korrespondenz mit Zweig hatte sie nichts gewusst. "Als meine Mutter starb, war da ein Koffer voller Briefe von ihren Freundinnen. Und es gab einen separaten Stapel in einem Umschlag. Ich habe den aufgemacht und gesehen, das sind Briefe von Stefan Zweig. Ich habe sie einfach in meinen Banksafe gelegt."

"Ich liebe so sehr dieses Jungsein"

Die 26 Briefe und sechs Postkarten, die Archivar Litt behutsam einer Dokumentenmappe entnimmt, sind zum Teil von Zweig handgeschrieben. In jenen, die er in die Schreibmaschine diktierte, gibt es kuriose Fehler der Schreibkraft ("Beethofen"). Verschickt wurden sie zwischen 1921 und 1933 nach Deutschland an Hans Rosenkranz. Der wollte Schriftsteller werden und hatte mit nur 16 Jahren unbekümmert den international berühmten Autor angeschrieben. "Eine große Überraschung für mich war, dass Zweig auf die vielleicht etwas freche Art des 16-Jährigen doch mit großer Seriosität geantwortet hat", sagt Litt.

Zweig, der selbst schon sehr jung Anerkennung gefunden hatte, war vom Elan und dem Talent des Briefpartners angetan. "Selten habe ich aufrichtigen Herzens zu einem jungen Menschen so viel Zutrauen haben dürfen wie zu Ihnen", schreibt er 1921 vom Kapuzinerberg in Salzburg, und im Jahr darauf: "Ich liebe so sehr dieses Jungsein in Ihnen ohne den Hochmut der Jugend. Vielleicht war ich selbst einmal so." Der Titan erteilt dem Bürschlein im väterlichen Ton praktische Ratschläge, lobt Rosenkranz für dessen Plan, sich in einem Verlag auch mit der Herstellung und dem Vertrieb von Büchern vertraut zu machen, und sagt sogar finanzielle Hilfe zu.

"Productive Kraft"

Der briefliche Dialog mit Rosenkranz, der sich 1956 in Israel das Leben nahm, gibt vor allem Aufschluss über Zweigs Gedanken und Haltung "in einem Land, wo man das jüdische Problem ... ständig auf den Nägeln brennen hat". Er ist sich "gewiss, dass das Judentum kulturell jetzt eine productive Kraft, eine Blüte entfaltet wie seit Jahrhunderten nicht". Aber, fügt er hinzu: "Mag sein, es ist das Aufschiessen der Flamme vor dem Untergang". Er lehnt es ab, "diese collective Leistung als Stolz zu empfinden, stolz zu werden und hochmütig auf sein Judentum". Schon im Dezember 1921 empfiehlt er dem angehenden Autor prophetisch: "Lernen Sie jetzt nur Sprachen! Wer weiß, vielleicht wird Deutschland und Europa so dumpf, dass der freie Geist darin nicht wird atmen können."

Diese Briefe sind nun in der Israelischen Nationalbibliothek mit anderen bedeutenden Zweig-Materialien vereinigt, etwa dem einzigen, komplett erhaltenen Originaltyposkript des Erinnerungswerks "Die Welt von Gestern".

In Jerusalem liegt das Original seines Abschiedsbriefs. Er hat ihn am 22. Februar 1942 geschrieben, dem Tag, als er aus Verzweiflung über die Zustände in Europa gemeinsam mit seiner Frau im brasilianischen Exil Selbstmord beging. (Ben Segenreich aus Jerusalem, 28.11.2016)

Zum Weiterlesen

Brasilien-Reisetagebuch Stefan Zweigs: Licht und Schatten in Brasilien

Stefan Zweigs Zeit im Exil: Filmkritik zu "Vor der Morgenröte"

  • Hans Rosenkranz (1905–1956), Adressat der Zweig-Briefe.
    foto: israelische nationalbibliothek

    Hans Rosenkranz (1905–1956), Adressat der Zweig-Briefe.

  • Viele Jahre in einem privaten Banksafe, jetzt in der Israelischen Nationalbibliothek: insgesamt 26 Briefe und sechs Postkarten, die Stefan Zweig zwischen 1921 und 1933 seinem jungen Kollegen Hans Rosenkranz schrieb.
    foto: israelische nationalbibliothek

    Viele Jahre in einem privaten Banksafe, jetzt in der Israelischen Nationalbibliothek: insgesamt 26 Briefe und sechs Postkarten, die Stefan Zweig zwischen 1921 und 1933 seinem jungen Kollegen Hans Rosenkranz schrieb.

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