"30 Minuten Porno" auf CNN: Wie ein Tweet zur Fake-News wurde

27. November 2016, 12:39
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Medien griffen Botschaft von unbekanntem Account auf – unbestätigter Einzelfall wurde Sensations-Schlagzeile

Es klingt wie die fast perfekte Schlagzeile. Einer der weltweit bekanntesten Nachrichtensender, CNN, soll eine halbe Stunde lang einen Pornofilm ausgestrahlt haben. Zur späten Primetime und ausgerechnet am in den USA traditionell im Kreise der Familie begangenen Erntedankfest (Thanksgiving).

Einen entsprechenden Vorfall meldete der Twitteraccount "solikearose", inklusive einem Foto, das den Vorfall dokumentieren soll. Anstelle der Kulinariksendung "Anthony Bourdain‘s Parts Unknown" – deren Namen auch noch einiges Potenzial für Wortwitze hergibt – wurde ein Hardcore-Streifen serviert.

Meldung wird zum Lauffeuer

Es dauerte nicht lange, und die Meldung landete in den Schlagzeilen, wie The Verge dokumentiert. Als erstes größeres Medium dürfte der britische Independent vom angeblichen Porno-Hoppala berichtet haben, das als Tatsache hingestellt wurde. Über soziale Medien verbreitete sich der Artikel freilich wie ein Lauffeuer. Das Amüsement der Leser über den "Fail" des Newskanals war groß.

Auch andere Medien konnten nicht widerstehen. Es folgten Mashable, die New York Post, die Daily Mail und zahlreiche andere reichweitenstarke Portale. Auch im deutschsprachigen Raum kursierte die Nachricht kürzlich noch, etwa am Schweizer Portal "20 Minuten". Dort ist sie mittlerweile gelöscht, auch einige andere Publikationen haben die Meldung entfernt oder stark abgeändert. Denn der Vorfall hat so wohl nie stattgefunden.

Keine Hinweise auf tatsächliche Porno-Ausstrahlung

Der Twitteraccount, von dem die Nachricht stammte, war ein anonymes, unverifiziertes und bis zur CNN-Affäre weitgehend unbeachtetes Konto, dessen Nutzerstandort mit Boston angegeben war. Eine genauere Prüfung des Fotos wurde nicht vorgenommen. Es hätte theoretisch auch manipuliert worden oder beim Umschalten von einem Erotikkanal auf CNN entstanden sein können, zumal viele Fernseher und Receiver die Programminfo eines Senders schneller einblenden, als dessen Bildsignal.

In den ersten Berichten über die angebliche Porno-Ausstrahlung waren noch keine Stellungnahmen von CNN oder des regional zuständigen Kabelbetreibers RCN enthalten, sie beruhten ausschließlich auf dem anonymen Tweet. Während sie über Facebook, Twitter und Nachrichtenaggregatoren eine breite Öffentlichkeit erreichten, wurden die Reaktionen der mutmaßlich Verantwortlichen erst im Nachhinein berücksichtigt.

CNN habe nach Prüfung der eigenen Systeme keinen Hinweis auf eine entsprechende, fehlerhafte Ausstrahlung gefunden, hieß es vom Sender. Auch der voreilig von CNN beschuldigte Kabelbetreiber konnte keinen Fehler feststellen und hielt auch fest, dass es keine weiteren Meldungen dieses Vorfalls gab – was angesichts dessen, dass Boston ein städtischer Großraum mit rund fünf Millionen Einwohnern ist, zumindest bemerkenswert erscheint.

Möglicherweise Einzelfall

Was genau passiert ist, ist nicht sicher aufzuklären. Buzzfeed konnte mit der Nutzerin hinter dem Twitteraccount Kontakt aufnehmen. Diese beharrte auf der Richtigkeit ihrer Schilderung und übermittelte weitere Fotos. Sie räumt allerdings ein, dass es sich um ein Problem gehandelt haben könnte, das nur bei ihr aufgetreten sei.

Auf Twitter habe sie es gepostet, um herauszufinden, ob es noch andere Betroffene in der Region gäbe. Weiters erhalte sie mittlerweile zunehmend Drohungen und sexistische Nachrichten von anderen Nutzern infolge der Berichterstattung. Mittlerweile ist ihr Twitteraccount verschwunden.

Über die unerwartete Aufmerksamkeit freute sich derweilen die transsexuelle Pornodarstellerin Riley Quinn, die in dem angeblich statt dem regulären Programm ausgestrahlten Film zu sehen war. "Hey, CNN, danke für die kostenlose Sendezeit", schrieb sie auf Twitter. Auch sie war offenbar auf die voreiligen Schlagzeilen hereingefallen. (gpi, 27.11.2016)

  • Weder CNN noch der Kabelbetreiber fanden Hinweise dafür, dass ein Porno anstelle des geplanten Programms ausgestrahlt wurde.
    foto: twitter/solikearose via buzzfeed

    Weder CNN noch der Kabelbetreiber fanden Hinweise dafür, dass ein Porno anstelle des geplanten Programms ausgestrahlt wurde.

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