Toyota C-HR: Art brut auf der Straße

27. November 2016, 11:15
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Mit dem neuen C-HR erzwingt Toyota einen Imagewandel – weg vom Biedermann, hin zu einer hippen Käuferschicht, die 's lieber schön als praktisch hat. Das Festival der Linien kann beginnen.

Madrid – Hoffte man, dass die unruhigen Zeiten, in denen das Laute, Heftige, um Effekt Bemühte in den Vordergrund drängt, von anderer Seite beschwichtigt würden, dann hat man sich im Fall des C-HR getäuscht. Der sieht aus, als hätten zu junge Designer zu viel zu sagen gehabt. Das Marketing nennt das Ergebnis ein Auto "in perfect flow" und übersieht die Gefahr, dass weniger Wohlmeinende die ersten beiden Wörter zusammengeschrieben haben möchten.

foto: toyota

Wem Nissans Juke zu aufgeregt erscheint, der wird vom Toyota C-HR erschlagen. Als wollte man dem Prius, aus dem er in weiten Teilen besteht, mit ganzer Wucht ein fancy Hybridcar entgegenstellen, das alles auf einmal kann: Öko, Allrad, SUV, Coupé, Hightech-Träger und urbaner Spielkamerad.

Hybridantrieb

Selbstverständlich kann man darüber anderer Meinung sein, und der C-HR wird Begeisterte finden. Mit dem Kalkül, eine hippe Käuferschicht zu einem Hybridantrieb zu verführen, ohne ihr gleich die ganze Birkenstock-Selbstgefälligkeit überzustülpen.

foto: toyota

Der C-HR kommt in zwei ökologischen Temperamenten: als herkömmlicher 116-PS-Benziner mit oder ohne Allrad, mit Handschaltung oder stufenlosen Getriebe aber als Allradversion immer in Verbindung mit einem CVT-Getriebe, und eben als Hybrid mit 122 PS Systemleistung und Automatik, aber nie mit Allrad. Wobei keiner das Rasen erfunden hat, aber durch die präzise Lenkung, das profunde Fahrwerk, rigide Steifigkeit und den tiefen Schwerpunkt, der durch die Positionierung der schweren Bauteile in Bodennähe erreicht wurde, durchaus Spaß macht.

Gelassener Fahrstil

Mit dem hohen Aufjaulen des Motors beim entschlossenen Gasgeben muss man sich als aufrechter Hybridpilot nun einmal abfinden – und ebenso damit, dass neben der Geräuschentwicklung nicht viel anderes passiert. Diese Eigenschaft erzieht zu gelassenem Fahrstil, der dem dichten Verkehr ohnehin besser angemessen ist.

foto: toyota

Der C-HR schaut also viel schneller aus, als er ist. Und wegen des wilden Coupéschnitts schaut er auch kleiner aus, als er ist. Dem Vergleich mit dem RAV4 aus eigenem Haus und dem Qashqai von Nissan zeigt er sich bei Innen- und Kofferraum und in den Außenmaßen gewachsen. Allerdings forderte die niedrige Dachlinie die Absenkung der Rückbank, um würdevolles Sitzen zuzulassen. Der Blick nach hinten verliert sich in schwarzem Raum, der von schmalen Fensterscharten kaum erhellt wird und die Rückfahrkamera zum sinnvollen Extra adelt.

Assistenzsysteme

Andere Gustostückerln wie das Pre-Collision-System mit Frontkollisionswarner, der Notbremsassistent und die Fußgängererkennung sind hingegen fix verbaut. Genauso wie der Spurhalteassistent mit aktiver Lenkunterstützung, Fernlichtassistent und radargestützter Tempomat.

foto: toyota

Die üppige Ausstattung, die auch einen großen Bildschirm umfasst, ging offenbar zulasten der Ablagen, an die man sich in anderen Modellen gewöhnt hat. Der Schlachtruf des Toyota-Europa-Chefs Alain Uyttenhoven, "Zuerst schön, dann praktisch", wurde von den Gestaltern des C-HR fröhlich in die Tat umgesetzt. (Andreas Hochstöger, 27.11.2016)

Anmerkung: Leider sind uns bei der Zusammenfassung der Motor-Getriebe-Varianten und bei den Preisen Fehler unterlaufen, die wir nachträglich korrigiert haben. (glu, 29.11.2016)


Nachlese:

SUV: Große kleine Japaner

Nissan Juke: Krawall mit Spielekonsole

Honda HR-V: Idee vom absolut universellen Auto

Link

Toyota

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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