Remis erhöht die Spannung vor letzter Partie

Analyse mit Video27. November 2016, 03:16
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Carlsen erhält mit Schwarz Initiative, Karjakin verteidigt genau: Remis. Die zwölfte Partie oder ein Tiebreak müssen nun über WM-Titel entscheiden

New York – "Wir hatten uns bereits leichte Sorgen gemacht", sagt der norwegische Kollege im Pressezentrum mit typisch skandinavischem Understatement. Seit Carlsens Sieg in Partie zehn sei die Welt in Norwegen aber wieder in Ordnung. Das staatliche Fernsehen überträgt alle WM-Partien live und in voller Länge, auch das elfte und vorletzte Spiel wird trotz Zeitverschiebung von mehr als zweihunderttausend norwegischen Schachfans vor dem Bildschirm verfolgt.

Karjakins Dilemma

In Russland dürfte das Interesse kaum geringer sein – auch wenn das russische Publikum durch Karjakins Niederlage in der Partie vom vergangenen Donnerstag gerade gute Gründe bekommen hat, sich Sorgen zu machen. Seine letzte Weißpartie bringt den Herausforderer denn auch in ein Dilemma: Nach einer Niederlage soll man erst einmal ein sicheres Remis einschieben, so eine alte russische Schachweisheit.

Allein, Sergej Karjakin fehlt die Zeit dafür. Macht er an diesem Samstag in der elften Partie mit Weiß schnell Remis, dann lastet in Partie zwölf ein ungeheurer Druck auf ihm: In der letzten Partie hat der Herausforderer nämlich Schwarz. Hält seine Verteidigung nicht, gibt es für ihn keine Chance mehr zurückzuschlagen – Magnus Carlsen bliebe Weltmeister.

Der alte Carlsen

Karjakin versucht also das, was man im Fußball gerne kontrollierte Offensive nennt. In einer weiteren Spanischen Partie lässt sich der Herausforderer früh auf umfassende Vereinfachungen ein. Das reduziert Carlsens Gegenspielchancen, macht es aber auch dem Herausforderer schwer, einen Ansatz für chancenreiches Spiel auf den vollen Punkt zu finden.

Und der Weltmeister scheint sich wohl in seiner Haut zu fühlen. Schon unmittelbar nach seinem ersten Sieg hatte sich seine Körpersprache sichtlich verändert, auch heute meint man, wieder den alten Carlsen vor sich zu haben: voller Selbstvertrauen, jeden beliebigen Gegner auch aus scheinbar trockenen, ausgeglichenen Stellungen heraus vor Probleme stellen zu können.

Weltmeisterlich

Ganz in diesem Sinne erhöht der Norweger mit seinem neunzehnten Zug die Spannung in einer bis dahin ruhigen, ereignisarmen Partie. Mit 19...d5 opfert der Weltmeister vorübergehend einen Bauern und kompliziert die Stellung damit enorm. Karjakin taucht erst einmal für längere Zeit ab, lässt die Figuren vor seinem geistigen Auge zahllose Schlagfolgen, Schachgebote und stille Züge absolvieren, um intensiv nach der besten Antwort zu suchen.

Während bis zu diesem Zeitpunkt nur fraglich schien, ob Karjakin seinen Raumvorteil am Königsflügel in ein dauerhaftes Druckspiel transformieren kann, ist nach Carlsens Bauernopfer plötzlich alles offen. Vor allem gibt es nun genügend Möglichkeiten für Weiß, durch unpräzises Spiel in ein schlechtes, vielleicht verlorenes Endspiel zu driften. "Wegen solcher Züge ist Carlsen Weltmeister", sagt Kommentatorin Judit Pólgar anerkennend.

Keine Blöße

In diesen Momenten, in denen die Initiative von einem Spieler auf den anderen übergeht, werden im Schach die meisten Fehler begangen. Beide Kontrahenten spüren, wie der Wind dreht. Wer bemerkt, dass die Partie unerwartet gegen ihn zu laufen beginnt, neigt zu ungenauem Spiel und panischen Reaktionen – auf jedem Spielniveau.

Sergej Karjakin allerdings zeigt ausgerechnet in solchen Augenblicken seine größte Stärke. Kaum riecht der Herausforderer Gefahr, schon spürt er mit schlafwandlerischer Sicherheit die hartnäckigste Verteidigungsformation auf, gegen die seine Kontrahenten in der Folge oftmals erfolglos anrennen.

Auch heute gibt sich der Russe keine Blöße. Seine Bedenkzeit investiert er nach Carlsens Bauernopfer im goldrichtigen Moment und wählt eine Abwicklung, die manch anderem an seiner Stelle wohl die Schweißperlen auf die Stirn triebe. Im vierundzwanzigsten Zug kann Magnus Carlsen mit e3 einen brandgefährlich wirkenden Freibauern bilden – und tut das auch: Nur noch zwei Schritte fehlen dem schwarzen Königsbauern danach zum Umwandlungsfeld, Dame und Turm des Schwarzen stehen dabei voll und ganz hinter ihm.

Volatile Stellung

Karjakin jedoch hat aus der Ferne richtig abgeschätzt, dass ihm hier keine ernste Gefahr droht. Auch des Herausforderers Schwerfiguren sind günstig platziert, nötigenfalls wird noch der weiße König mithelfen, den flinken schwarzen Bauern unschädlich zu machen, bevor dieser auf e1 den entscheidenden Touchdown erzielt und sich vor lauter Freude in eine Dame verwandelt.

Was folgt, ist ein Schwerfigurenendspiel auf hohem taktischen Niveau. Während die Computerprogramme unbeeindruckt Remisvarianten ausspucken, ist die Stellung für menschliche Schachspieler alles andere als trivial: Ein einziger Fehltritt mit einer der Schwerfiguren, ein im falschen Moment vorgeschobener Bauer könnte Weiß wie Schwarz hier mit sofortiger Wirkung in die ewigen Jagdgründe befördern. Es gibt in dieser volatilen Stellung kaum besonders gute, dafür aber viele sehr schlechte Züge, die auf den ersten Blick zumal nicht leicht als solche erkennbar sind.

Coole Hunde

Für den Weltmeister und seinen Herausforderer ist die Übung an diesem Tag aber nicht zu schwer. Obwohl beide Kontrahenten über keinen wirklich komfortablen Zeitpolster mehr verfügen, obwohl auf beiden gehöriger Druck lastet, werden in dieser Partie keine Schnitzer mehr begangen. Ganz ohne zittrige Hände, fast entspannt, schicken Carlsen wie Karjakin ihre Damen auf die richtigen Zugstraßen, bis ein Dauerschach gefunden ist. Man ist geneigt, die zwei als ziemlich coole Hunde zu bezeichnen.

Im vierunddreißigsten Zug ist das Remis unterschriftsreif, beide Spieler haben es schon lange vorher kommen sehen. Auch in der Pressekonferenz wirken die Kontrahenten ruhig, fokussiert, in Gedanken womöglich schon mit der Vorbereitung auf die letzte, vielleicht alles entscheidende Partie beschäftigt. Ein echtes Finale steht Spielern wie Publikum nun jedenfalls bevor.

Tiebreak

Es steht 5,5 zu 5,5. Am Sonntag wird pausiert, Partie zwölf findet am Montag statt. Magnus Carlsen führt dann zum letzten Mal in den Partien mit klassischer Bedenkzeit die weißen Steine. Endet die Partie remis, entscheidet am Mittwoch ein Tiebreak über den Weltmeistertitel, bei dem mehrere Partien mit verkürzter Bedenkzeit gespielt werden. (27.11.2016, Anatol Vitouch aus New York)

Notation der elften Partie
Weiß: Sergej Karjakin (Russland)
Schwarz: Magnus Carlsen (Norwegen)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.O-O Le7 6.d3 b5 7.Lb3 d6 8.a3 O-O 9.Sc3 Le6 10.Sd5 Sd4 11.Sxd4 exd4 12.Sxf6+ Lxf6 13.Lxe6 fxe6 14.f4 c5 15.Dg4 Dd7 16.f5 Tae8 17.Ld2 c4 18.h3 c3 19.bxc3 d5 20.Lg5 Lxg5 21.Dxg5 dxe4 22.fxe6 Txf1+ 23.Txf1 Dxe6 24.cxd4 e3 25.Te1 h6 26.Dh5 e2 27.Df3 a5 28.c3 Da2 29.Dc6 Te6 30.Dc8+ Kh7 31.c4 Dd2 32.Dxe6 Dxe1+ 33.Kh2 Df2 34.De4+

Es steht 5,5:5,5.

Weiterer Spielplan:
28.11.2016: Partie 12
30.11.2016: Tiebreaks

Modus:
Die WM geht über maximal zwölf Partien und endet vorzeitig, wenn ein Spieler 6,5 Punkte erreicht. Bei Gleichstand nach zwölf Partien gibt es ein Tiebreak mit verkürzter Bedenkzeit.

  • österreichischer schachbund

    Der österreichische Supergroßmeister Markus Ragger analysiert.

  • chess studio

    Die Pressekonferenz nach dem Spiel.

  • Weltmeister Magnus Carlsen ging mit Schwarz in  die elfte Partie.
    foto: apa/ap/alvarez

    Weltmeister Magnus Carlsen ging mit Schwarz in die elfte Partie.

  • Nach 17.Ld2: Weiß hat mehr Raum am Königsflügel.
    grafik: jinchess.com

    Nach 17.Ld2: Weiß hat mehr Raum am Königsflügel.

  • Nach 19…d5: Carlsen opfert einen Bauern, es wird plötzlich kompliziert.
    grafik: jinchess.com

    Nach 19…d5: Carlsen opfert einen Bauern, es wird plötzlich kompliziert.

  • Nach 24…e3: Der schwarze Freibauer sieht >> nicht ungefährlich aus, ist es aber.
    grafik: jinchess.com

    Nach 24…e3: Der schwarze Freibauer sieht >> nicht ungefährlich aus, ist es aber.

  • Nach 34.De4+: Schwarz kann dem Dauerschach nicht entgehen, ohne den Bauern e2 zu verlieren. Remis.
    grafik: jinchess.com

    Nach 34.De4+: Schwarz kann dem Dauerschach nicht entgehen, ohne den Bauern e2 zu verlieren. Remis.

  • Die elfte Partie im Schnelldurchlauf.

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