Wein, Schmalz und Pflegeprodukte auf der veganen Messe

Video26. November 2016, 13:00
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Tierfreunde, Idealisten – und Fleischesser am Messestand: Der Veganismus boomt, auch in den Handelsketten

Wien – Wer dieses Wochenende das Museum für angewandte Kunst (Mak) betritt, dem schlägt eine Welle an indischen Düften und eine Welt-Laden-Atmosphäre entgegen. Noch bis Sonntag gastiert die vegane Messe in den Museumshallen.

Veganismus ist mehr als ein Trend, diese Idee will man anscheinend vermitteln. Dass es sich bei veganen Produkten nicht mehr um ein Nischenprodukt handelt, ist bemerkbar: Längst sind Handelsketten auf die profitable Lebensmittelideologie eingestiegen und bieten ihre Produkte auf der Messe an. Aber auch die Besucher bleiben nicht aus und drängen sich um Kostproben. Sie sind jung und überwiegend weiblich. "Es gibt eine unheimliche Nachfrage nach einer veganen Lebensweise", erzählt Veranstalter Felix Hnat: "Bio war am Anfang auch nur eine Nische."

derstandard.at

Bei den rund 120 Ständen stößt man auf viel Ungewohntes: Wein, Schmalz, Hautpflegeprodukte und selbst vegane Tampons werden angeboten. Das Mak hat sich für das Wochenende in ein kleines Heile-Welt-Paradies verwandelt: Die Messestände sind aus Holz oder recyceltem Karton und werden mit Obst und frischen Kräutern verziert. Auf dem Boden krabbeln Babys, im ersten Stock finden Yoga-Einheiten statt. Dennoch, es ist laut: Überall wird gemixt, gebraten, und die Produkte werden lauthals angepriesen. Die Messe, die heuer zum dritten Mal stattfindet, sehen viele Verkäufer als wichtige Bühne für ihre Produkte.

Vegan darf auch deftig sein

Lebensmittelprodukte machen einen Großteil der angebotenen Waren aus. Dass vegan aber nicht gleich gesund bedeutet, erkennt man an den verwendeten Lebensmitteln: Neben Rohkost werden Pizzen, Cupcakes und selbst Tiefkühlprodukte angeboten. "Mir geht es nicht um ein gesünderes Essen, sondern eher darum, was mit Tieren in der normalen Nahrungsmittelproduktion passiert", erzählt ein Besucher.

foto: nora laufer
Vegane Mehlspeisen: Tierfreie Ernährung kann auch deftig sein.

Aber nicht nur Lebensmittel sind auf den Ständen zu finden: Besucher können sich über Handystrahlenabwehr informieren oder sich von Tierrechtsaktivisten die globalen Missstände in der Fleischindustrie erklären lassen. Auch die atheistische Religionsgemeinschaft gastiert im Mak.

Die meisten Unternehmer haben sowohl vegane Kunden als auch solche, die Tierprodukte essen. Ein Beispiel ist Bernd Hartner. Der Bäcker hat schon 1999 Jahren begonnen, vegane Backwaren herzustellen. Der Grund war die Ernährungsumstellung seines Bruders – Hartner wollte nicht, dass der Neoveganer auf die Erzeugnisse des Familienbetriebs verzichten muss. "Das Geschäft rentiert sich", meint Hartner. Während die Idee zu Beginn nur im Umfeld seines Bruders Anklang fand, hat sich jetzt ein Geschäftsmodell daraus entwickelt. Er sieht vegane Produkte nicht als gesünder an als tierische: "Ein Punschkrapfen bleibt eine Kalorienbombe."

Veganismus als Geschäftsmodell

Die ausgestellten Produkte bewegen sich hauptsächlich im gehobenen Preissegment. Das scheint die Besucher nicht zu stören: "Erst wenn Massenproduktion einsetzt, werden die Produkte billiger", erzählt ein junger Mann. Der höhere Preis von Kleinproduzenten stört ihn nicht. Er will gerade eine Freundin von Menstruationstassen überzeugen – diese sollen weitaus nachhaltiger sein als Tampons.

Neben größeren Handelsketten sind auch kleine Einpersonenunternehmen auf der Messe vertreten. Eines davon betreibt Christian Mauerer. Er produziert Armbänder aus veganem Leder. Die synthetischen Bänder und Metallmedaillons werden in Bali produziert. Der Transport ist damit noch nicht ganz nachhaltig, gibt er zu. Zwei Jahre nach der Produkteinführung kann der deutsche Jungunternehmer davon leben.

foto: nora laufer
Auf der Messe wird fleißig püriert und gekocht.

Dass der vegane Markt am Wachsen ist, sehen die meisten Verkäufer. Die Umsatzzahlen haben sich in den vergangenen Jahren für viele Betriebe vervielfacht. Der ideelle Wert steht aber zum Beispiel für Stefanie Buchinger und Herbert Gassner nach wie vor im Mittelpunkt. Die beiden betreiben einen Bauernhof mit mehr als 60 Rindern und produzieren veganen Schmalz auf der Basis von Kokosöl und Haferflocken. Die Tiere werden aber nicht geschlachtet: Gassner, der früher Rinderzüchter war, wurde vor drei Jahren Veganer.

Fleischfresser sind keine Aliens

Bei vielen Kunden spielt Vertrauen eine wichtige Rolle. Sie wollen sicher sein, dass die Produkte zu hundert Prozent tierfrei produziert sind, erzählen mehrere Verkäufer. Die Besucher selbst wirken allesamt aufgeschlossen. Auf der Messe treiben sich nicht nur Veganer herum, auch Fleischesser sind keine Seltenheit: "Ich esse Fleisch viel zu gern. Das sollte man hier aber nicht zu laut sagen", erzählt ein Gast. Was er dann auf der Messe macht? Informationen sammeln und dem Hype des Veganismus näherkommen.

Unter manchen Standbetreibern ist man nicht so liberal. So stellt sich auf der Messe zum Beispiel der vegane Sportverein vor. Dem Verein dürfen ausschließlich Veganer beitreten, geübt wird nach Möglichkeit ohne Turngeräte, bei denen Leder verarbeitet wurde.

Die Motivation für die Ernährungswahl ist unterschiedlich: Für viele Verkäufer wie auch Besucher stehen Tierleid und Ethik im Vordergrund. Aber auch gesundheitliche und ökologische Aspekte bewegen die Besucher zu einer tierfreien Ernährung. Bekehren möchte man aber niemanden, meint der Veranstalter: "Ernährung ist eine individuelle Entscheidung. Jeder kann das für sich selbst definieren." So sieht das auch Jeanne, eine älter Dame, die einen veganen Drink probiert. Sie lebt seit sieben Jahren vegan, ihren 95-jährigen Mann konnte sie noch nicht überzeugen. Er liebt österreichische Hausmannskost.

Die echten und die Trendveganer

Sabine Tatzber, eine Produzentin veganer Kosmetika und Pflegeprodukte, erzählt dem STANDARD, dass sie zwischen echten Veganern und Trendveganern unterscheidet. Sich selbst zählt sie zu den echten, diesen Wert möchte sie auch mit ihren Produkten vermitteln. Aber: "Bevor eine Topfengolatsche weggeschmissen wird, esse ich sie schon" – andernfalls hätten die Tiere umsonst leiden müssen.

foto: nora laufer
Koch Siegfried Kröpfl bereitet ausschließlich vegane Speisen zu.

Trendveganer sind jene, die nur auf den Zug aufgesprungen sind. Sie ernähren sich zum Beispiel von Fleischersatzprodukten, meint Tatzber. Die in Wurst- und Nuggetform angebotenen Sojaprodukte werden auf der Messe zwar auch vertrieben, sind aber unter den "echten" Veganern eher verpönt: Ersatzprodukte werden hauptsächlich von "Flexitariern" und Neoveganern gegessen, weiß Koch Siegfried Kröpfl. Er meint, dass viele Veganer vor allem anfangs nach gewohnten Formen und Geschmäckern suchen. (Text: Nora Laufer, Video: Nora Laufer & Meggi Stelter, 26.11.2016)

Die "Vegan Planet" und Yoga-Messe findet noch bis Sonntag im Museum für angewandte Kunst statt. Am Samstag ist die Messe von 10 bis 20 Uhr und am Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

  • Viele Veganer wollen Tiere schützen, aber auch Gesundheit und Nachhaltigkeit sind wichtig.
    foto: apa/john macdougall

    Viele Veganer wollen Tiere schützen, aber auch Gesundheit und Nachhaltigkeit sind wichtig.

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