Lügende Presse ohne "Lügenpresse!"

26. November 2016, 16:00
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Seit Mitte Jänner zeigen die Medienjournalisten von "übermedien.de" Fehler und Probleme der Branche auf. Kürzlich feierten sie das 2000. Abo

Berlin – Ein paar Tausend fehlen noch. Mehr als 2000 Personen bezahlen schon monatlich 3,99 Euro, um das ganze Angebot des deutschen Medienportals übermedien.de zu nutzen. "Damit können wir jetzt schon gut arbeiten", sagt Medienjournalist Boris Rosenkranz, der die Seite gemeinsam mit Stefan Niggemeier betreibt, zum STANDARD. Ihr Ziel haben sie damit aber noch nicht erreicht.

Das lautet: mehr Videos und überhaupt mehr Inhalte auf der Seite. Videos nicht nur selbst schneiden, sondern auch mal Profis engagieren, neue freie Autoren engagieren und selbst mehr Zeit für längere Recherchen haben. Und das weiterhin in Eigenregie, ohne Verlag. Das war die Idee, als die Medienjournalisten Rosenkranz (Zapp, Extra 3)und Niggemeier (FAZ, Bildblog) Mitte Jänner an den Start gingen: unabhängiger, unideologischer und fundierter Medienjournalismus, "der zwischen den Stühlen sitzt".

Dieser Tage hat übermedien.de die 2000-Abonnenten-Marke geknackt, etwas weniger als drei Euro bleiben den beiden pro Abo, nachdem Steuern und der Anteil von Abopartner Blendle abgezweigt wurden – da kommt für das Zwei-Personen-Unternehmen ganz schön was zusammen. "So richtig deckt sich das aber noch nicht mit der Arbeit, die wir uns dieses Jahr gemacht haben", sagt Rosenkranz. "Mit dem meisten, das dieses Jahr reingekommen ist, haben wir Dinge refinanziert, die wir vorher angeschafft haben, und Gastautoren bezahlt."

Stoff für "Lügenpresse"-Rufe

Gastautoren wie Mats Schönauer, der die Serie "Topf voll Gold" gestaltet und darin die Praktiken der deutschen Regenbogenpresse aufzeigt – wie zum Beispiel Interviews mit Hollywoodstars, die vermutlich nie stattgefunden haben. "Wir haben da quasi Lügenpresse in Reinform", sagt Rosenkranz. Allein: Das Interesse an dieser Lügenpresse hält sich in Grenzen. "Offenbar sagen in unserer Branche und auch viele Leser: Na ja, Regenbogenpresse, na klar lügen die, aber das sind halt Regenbogenblättchen", sagt Rosenkranz. "Das finde ich bigott in dieser Diskussion."

Mit dem Vorwurf, den "Lügenpresse"-Rufenden erst Material zu liefern, sehen sich die übermedien.de-Macher regelmäßig konfrontiert. Kritisieren sie etwa den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, würde die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) "das als weiteres Puzzlestück in ihrer Argumentation" verwenden, räumt Rosenkranz ein. Aber wenn es Grund für Kritik gebe, müsse man eben kritisieren. "Da kann man nichts gegen machen." Im Gegenzug würde der Rundfunk auch gegen Angriffe aus der Politik verteidigt, wenn die Medienjournalisten das angebracht finden.

Die übermedien.de-Macher sehen sich weit weg vom Lager der "Lügenpresse" -Rufer. Etliche von ihnen würden sagen: "'Alles, was in den Zeitungen steht, ist gelogen.' Das würden wir ja nie tun", sagt Rosenkranz. "Wir sind nicht die Krakeeler, wir sind unabhängig, weil uns unsere Leser finanzieren." Man könne sich "zwischen den Stühlen frei bewegen und zur einen oder anderen Seite sagen: 'Das ist richtig' oder 'Das ist falsch' ".

Genau deshalb wollen die Medienjournalisten auch Beispiele für guten Journalismus vorstellen. Derzeit passiert das unter dem Titel "Gutes Live", allerdings sei der noch lange nicht so gut befüllt, wie sich das Rosenkranz wünscht. Das Kerngeschäft sei nach wie vor, sich mit Mängeln zu beschäftigen und "noch mal nachzurecherchieren", sagt Rosenkranz. Man sei eben "schon ein bisschen darauf gepolt zu schauen: Wo sind Fehler?" (sefe, 26.11.2016)

  • Boris Rosenkranz (li.) und Stefan Niggemeier schelten. In Zukunft wollen sie etwas mehr loben.
    foto: jan zappner / übermedien.de

    Boris Rosenkranz (li.) und Stefan Niggemeier schelten. In Zukunft wollen sie etwas mehr loben.

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