Im Uhrwerk der Geigenfarben

25. November 2016, 17:33
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Anne-Sophie Mutter im Wiener Musikverein

Wien – Als Anne-Sophie Mutter vor zehn Jahren im Wiener Musikverein drei Abende lang sämtliche Violinsonaten des berühmtesten Salzburgers der Welt ablieferte, war an dieser Stelle von einer "Mozart-Show mit Turbo-Ton" die Rede. Am Donnerstag im Musikverein klang Mozarts A-Dur-Sonate KV 526 ziemlich genauso wie damals: äußerlich perfektionistisch abgespult – was nicht dasselbe heißt wie perfekt -, gleichförmig dahinplätschernd, seltsam starr und statisch, und das bei aller virtuoser Bewegtheit.

Während sich die Geigerin im Andante dank ihrer Klangkultur immerhin zu süßesten Kantilenen aufschwang, blieben die Ecksätze schillernde, doch enigmatische Gebilde. Die vielfachen Überraschungseffekte im Finale wurden so gleichermaßen überrollt wie harmonische Besonderheiten, etwa der Neapolitanische Sextakkord – zu Mozarts Zeit ein herber Aufschrei, bei Mutter und dem verlässlichen Lambert Orkis ein Farbtupfer neben anderen. Dieser Mozart schnurrte ab wie ein Uhrwerk – die Assoziation gab das Programm dank des in den Einfällen nicht unoriginellen, aber in ihrer Kombination beliebigen und überlangen Stücks Clockwork von Sebastian Currier gleich selbst.

Traum und Freiheit

Nach der Pause war der Eindruck ein wenig anders: In der G-Dur-Sonate von Maurice Ravel und der Sonate von Francis Poulenc kehrte Anne-Sophie Mutter ihr enormes Können auch zum Vorteil der Stücke heraus. Neben Orkis, der sich tatsächlich in der Rolle eines "Begleiters" gefiel, dem kaum je ein eigenständiger Ansatz unterlief, es sei denn, man ließe das Hinaufziehen der Augenbrauen als solchen gelten, glänzte sie.

Mag sein, dass man den Esprit von Ravel und die Ironie von Poulenc deutlicher herausstellen könnte: Geigerisch fulminanter umsetzen lassen sich diese Stücke allerdings kaum noch, zumindest was die mannigfachen Klangeffekte betrifft, die Mutter schließlich auch in Camille Saint-Saëns' Introduction et Rondo capriccioso auskostete. Doch erst in der Zugabe, George Gershwins Summertime, war Gelöstheit zu vernehmen: Es klang wie ein dichter, intensiver und doch auch verinnerlichter Gesang, wie ein Traum von Freiheit. (Daniel Ender, 26.11.2016)

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