Ayad Akhtar: "Wir sehen gerade das Versagen der Aufklärung"

Interview25. November 2016, 16:15
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Der US-Autor ist nach Wien gekommen, um der Premiere seines hochdekorierten Stückes "Geächtet" am Burgtheater beizuwohnen. Ein Gespräch über Katharsis, muslimische Identität und den Volkszorn

STANDARD: Sie kommen von den Schlussproben am Burgtheater, wo Tina Lanik Ihr Stück "Geächtet" inszeniert. Ihre Eindrücke?

Ayad Akhtar: Ich habe sehr gute Eindrücke. Ich habe früher einmal angemerkt: Das deutsche Theater neigt mitunter dazu, gedanklich überladen zu sein, sehr zum Unterschied vom US-amerikanischen oder britischen. Ich bin manchmal in Sorge, ob mein Stück einem solchen Anspruch standhält. Nun bin ich auf das Angenehmste überrascht. Einige der Regieüberlegungen, die ich gesehen habe, vertiefen das Stück sogar.

STANDARD: Sie empfinden keinen Kulturschock?

Akhtar: Ein bisschen schon. Aber ich bin vertraut mit dem deutschsprachigen Theater, und ich bewundere seine andere Art der Herangehensweise. In Amerika sind wir einfach nicht erfinderisch, nicht experimentell genug. In den deutschen Theatern hingegen kümmern sich die Künstler nicht immer ausreichend um die Bedürfnisse des Publikums. Diese Produktion lässt beiden Seiten Gerechtigkeit widerfahren.

STANDARD: Sie sind Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln und haben Ihre Jugend in Milwaukee, Wisconsin, verbracht. Man erzählt, dass Sie dort eine tiefe Liebe zur deutschsprachigen Literatur gefasst haben. Wie kam es dazu?

Akhtar: Das stimmt, ich hatte einfach eine fantastische Lehrerin auf der Highschool. Als ich 15 war, konfrontierte sie mich mit Kafka, Musil, Rilke und Thomas Mann. Ich las damals die "Buddenbrooks", danach, mit 16, den "Mann ohne Eigenschaften". Diese ungemein reiche Tradition hat auf mich nachhaltig Eindruck gemacht.

STANDARD: Hat die deutsche Tradition Ihr Schreiben beeinflusst?

Akhtar: Als ich begann, unbedingt. Aber nach zehn Jahren modernistischer Schreibversuche entdeckte ich, dass ich nicht gut darin war. Es hat mich zehn, zwölf Jahre Mühsal gekostet, diesen Irrweg zu erkennen und den Einfluss abzustreifen. Aber "Der Zauberberg" ist noch heute mein Lieblingsbuch.

STANDARD: In "Geächtet" erzählen Sie die Geschichte eines New Yorker Anwalts mit muslimischen Wurzeln, der im Zuge eines Abendessens mit seinem Hass auf die muslimische Religion unvermittelt herausbricht. Wann wussten Sie, dass die Figur kein Romanheld ist, sondern auf das Theater gehört?

Akhtar: Ich habe mein ganzes frühes Erwachsenenleben im Dunstkreis von Theatern zugebracht. Ich spielte, führte Regie, und ich verbrachte viel Zeit mit Schauspielern und Autoren. Ich wusste von Anfang an, ich würde irgendwann ein Stück schreiben. Nach vielen Jahren der Skriptschreiberei für den Film, häufig genug vergeblich, weil aus meinen Büchern einfach keine Kinofilme entstanden, sagte ich: Die Zeit ist jetzt reif für dein erstes Stück!

STANDARD: "Geächtet" gehört in die Reihe aufklärerischer Konversationsstücke, und doch wird Tieferes spürbar: ein archaischer Abgrund. Haben Sie sich mit der antiken Tragödie eingehender befasst?

Akhtar: Unter besonderer Berücksichtigung des Begriffes Katharsis, ja. Verwenden wir das Wort Katharsis heute, dann meinen wir doch lediglich, dass wir von irgendwelchen Gefühlen übermannt werden. Aristoteles meinte das in seiner Dramentheorie jedoch sehr viel schärfer. Er propagierte die Potenzierung der Gefühle hin zu Mitleid und Angst. Angst ist dabei von höchster Wichtigkeit. Ich will ein Stück schreiben, das das Publikum mit genau diesem Aspekt der Katharsis konfrontiert. Ein ungeheures Vorhaben, aber es bildet den eigentlichen Fluchtpunkt von "Geächtet".

STANDARD: Unter "Angst" verstehen Sie ...?

Akhtar: Angst kann eine entscheidende Erfahrung innerhalb einer größeren sozialen Einheit sein. Wenn wir uns mit dem Tod befassen, kann uns das auf das Leben zurückwerfen. Wenn wir uns in Gemeinschaft mit dem Tod beschäftigen, kann uns das das Leben zurückbringen. Einzig in diesem Zusammenhang stecken die religiösen Wurzeln des Theaters.

STANDARD: Amir, die Hauptfigur in "Geächtet", negiert seine Wurzeln. Ist das eine Beschreibung, die sich mehr oder weniger auf ganz Amerika anwenden lässt?

Akhtar: Die zentrale Erfahrung der amerikanischen Psyche besteht in der Entwurzelung aus der alten Welt und der Erneuerung in einer "neuen". Das betrifft Migrantenfamilien, aber genauso 87 Generationen lang jene jungen Amerikaner, die die eine Küste verlassen haben, um sich an der anderen anzusiedeln. Diese große Mobilität ist uramerikanisch, und sie verschafft neue Identitäten. Wir Amerikaner halten uns auf diese Fähigkeit zur Erneuerung viel zugute! Aber wir betrauern nicht den Vorgang der Entwurzelung. Was nun die Figur Amirs betrifft: Er verspürt am eigenen Leibe, was es heißt, ein Muslim in Amerika nach 9/11 zu sein.

STANDARD: Ihre Einschätzung der US-Präsidentschaftswahl?

Akhtar: Etwas wie dieses Wahlergebnis kann überall passieren. Ungarn, Polen, Großbritannien, nächste Woche vielleicht in Österreich. Darauf folgen die Wahlen in Frankreich, und wer weiß, was in zehn Jahren in Deutschland passieren wird. Diese Flutwelle von Zorn, der von einer eigentümlichen Ignoranz angetrieben wird: Wie soll man sie stoppen? Ich glaube nicht, dass wir sie aufhalten.

STANDARD: Eine neue Aufklärung ist nicht in Sicht?

Akhtar: Wir sehen gerade das Versagen der Aufklärung. Die Aufklärung hat uns diese fantastischen iPhones geschenkt. Aber was wir jetzt bemerken können, ist ihre dunkle Kehrseite. Sie hat uns einen unglaublichen Aufschwung des Wissens beschert – aber uns keine Bedeutung geschenkt. Und so ängstigen sich die Menschen und suchen Sinngebung an den entlegensten und widerwärtigsten Stellen. Was in den USA passiert, ist für mich so schockierend wie für andere auch. Ich glaubte an Donald Trumps Sieg erstmals im Juni. Aber als es passiert war, war ich gleichwohl fassungslos.

STANDARD: Inwiefern?

Akhtar: Weil jetzt jemand Präsident geworden ist, der sich um nichts kümmert, dem das Amt auch nicht das Geringste bedeutet. Ich hoffe allenfalls auf eine Erneuerung der Bürgerrechtsbewegung. Dazu benötigt man aber Bildung, und in den USA wurde das Bildungssystem von Grund auf zerstört. (Ronald Pohl, 25.11.2016)

Ayad Akhtar (46) besitzt pakistanische Wurzeln. Er wurde in New York geboren und wuchs im Bundesstaat Wisconsin auf. Für "Geächtet" erhielt er unter anderem den Pulitzerpreis. Mittlerweile liegen von ihm vier Stücke und ein Roman ("Himmelssucher") vor.

Premiere am 26. November im Burgtheater

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  • US-Autor Ayad Akhtar ist mit dem deutschsprachigen Theater vertraut. Am Samstag feiert sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Stück "Geächtet" am Burgtheater Österreich-Premiere.
    foto: andy urban

    US-Autor Ayad Akhtar ist mit dem deutschsprachigen Theater vertraut. Am Samstag feiert sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Stück "Geächtet" am Burgtheater Österreich-Premiere.

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