Virtual Reality: Das ganze Büro auf der Nase

27. November 2016, 16:00
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Nie wieder Kollegentratsch, kaum Büromieten, jeder für sich abgekapselt. Ist das Büro der Zukunft virtuell?

Stellen Sie sich vor, Sie kommen eines Tages in Ihr Büro. Statt den Computer einzuschalten, setzen Sie einfach eine Virtual-Reality-Brille auf und tauchen ein in eine virtuelle Arbeitswelt: mit Bildschirmen, Konferenzräumen und Telefonzentralen. Was nach einer fernen Zukunftsvision klingt, ist bereits Realität.

Die Schanghaier Softwarefirma Pygmal Technologies hat eine VR-Applikation namens Space entwickelt, bei der man sechs Monitore auf einmal sieht. Die Bildschirme lassen sich wie Folien übereinanderlegen und beliebig im virtuellen Raum anordnen. Der Nutzer kann nur mit seiner VR-Brille E-Mails schreiben, Nachrichten verfolgen oder Bildbearbeitungsprogramme ausführen – eines Monitors bedarf es nicht mehr.

Die Gründerin und Chefin von Pygmal Technologies, Xiao Jia, sagte gegenüber dem Portal Fast Company: "Es ist nützlich für jeden, der Multitasking für Webseiten, Videos, Windows-Programme oder 3-D-Modelle benötigt. Und weil das alles in Ihrem VR-Headset passiert, hat dies nicht die Sachzwänge eines physischen Monitors."

Der Schreibtisch – ein Relikt

Das Unternehmen will damit auf die Platzprobleme am Arbeitsplatz antworten und den Schreibtisch als analoges Relikt überflüssig machen. Man kennt das Problem ja: Mehrere Bildschirme, etwa bei Börsenhändlern oder Grafikdesignern, nehmen massiv Platz weg, auf manchen Schreibtischen türmen sich Zeitungen, Bücher und andere Gegenstände, sodass man zuweilen gar nicht mehr aus dem Fenster schauen kann – was einerseits der Unordentlichkeit des Beschäftigten geschuldet sein mag, andererseits systemische Ursachen hat, weil manche Berufe einfach mehrere Bildschirme benötigen.

Die Herausforderung für die Softwarefirma Pygmal Technologies bestand darin, die zweidimensionalen Bildschirmmodelle in eine virtuelle Umgebung einzupassen, die grundsätzlich auf 3-D ausgelegt ist. Im Gegensatz zu einem Laptop ist die Desktopprojektion in virtueller Umgebung perfekt sichtbar, und es besteht auch nicht die Gefahr, dass Geräte nass werden oder Papiere bei einem Windzug durch den Raum gewirbelt werden. Auch brauchte man keine Trennwände mehr, wie sie in US-Büros üblich sind, weil der VR-Nutzer sich in den "Mauern" seiner Brille bewegt.

Miteinander allein

Doch nicht nur innenarchitektonisch könnte sich der Arbeitsplatz der Zukunft durch virtuelle Realität wandeln, sondern auch organisatorisch. Mit der Space-App könnte man aus verschiedenen Büros der Welt gleichzeitig ein Dokument oder ein Modell bearbeiten.

Der Architekt aus Tokio könnte einen Entwurf modifizieren, der Partner in Wien die Änderungen an dem 3-D-Modell in Echtzeit sehen und seine Ideen mit einbringen. Die Entwürfe müsste man sich nicht mehr jedes Mal per Mail hin- und herschicken oder in einer Cloud speichern.

Das könnte die Zusammenarbeit in einer arbeitsteiligen Wirtschaft auf eine neue Entwicklungsstufe heben. Vorstellbar wäre auch, dass man mit einem Avatar einen Konferenzraum betritt und sich in virtueller Realität mit dem Geschäftspartner aus den USA austauscht. Ob das allerdings den Face-to-Face-Austausch oder Videokonferenzen ersetzt, ist fraglich.

Das Problem bei virtueller Realität liegt darin, dass man bei dem immersiven Erlebnis anfälliger für Ablenkungen ist. Wenn sechs Bildschirme gleichzeitig geöffnet sind, ist die Verlockung groß, dass man doch noch mal seine Facebook-Nachrichten oder privaten E-Mails checkt.

Das Potenzial ist groß

Diese Gefahr besteht freilich auch im Großraumbüro, jedoch schreckt man meist davor zurück, aus Angst, man werde von einem Kollegen ertappt. In virtueller Realität kann einem niemand über die Schultern schauen – was aber zugleich auch problematisch ist, weil man sich in seiner eigenen Welt abkapselt.

So kollaborativ, wie die Technologie gepriesen wird, ist sie in Wirklichkeit nicht. Auch müsste man ethische und arbeitsrechtliche Standards für die Büronutzung von VR-Applikationen etablieren. Welche Dokumente dürfen geteilt werden? Wo liegen die Grenzen der Privatsphäre? Was passiert, wenn der Kollege sich im Ton vergreift? Ist das ein virtueller oder realer Verstoß gegen Regeln, der reale Konsequenzen hat?

Das virtuelle Büro steckt noch in den Kinderschuhen. Die Potenziale als mobiles, aufsetzbares Büro, das man an jeden Ort der Welt mitnehmen kann, sind jedoch zweifellos groß – wenngleich nicht von allen gepriesen. (Adrian Lobe, 27.11.2016)

  • Büroarbeit 2025? Der Avatar hockt im Meeting, der Rest wird auf der Nase global vernetzt erledigt. Neue Zusammenarbeit bei gleichzeitig neuer Vereinzelung als Kennzeichen des Büros der Zukunft?
    foto: istock

    Büroarbeit 2025? Der Avatar hockt im Meeting, der Rest wird auf der Nase global vernetzt erledigt. Neue Zusammenarbeit bei gleichzeitig neuer Vereinzelung als Kennzeichen des Büros der Zukunft?

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