First Lady ohne Auftrag

Die Verfassung kennt die Position der ersten Dame im Staat nicht – und doch gibt es sie. Die Rollen reichen von politischer Beraterin bis "Schlachtross"

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30. November 2016, 17:00

Herzlich willkommen in der Republik Österreich! Für Sie wurde ein Staatsbesuch organisiert. Alles ist penibel getaktet, alles läuft nach Protokoll. Der Bundespräsident und seine Gattin warten schon im Inneren Burghof und sehen freudig Ihrer Ankunft entgegen. Sie und Ihre Partnerin – zumeist sind Staatsoberhäupter wie Sie ja verheiratete Männer – werden bei Eintreffen kurz begrüßt, darauf folgt die Darbietung der beiden Landeshymnen, der österreichischen und der Ihren. Sie und Ihr Präsidentenkollege schreiten die Ehrenformation ab, und auf geht's in den ersten Stock der Hofburg: Gemeinsames Foto im Maria-Theresien-Zimmer, Acht-Augen-Gespräch in den Arbeitsräumlichkeiten, dann ziehen sich die Herrschaften zurück für politische Gespräche – und auch das Damenprogramm kann starten!

Müssen tut sie gar nichts

foto: apa/harald schneider
Margit und Heinz Fischer.

Das ist bis heute der Beginn eines jeden Staatsbesuchs. Das sogenannte Damenprogramm sollte natürlich Partner-oder-Partnerinnen-Programm heißen, bloß: Es gibt aktuell kaum Staatsfrauen oder schwule Präsidenten, deren männliche Lebensgefährten sie auf der Reise begleiten könnten. Auch Österreichs nächster Bundespräsident wird mit Gattin begrüßen. So bleibt es weiterhin eine der Hauptaufgaben der nächsten "First Lady", den Frauen von Staatschefs einen oder mehrere Tage lang das Land von seiner besten Seite zu präsentieren.

Wobei es die Präsidentengattin, rechtlich betrachtet, gar nicht gibt. Die österreichische Verfassung kennt keine First Lady – und doch ist sie zumeist ein Faktum. Fast alle heimischen Staatsoberhäupter waren bisher verheiratet. Inzwischen ist es üblich geworden, dass auch die Lebensgefährtin des Präsidenten gewisse repräsentative Obliegenheiten übernimmt, ihn quasi entlastet, sofern sie das möchte. Welche Bedeutung hat die Präsidentengattin hierzulande also?

Der Mann neben Jackie

Es ist mehr als fünfzig Jahre her, dass der Begriff First Lady und damit der Glanz, der ihn umgibt, nach Europa importiert wurde. Im Juni des Jahres 1961 fand in Wien ein Gipfeltreffen zwischen dem damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy und dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow statt. Politisch hatte die Begegnung zumindest unmittelbar keine Wirkung, doch Kennedy hatte sich kurz zuvor in Frankreichs Hauptstadt mit einem Satz vorgestellt, der auch hierzulande durch die Postillen ging: "Ich bin der Mann, der Jacqueline Kennedy nach Paris begleitet."

foto: apa/fednews
Jackie Kennedy und ihr Mann John F.

Zu dieser Zeit, als eine amerikanische Präsidentengattin auch in Übersee für Aufsehen sorgte und neue Maßstäbe für Pomp und Schick setzte, war Österreichs Staatschef gerade Witwer. Als Adolf Schärf im Jahr 1957 zum Bundespräsidenten gewählt wurde, war seine Frau Hilda bereits seit einem Jahr tot. Zum ersten und bisher letzten Mal in der Geschichte der Republik übernahm die Tochter des Präsidenten die Rolle der First Lady.

Die promovierte Ärztin Martha Kyrle war gerade in Karenz mit ihrem zweiten Kind, als sie beschloss, ihren Beruf vorerst an den Nagel zu hängen und ihren Vater auf seinen Reisen zu begleiten und bei seinen Aufgaben zu unterstützen. Kurz darauf wurde sie von der Präsidentschaftskanzlei offiziell zur ersten Dame im Staat gemacht. Kyrle war es schließlich, die Jackie Kennedy und Nina Chruschtschowa im Rahmen des Damenprogramms die Schatzkammer und die Lipizzaner zeigte, ihnen die Haute Couture des österreichischen Modeschöpfers Fred Adlmüller vorführen ließ und sie in die feinsten Palais zum Essen ausführte.

foto: apa / michael leckel
Prinzessin Diana und Herma Kirchschläger im Wiener Konzerthaus bei einem Staatsbesuch im Jahr 1986.

Präsidententochter Kyrle war "überhaupt die erste First Lady eines österreichischen Bundespräsidenten, die in den Augen der Öffentlichkeit als solche wahrgenommen und geschätzt wurde", schreibt Senta Ziegler in ihrem Buch Österreichs First Ladies. Sie sei die Erste gewesen, die sich auch in langen Roben und mit Netzstola präsentierte und damit diesem Bild der First Lady gerecht wurde, das auch die Österreicher bereits aus dem fernen Amerika kannten. Kyrle betonte selbst immer wieder, dass sie zur Repräsentation, nicht aber für Politik zur Verfügung stehe.

"First Lady ist kein Beruf, sondern eine Aufgabe, der man sich als Ehefrau des Präsidenten stellen muss", formulierte es die pragmatische Herma Kirchschläger, die von 1974 bis 1986 mit ihrem Mann Rudolf Kirchschläger die Hofburg bewohnte. Sissy Waldheim sagte einst über ihre Nachfolgerin Edith Klestil, die im Wahlkampf für ihren Mann kräftig die Werbetrommel rührte: "Sie ist wohl auch so ein richtiges Schlachtross, das sich für den Mann einsetzt." Nachsatz: "Wenn ich etwas tun soll, dann mache ich es und versuche, es gerne zu tun."

Definiert über Charity

Wer heute in der Präsidentschaftskanzlei nachfragt, bekommt erklärt, dass sich die Frau des Bundespräsidenten "in erster Linie über ihre eigenen Schwerpunkte" definiere. Die First Lady bekomme schließlich laufend Einladungen, Briefe und E-Mails mit Wünschen und Bitten. Durch ihre Selektion setze sie gesellschaftspolitische Zeichen – in erster Linie geht es aber freilich um Charity-Veranstaltungen und Schirmherrschaften. Da die Präsidentengattin nicht gewählt ist, verfügt sie weder über einen Apparat noch über ein Budget. Sämtliche Anfragen muss sie an ihren Gatten weiterleiten, der dann den Beamtenstab kraft seines Amtes mit der Bearbeitung befugen kann.

foto: epa/hans klaus techt
Elisabeth und Kurt Waldheim. Margit Fischer, Margot Klestil-Löffler und Herma Kirchschläger bei einer Trauerfeier für Thomas Klestil.

Die vermutlich spektakulärste Geschichte rund um eine oder besser gesagt zwei österreichische First Ladies ist die der Klestils. Schon im ersten Wahlkampf des Diplomaten und ÖVP-Mitglieds Thomas Klestil 1992 wurde letztlich auf die Präsentation des eigentlich geplanten Schlussmotivs der Plakatkampagne verzichtet. Darauf wären er und seine Frau Edith zu sehen gewesen – als Erfolgsduo. Das erschien, angesichts ihrer privaten Turbulenzen, zu gefährlich. Stattdessen kam der Slogan "Macht braucht Kontrolle" zum Einsatz, mit dem heute auch FPÖ-Kandidat Norbert Hofer wirbt. Es muss Klestils Chefstrategen also schon damals klar gewesen sein, dass dessen Ehe womöglich nicht mehr lange hält, er vielleicht doch mit seiner engen Mitarbeiterin Margot Löffler liiert ist. Sechs Jahre später sollte er sie, nachdem sich Edith längst getrennt hatte, als amtierender Bundespräsident heiraten.

Klestil-Löffler ist, damals 44-jährig, die bisher jüngste First Lady – und die einzige, die nebenbei noch berufstätig war. Als Beamtin im Außenministerium ließ sie sich für Staatsbesuche freistellen. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2004, zwei Tage vor dem Auslaufen seiner zweiten Amtsperiode, war Klestil-Löffler dann als Botschafterin tätig.

Alexander Van der Bellen und Doris Schmidauer.

Mit Doris Schmidauer, der Frau des von den Grünen unterstützten Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen, könnte nun wieder eine Frau in die Hofburg einziehen, die weiterhin ihre eigene Karriere verfolgt. Schmidauer ist Geschäftsführerin des grünen Parlamentsklubs – und will das auch bleiben, hat sie bereits mehrfach betont. Hofers Frau Verena würde ihren Job als Altenpflegerin hingegen "schweren Herzens" aufgeben. Über sich selbst sagt Hofer, sie sei ein "unpolitischer Mensch" gewesen, bis ihr Mann in ihr Leben trat. Erst durch ihn habe sie "Zusammenhänge kennengelernt". Da er seine Aussagen immer "gut begründe" , würde sie auch nie versuchen, ihn umzustimmen.

Mitmischen in Tagespolitik

Österreichs letzte First Lady, die immer Wert darauf legte, nicht als solche tituliert zu werden, war da ganz anders. Margit Fischer gilt nicht nur als die engste Vertraute ihres Mannes Heinz, sie war auch seine wichtigste Beraterin. In einem Interview mit einer Frauenzeitschrift erläuterte sie auf die Frage, ob ihr Mann auf sie höre: "Ja, das hat er immer getan. Er fragt mich oft nach meiner Meinung, auch zu tagespolitischen Themen." Medial geäußert hat sie sich dazu hingegen kaum: "Wenn schon der Bundespräsident nicht in der öffentlichen Tagespolitik mitmischt, dann sollte es seine Frau schon gar nicht tun."

Norbert und Verena Hofer.

Am 4. Dezember wird das österreichische Wahlvolk nun auch darüber entscheiden, ob Verena Hofer oder Doris Schmidauer das Land künftig repräsentiert. Beide Frauen hielten sich im Wahlkampf eher im Hintergrund, traten erst nach und nach vor die Kamera. Hofer öffnete schließlich sogar einem TV-Team die Türen zu Küche und Bad im Eigenheim. Wie sie ihre Rolle als Präsidentengattin anlegen würden, wissen beide noch nicht so genau. Hofer hat lediglich angekündigt, sie wolle sich für Pflegebedürftige einsetzen. Gemeinsam haben beide Frauen, dass sie anfänglich sehr skeptisch waren, ob der Partner wirklich kandidieren soll.

Ein ehemaliger Hofburg-Mitarbeiter warnt jedenfalls auch bezüglich der Gattinnen vor einer falschen Wahl: "Eine First Lady kann den Staat sauber blamieren." (Katharina Mittelstaedt, 30.11.2016)