Ransmayr über Rudi Klein: Anrufung eines großen Herrn namens Klein*

26. November 2016, 14:00
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Dieser Tage erscheint im Kunstmann-Verlag ein Band mit Werken des Zeichners Rudi Klein. Christoph Ransmayr hat zu dem Band einen einleitenden Text verfasst

Wer zeichnet uns
wie wir sind,
(aber genau genommen
nie sein wollten)?

Es ist der große Herr Klein.
Der große Herr Klein
zeichnet uns und unsere
Haustiere, Autos und Kinder.

Wir bitten dich, großer Herr Klein,
zeichne uns, wenn es denn sein muss,
in gnädigem Licht.

Wer beweist uns auf einem einzigen
Blatt Papier, dass ein gebräunter,
öliger Muskelmann
mit seinen Schwellungen, Blähungen
und Windungen in Farbe und Form
einem frisch geschissenen,
in kühler Morgenluft
dampfenden Haufen
auffällig ähnlich sein kann?

Es ist der große Herr Klein.
Der große Herr Klein
führt uns zur Wahrheit auch über
beschissene Wesen und Dinge.

Wir bitten dich, großer Herr Klein,
zeichne Muskelmänner für uns,
auch Muskelfrauen und -kinder.

Wer empfiehlt uns,
den Nächsten von Herzen zu lieben
und nur für den Fall, dass dieser Nächste
einen Namen wie Strache trägt,
unsere Liebe besser
dem Übernächsten zu schenken?
(Dem Übergangenen
bliebe zum Trost ja immer noch
ein Vergleich
mit dem Muskelmann).

Es ist der große Herr Klein.
Der große Herr Klein berät uns
auch in den Dingen der Liebe.

Wir bitten dich, großer Herr Klein,
stehe uns bei
gegen gebräunte Männer und Frauen.

Wer beweist uns,
Dass die allermeisten Tiere der Erde
sich schon nach flüchtigem Kontakt
mit der Krone der Schöpfung
in pralle Würste verwandeln,
in Hackbraten, Koteletts
oder milde bis feurige Aufstriche?

Es ist der große Herr Klein.
Der große Herr Klein schreibt uns
zur Not sogar Rezepte für überfahrene Hasen.

Wir bitten dich, großer Herr Klein,
zeichne uns die flüchtende Beute,
auch Blutwürste, Leberkäse und Pressköpfe.

Und wer beschert uns im Trauerfall
die Parte zu einer Tragödie wie jener,
in deren Verlauf ein Hund namens Glück
überfahren wurde und, im eigenen Fell geplättet,
seinem Namen keinerlei Ehre machte?

Es ist der große Herr Klein.
Der große Herr Klein
liefert auch Parten für Dackel und Doggen.

Wir bitten dich, großer Herr Klein,
bewahre auch das Bild der Verblichenen für uns
und hilf uns so über das Ärgste hinweg.

Und wer erinnert uns,
Dass neben so vielen heißen und scharfen
und schärfsten Dingen dieser Welt
selbst die Faustfeuerwaffe Luger Nullacht
genau genommen
bloß einem steifen Schwanz gleicht,
mit dem ein von Orden klimpernder General
auf einen anderen zielt
und (bei guter Gelegenheit) auch schießt?

Es ist der große Herr Klein.
Der große Herr Klein kennt
mit dem Ursprung von Frieden und Krieg
auch die Tatsachen des Lebens und Todes.

O großer Herr Klein!
Zeichne uns, großer Herr Klein,
halte uns fest, solange wir noch
gebräunten Strachisten
und frisch geschissenen und anderen
Würsten aller Art gleichen,
zeichne uns,
damit wir uns in Farbe und Form
bessern!,
und uns irgendwann
endlich so und nicht anders
wiederfinden, wie wir uns (bis jetzt)
nur in unseren Träumen
zu zeigen wagten:

Muskelstark, braungebrannt,
schlagfertig und ölig bis in die Wurzeln
unseres vollen, lockigen Haars
und wir, schön und unwiderstehlich
wie erträumt
nicht nur im Rahmen deiner Cartoons,
sondern auch im wirklichen Leben
jenen Beifall bekommen
den wir verdienen:
irres Gelächter.

Amen.

* der alle hier zur Sprache gebrachten Fälle längst gezeichnet hat

(Christoph Ransmayr, Album, 26.11.2016)

Es handelt sich bei diesem Text um einen Vorabruck des Vorwortes, das Christoph Ransmayr für den Band "Rudi Klein. vereinfachung einer nicht unkomplizierten welt" (Kunstmann-Verlag, € 18,60, 184 Seiten) geschrieben hat. Am Sonntag, 27.11., wird im Karikaturmuseum Krems eine große Rudi-Klein-Ausstellung eröffnet.

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  • Artikelbild
    foto: rudi klein
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