Xiaomi-Saugroboter im Test: Praktischer Haushaltshelfer mit Sprachbarriere

26. November 2016, 09:47
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360-Euro-Gerät hält mit teurer westlicher Konkurrenz mit, spricht aber nur Chinesisch

Die regelmäßige Reinigung der eigenen vier Wände ist mitunter ein qualvoller Vorgang. Insbesondere der niemals enden wollenden Kampf gegen scheinbar aus dem Nichts entstehende Bodenverschmutzung. Kein Wunder also, dass schon seit Jahrtausenden moderne Technologie stets auch damit betraut wurde, dem Menschen bei seiner Sisyphos-Arbeit zu assistieren.

Der Fortschritt hat uns vom Strohbesen über den Bodenwischer und den Staubsauger schließlich ins Roboterzeitalter geführt. Immer öfter finden sich in Haushalten neben klassischem Säuberungsgerät auch kleine, runde Flitzer, die Fusseln, Staub und anderen Hinterlassenschaften automatisch den Gar aus machen sollen.

Wer technisch an vorderster Front mitspielen möchte, muss allerdings tief in die Geldbörse greifen. Dysons neuestes Wunderwerk, der "360 Eye", kostet knapp 1.000 Euro. Allerdings hat auch der vom Smartphonehersteller zum Elektronik-Tausendsassa avancierte Hersteller Xiaomi aus China den Markt für automatisierte Heimreinigung im Visier. Seit einigen Wochen führt man den "Mi Robot Vacuum" (Mi Jia) im Programm, der Hightech-Features zum Niedrigpreis verspricht. Der WebStandard hat das Gerät einem Test unterzogen.

foto: derstandard.at/pichler

Kampfpreis und Kunststoff

Der Preisunterschied zum Dyson-Roboter ist in der Tat beachtenswert. Statt eines "Tausenders" kann man das Xiaomi-Gerät für rund 360 Euro erwerben, wobei allerdings noch Liefer- und Zollgebühren zu addieren sind. Angeboten wird der Roboter von diversen Exporthändlern. Das Testmuster wurde der Redaktion von Gearbest zur Verfügung gestellt.

Weiß, kreisrund und in stabil wirkenden Kunststoff eingekleidet präsentiert sich der selbstständige Sauger nach dem Auspacken. Im Lieferumfang sind neben dem Roboter eine Ladestation, ein kleines Reinigungswerkzeug für die Bürste, sowie eine Anleitung. Der Sauger selbst hat einen Umfang von 34,3 Zentimeter bei 9,7 Zentimeter Höhe, in einem kleinen "Türmchen" sitzt zudem ein laserbasierter Tiefensensor, der nach dem Prinzip eines Radars seine Umgebung scannt und erfasst.

Daneben verfügt der Roboter auch über seitliche Sensoren, die ihn vor Kollisionen bewahren und ihm bei der Wegfindung assistieren sollen. Für den Fall der Fälle ist er rundherum aber auch mit einer elastischen "Knautschzone" ausgestattet. 3,8 Kilogramm Gewicht bringt er auf die Waage.

foto: derstandard.at/pichler

Der Haken

Die Einrichtung des Saugroboters ist, zumindest in der Theorie, leicht. Durch längeren Druck auf die beiden Tasten am Sauger wird er zurückgesetzt. Anschließend kann man sich mit dem Smartphone mittels der auch im Play Store und auf iTunes erhältlichen "Mi Home"-App (getestet wurde mit der Android-Ausgabe) mit ihm verbinden. Anschließend füttert man ihn mit dem Passwort des eigenen WLAN.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Der Xiaomi Mi Jia wird aktuell nur in China angeboten. Dementsprechend liegt nicht einmal eine englische Anleitung bei, erst Internetrecherche wies den Weg zur Inbetriebnahme. Die Hi Home-App selbst bietet zwar auch eine (nicht ganz vollständige) englische Oberfläche, aber keinen Hinweis darauf, dass man als eigene Region "Mainland China" wählen muss, damit der Staubsaugroboter überhaupt angezeigt wird.

foto: derstandard.at/pichler

Mandarin-Kenntnisse von Vorteil

Die Menüs zur Konfiguration des Haushaltshelfers stehen derzeit ausschließlich auf Chinesisch zur Verfügung. Während die Einstellung des Saugmodus (Eco, Standard, Power) und ein einfacher Start via Icon noch recht gut nachvollziehbar ist, muss man den glücklicherweise kurzen Pfad zur Festlegung und Änderung fixer Reinigungszeiten auswendig lernen. Firmwareupdates – innerhalb von rund drei Wochen lieferte Xiaomi selbige zwei Mal – scheinen im Menü praktischerweise mit einer Markierung auf.

Übrigens lässt sich der Roboter, sobald eingerichtet, auch mit einem kurzen Druck auf die Starttaste am Gehäuse auf Saugtour schicken. Wer mit dem voreingestellten Modus zufrieden ist, braucht die App also nur gelegentlich, um etwaige Softwareupdates einzuspielen.

foto: derstandard.at/pichler

Staubsauger vs. Roboter

Die Saugkraft gibt Xiaomi mit maximal 1.800 Pascal (Pa) an. Zum Vergleich: Der Dyson 360 Eye kommt auf bis zu 2.000 Pa. Ein handelsüblicher beutelloser Sauger wie der Philips Power Pro Compact reinigt mit über 17.000 Pa. Das darf nicht verwundern, denn er läuft nicht nur mit 750 Watt verkabelter Leistungsaufnahme, sondern hat auch mehr Platz zur Integration von Motor und Düse. Damit ist auch klar: Wer es wirklich gründlich haben und insbesondere Teppiche ordentlich staubfrei bekommen möchte, muss auch weiterhin gelegentlich selber zum Sauger greifen.

Der Mi Jia operiert kabellos mit einem 5.400-mAh-Akku, der ihn bis zu 2,5 Stunden lang herumkurven lassen soll. Bis zu 200 Quadratmeter soll er bearbeiten können, ehe er wieder an die Ladestation muss. Im Test musste er sich allerdings mit etwa 33 Quadratmetern zu saugender Bodenfläche begnügen, für die er in seinen Durchläufen jeweils rund 35 Minuten benötigte.

foto: derstandard.at/pichler

Geschickter Wegfinder

Beeindruckend zeigte sich dabei seine Wegfindung, die über einen Algorithmus namens "SLAM" (Simultaneous Localization and Mapping) funktioniert. Dieser übernimmt nach einer ersten Übersichtsfahrt entlang der Wände eines Raums auch die Planung der weiteren Fahrwege. Er reagiert auch dynamisch auf Veränderungen, etwa wenn man erst während des laufenden Betriebs die Tür zu einem Zimmer öffnet.

Über die App lässt sich auch mit wenigen Sekunden Verzögerung beobachten, wie die Software ans Werk schreitet. Je weiter der Roboter vordringt, desto vollständiger wird der Grundriss der Wohnung bzw. der ihm zugänglichen Bereiche. Und dieser gibt es mehr als erwartet. Denn der Saugbot manöviert auch erstaunlich gut unter Stühlen im Eck durch, unter denen er nur sehr knapp Platz findet. Dazu dringt er mitunter unter höhere Kästen bzw. in Ecken unter dem Bett vor, die beim manuellen Saugen aus Bequemlichkeit gerne ausgelassen werden.

Auch Türleisten, kleine Absätze oder 1,7 Zentimeter hohe Ablagematten für Sportgeräte sind kein Problem für ihn. Hat er seine Tour beendet, findet er problemlos zurück zur Ladestation.

Aufräumen notwendig

Doch bevor man ihn auf die Reise schickt, sollten Vorkehrungen getroffen werden. Denn manche Dinge mag er nicht besonders. Schwierigkeiten hat er etwa mit leichten Teppichen und Fransen, die gerne eingesaugt werden. Die Füße von Wäscheständern können Probleme bereiten, üblicherweise kann er sie aber nach ein paar Anläufen aber überwinden. Lose Kabel sollten ebenfalls zumindest auf die Seite verfrachtet werden.

Einer Unachtsamkeit fiel etwa die lange Drahtantenne eines Radioweckers zum Opfer. In zehn Testläufen geriet der rollende Sauger insgesamt zwei Mal in unfreiwillige "Gefangenschaft" und meldete sich akustisch sowie per App mit einer Fehlermeldung – freilich auf Mandarin.

Bereiche, in die der Roboter nicht vordringen soll, müssen physisch blockiert, bzw. mit einem magnetischen, als Zubehör erhältlichen Tape abgegrenzt werden (möglicherweise funktioniert auch handelsübliches Magnettape). Das Einziehen virtueller Begrenzungen in der App ist nicht möglich.

foto: derstandard.at/pichler

Saugergebnis und Lautstärke

Das Saugergebnis ist absolut zufriedenstellend. Sichtbare Krümel, Flusen und andere Verschmutzungen verschlingt der Roboter zuverlässig. Auch Kanten und Ecken werden dank der integrierten, rotierenden Außenbürste mitgereinigt, wenngleich eher oberflächlich. Auch mit besonderen Herausforderungen wie Mehl nimmt das Gerät es gut auf.

Dazu zieht er auch Fussel aus "kurzhaarigen" Teppichen. Ein schwererer Badvorleger mit längeren Fäden an der Oberfläche bereitete ihm zwar nur wenige Schwierigkeiten bei der Fortbewegung, das Reinigungsergebnis ließ hier aber erwartungsgemäß zu wünschen übrig.

Die beim Saugen entwickelte Lautstärke liegt in allen drei Modi subjektiv klar unter dem für den Vergleich herangezogenen, beutellosen Samsung-Staubsauger (Modell EG F500, 650 Watt) und pendelt in der mittleren Einstellung bei rund 60 Dezibel, was erhöhter "Zimmerlautstärke" entspricht. Der Störfaktor ist, wenn der Xiaomi-Bot im gleichen Raum aktiv ist, also erträglich, sobald er ums Eck verschwindet lassen sich auch wieder Gespräche in normaler Lautstärke führen.

Zeitrafferaufnahme von der Beseitigung eines Schmutz-Arrangements in der Mitte des Raumes.

Entleerung und Filter

Den eingefangenen Dreck schleust der Sauger mithilfe einer um die eigene Achse kreisenden Bürste über einen großen Einlass mithilfe einer Düse und eines bürstenlosen Motors in einen Behälter mit Hepa-Filter. Dieses fasst 420 Milliliter und war im Test nach etwa drei bis fünf Durchläufen der gesamten Wohnung voll.

Die Entleerung ist recht einfach. Kompliziert könnte es aber mit der Verfügbarkeit passender Ersatzfilter werden. Allgemein wird empfohlen, den Feinpartikelfilter einmal jährlich zu wechseln. Auch die Haupt- und Zusatzbürste sind austauschbar, ein eigener Einstellungspunkt informiert mittels Prozentwerten über ihren Status.

Nachbestellt werden kann theoretisch über die App. Für den Filter werden umgerechnet knapp 20 Euro fällig. Die Zusatzbürste wird mit etwa 27 Euro veranschlagt. Die Bodenbürste wird mit circa 40 Euro veranschlagt. Es handelt sich allerdings um lokale Preise, Exporthändler schlagen darauf freilich noch etwas auf.

Remote-Steuerung und Datenschutz

Konfiguriert und losgeschickt werden kann der Roboter übrigens auch von außerhalb des eigenen WLANs, was nach dem erstmaligen Einrichten ohne weiteres Zutun bereits möglich war. Der Fernzugriff scheint auch nicht abschaltbar zu sein, mangels Mandarin-Kenntnissen ließ sich das allein per Google Translate aber nicht zweifelsfrei feststellen.

Wer besonders auf Datenschutz bedacht ist, sollte den Roboter nach der Einrichtung über ein nur für Firmwareupdate-Checks und Einstellungsänderungen temporär ans Internet angebundenes WLAN betreiben. Denn immerhin nutzt man hier ein für den chinesischen Markt ausgelegtes Produkt – was übrigens auch die Inanspruchnahme der Garantie erschwert, die über den Händler erfolgt.

Auch wenn ein Mi Home-Account keine Angabe sensibler Daten voraussetzt, wird doch immerhin ein Grundriss der eigenen Wohnung erzeugt. Der Offline-Betrieb verhindert allerdings gänzlich die Verwendung per App, der Roboter kann dann nur noch per Tastendruck gestartet werden.

foto: derstandard.at/pichler

Fazit

Insgesamt liefert der Staubsaugerroboter von Xiaomi ein durchaus beeindruckendes Technikpaket. Ordentliche Saugleistung verknüpft guter Wendigkeit und schlauer Wegfindung machen aus dem Gerät einen wirklich nützlichen Helfer für einen vergleichsweise kleinen Preis. Ein Beleg, dass Xiaomi nicht nur gute Smartphones baut.

Dass die Bedienung allerdings über ein nur in Chinesisch verfügbares Menü läuft, ist ein Ärgernis. Die Basisfunktionen sind zwar schnell erlernt, viele Einstellungen müssten aber erst durch Trial and Error erlernt oder mühsam übersetzt werden. Hinzu kommen mögliche Datenschutzbedenken und der erschwerte Bezug von Ersatzkomponenten.

Wer mit diesen Mankos umgehen kann und eine gute Saugdrohne braucht, findet hier ein interessantes Angebot vor. Alle anderen sollten lieber abwarten, bis die Preise für Geräte etablierter westlicher Hersteller sinken oder Xiaomi sich auf europäische Märkte vorwagt. (Georg Pichler, 24.11.2016)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde der Redaktion vom Händler Gearbest zur Verfügung gestellt.

Links

Xiaomi

Gearbest

Nachlese

Dyson 360 Eye im Test

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