Die Wiener Börse ist besser als ihr Ruf

26. Dezember 2016, 18:08
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"The image has gone, only you and I, it means nothing to me ..." – eine Strophe, die ein wenig die Situation der Börse Wien widerspiegelt

Es war ein Paukenschlag, der Anfang Oktober die Aktionäre des österreichischen Feuerfestkonzerns RHI in Aufruhr versetzte. Nach dem Zusammenschluss der RHI mit der brasilianischen Magnesita soll die Notiz der RHI-Aktie, die übrigens am 7. Oktober 1987 ihre Erstnotiz in Wien feierte, ein Ende finden. Die Aktivitäten der neuen RHI Magnesita sollen zwar aus Österreich gesteuert werden, die gemeinsame Aktie wird dann allerdings nur mehr in London notieren.

Mit diesem Abschied wird der ohnehin nicht gerade lange Kurszettel der Wiener Börse wieder ein wenig kürzer. Weitere Abgänge im Leitindex ATX scheinen programmiert. Die beabsichtigte Fusion der CA Immo mit der Immofinanz wird zumindest einen weiteren Platz freimachen, und auch die Übernahme des Immobilienunternehmens Conwert durch die deutsche Vonovia könnte sich auf die ATX-Zusammensetzung schon in naher Zukunft auswirken. Auch Frauenthal überlegt einen Abzug, Miba ist schon weg.

Experten wie Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der Linzer 3 Banken Generali Invest, finden es zwar "sehr schade", dass ein Urgestein wie RHI das Wiener Parkett verlassen wird, doch "solche Dinge passieren immer wieder", sagt Friedrich Mostböck, Head of Group Research der Erste Group Bank: "Der Abgang der RHI hat mit der Börse Wien wenig zu tun."

Kaum Börsengänge

Die Euphorie, die im Gefolge der EU-Osterweiterung (2004) den Wiener ATX bis knapp an die 5000-Punkte-Marke geführt hat, ist mittlerweile verflogen. Speziell in puncto Börsengänge tut sich aktuell wenig bis gar nichts. Der letzte Neustart im Primesegment der Wiener Börse liegt bereits mehr als zwei Jahre zurück (FACC im Juni 2014), und auch davor gab es eine länger währende Durststrecke.

"Die Zeit der großen Privatisierungen ist vorbei", erklärt Mostböck. Mit einer Einschränkung: Aus seiner Sicht wäre die Asfinag durchaus ein attraktiver Börsenkandidat. Aber: "Da fehlt wohl der politische Wille." Interessierte Privatunternehmen gibt es zwar viele, wie von Brancheninsidern immer gerne betont wird, doch die scheuen letztlich nicht selten den Aufwand, der mit einer Notiz an der Börse verbunden ist.

Auch Alois Wögerbauer, der selbst einen Österreich-Aktienfonds managt, meint, dass die Skepsis vor allem bei Familienbetrieben sehr groß ist: "Ich höre nicht selten den Satz: Was man da alles machen muss, das tu ich mir nicht an."

Die Regularien sind schärfer geworden. Vor allem die Interpretation dessen, was kursrelevant ist und somit sofort veröffentlicht werden muss, sorgt mitunter für Verwirrung bei den Betroffenen. Wögerbauer hierzu: "Die erhöhten Anforderungen haben dazu geführt, dass die Unternehmen bei ihrem Ausblick auf die künftige Geschäftsentwicklung immer vager werden – eigentlich eine absurde Situation. Was als Schutz für Investoren gedacht war, hat sich ins Gegenteil verkehrt." Angesichts der aktuell niedrigen Zinsen können viele arrivierte Unternehmen ihren Kapitalbedarf auch so stemmen und müssen nicht zwingend an die Börse, sagt Wögerbauer.

Risikokapitalwüste

Arrivierte Unternehmen vielleicht, doch Wachstumsunternehmen tun sich in Österreich schwer, Geld aufzutreiben. In puncto Risikokapital ist Österreich zu einer Wüste geworden. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 versiegte der Kapitalstrom aus Banken und Versicherungen, bis dahin waren sie ein wichtiger Geldgeber der Beteiligungskapitalindustrie. Aktuell werden eigenkapitalbasierte Finanzierungen ausschließlich von Privatpersonen und vom Staat ermöglicht.

Stammte 2007 noch fast ein Drittel der für Private Equity aufgebrachten Mittel aus dem Bankensektor, so liegt dieser Wert seit Jahren bei null. Was sich auch in der Summe der Mittel niederschlägt: 2007 flossen an die 400 Millionen Euro in Beteiligungskapital. 2014, im Annus horribilis der österreichischen Beteiligungskapitalindustrie, wurden gerade einmal 13 Millionen Euro an neuen Mitteln aufgetrieben – 77 Prozent davon stammten aus staatlichen Quellen.

Und auch wenn sich die Situation im vergangenen Jahr etwas gebessert hat – nach der Startphase fehlt es Wachstumsunternehmen in Österreich noch immer an Kapital.

Ebbe bei Anschlussfinanzierung

In der Anfangsphase gibt es genug Geld, wenn es um die Anschlussfinanzierung geht, herrscht Ebbe, heißt es aus der Start-up-Branche. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2015 Crowdfunding in Österreich vollkommen neu geregelt.

Das Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG), in dem die Finanzierung via Crowd geregelt ist, gilt europaweit als Vorzeigemodell. Doch die Crowd allein wird das nötige Kapital nicht stemmen, meinen Marktbeobachter. Auch für die Beteiligungsindustrie braucht es neue, attraktive Rahmenbedingungen und entsprechende gesetzliche Regelungen.

Neue, attraktive Rahmenbedingungen – Gleiches wird wohl auch notwendig sein, um der Wiener Börse neues Leben einzuhauchen. Die Hoffnung jedenfalls lebt: Erst im Sommer dieses Jahres hat sich Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) für die Schaffung einer Börse für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in Österreich starkgemacht.

Damit eine KMU-Börse entstehen kann, müssen allerdings die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert werden, meinte Mahrer. Selbstkritisch fügte er hinzu: "Was den Kapitalmarkt betrifft, zählen wir zu den Steinzeitländern." Ergänzend fügt Friedrich Mostböck hinzu, dass sich aber auch an der Einstellung in Österreich etwas ändern müsse: "Aktien gelten hierzulande ja noch immer als etwas Böses."

Umdenken gefordert

Eine Einstellung, die sich mitunter auch in der veröffentlichten Meinung niederschlägt. Der Finanzplatz Wien jedenfalls wird hierzulande gerne belächelt und von einer breiten Öffentlichkeit vor allem als "Underperformer" wahrgenommen. Zu Unrecht, wie ein Blick in die Statistik zeigt: Ende 1999 stand der ATX bei 1197,82 Punkten, 2015 beendete er das Jahr bei einem Stand von 2396,94 Punkten – das entspricht einem Plus von mehr als 100 Prozent. Der Leitindex der Frankfurter Börse hat im selben Zeitraum ein Plus von rund 54 Prozent erzielt.

Zieht man die durchschnittliche jährliche Performance von ATX und Dax in den vergangenen 16 Jahren heran, so zeigt sich, dass der Dax im Schnitt jährlich rund sechs Prozent zugelegt hat. Der ATX hingegen konnte im Schnitt 9,6 Prozent zulegen. Dabei hinkt dieser Vergleich noch gewaltig: Denn im Unterschied zum Performanceindex Dax werden im Kursindex ATX Dividendenzahlungen abgezogen – zieht man den ATX Total Return (inklusive der Dividenden) als Vergleich heran, so hat Wien im Schnitt in den vergangenen 16 Jahren doppelt so gut abgeschnitten wie der deutsche Leitindex Dax. (Harald Fercher, Portfolio, 2016)

  • Der Börse laufen die Unternehmen davon, der Kurszettel in Wien wird tendenziell kürzer statt länger.
    foto: heribert corn

    Der Börse laufen die Unternehmen davon, der Kurszettel in Wien wird tendenziell kürzer statt länger.

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