Großbritannien: "Lange Bremsspur"

5. Jänner 2017, 12:32
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In der City of London herrscht große Unsicherheit über die Folgewirkungen des Brexit

Für die Akteure am wichtigsten internationalen Finanzplatz der Welt steht das neue Jahr ganz im Zeichen des Brexit. Was in der Londoner City die große Mehrheit für dämlich hält, wird 2017 Wirklichkeit: Bis spätestens Ende März, so hat es Premierministerin Theresa May angekündigt, will Großbritannien in Brüssel die Kündigung einreichen. Laut Lissaboner Vertrag vergehen dann zwei Jahre, bis die Insel die EU verlässt. Was danach kommt, darüber gibt es ein knappes halbes Jahr nach dem Referendum vom 23. Juni wenig Klarheit.

Bisherige Äußerungen der konservativen Regierung legen einen "harten" Brexit nahe, also den kompletten Austritt aus dem EU-Binnenmarkt. Hingegen drängen die Lobbyisten der Finanzindustrie darauf, den Zugang zum Kontinent so offen wie möglich zu halten.

Schon ist etwa die Rede von einer London-spezifischen Arbeitserlaubnis; diese würde den in der Hauptstadt tätigen Banken und Versicherungen ermöglichen, auch weiterhin Spezialisten anzuwerben, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Ärger besteht auch über die Weigerung der Regierung, seit langem auf der Insel ansässigen Bürgern anderer EU-Staaten das dauerhafte Bleiberecht zu garantieren.

Untermauert werden die Warnungen vor einer unfreundlichen Trennung mit Horrorzahlen über drohenden Arbeitsplatz- und Einflussverlust. Längst liegen Dublin, Mailand und Paris im Clinch, wer zukünftig die bisher in London ansässige Bankenaufsichtsbehörde EBA beherbergen darf.

In Brüssel gibt es zudem Planspiele, das Clearing in Euro-Wertpapieren nicht mehr außerhalb der Eurozone zuzulassen. Einer Studie des Buchprüfers EY zufolge würde dies binnen sieben Jahren 83.000 Jobs in der britischen Finanzindustrie direkt treffen, mit einem Dominoeffekt weitere bis zu 232.000 Jobs.

Konjunkturschock verhindert

Sauer ist in der City vielen die Parteitagsrede aufgestoßen, in der sich die Regierungschefin im Oktober zum Nationalstolz bekannte und die globale Elite tadelte: "Wer Weltbürger sein will, gehört nirgendwo richtig dazu." Weil sie zudem allgemeine Kritik an Zentralbanken übte, schossen Spekulationen über den Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, ins Kraut.

Im November aber verlängerte der Kanadier seine Amtszeit bis Mitte 2019, was die Märkte erleichtert aufnahmen. Der Zentralbankchef agierte im Juni, während das Land in Schockstarre verharrte, als Stimme der Vernunft, senkte den Leitzins auf das Rekordniedrigniveau von 0,25 Prozent und pumpte weitere Milliarden in die Wirtschaft, um Investitionen zu erleichtern.

Nicht zuletzt dadurch gelang es, den vorab prognostizierten Konjunkturschock zu verhindern. In diesem Jahr ist die britische Wirtschaft unbeirrt gewachsen, die Prognosen für 2016 liegen um die zwei Prozent; die Arbeitslosigkeit sank zuletzt auf 4,8 Prozent.

Wenig Spielraum

Eine Reaktion auf das Brexit-Votum steht fest: Die Regierung will die "patriotisch denkende, pflichtbewusste Arbeiterschicht" (May) entlasten und bisher vernachlässigte Regionen vor allem im Norden Englands stärker fördern. Das könnte zusätzliche Belastungen bringen für den Staatshaushalt, dessen Defizit bei um die vier Prozent verharrt.

Weil im neuen Jahr weniger Wachstum und dementsprechend weniger Einnahmen zu erwarten sind, hat Finanzminister Philip Hammond wenig Spielraum für Steuererleichterungen. Für 2017 erwartet John Hawksworth, Chefökonom beim Buchprüfer PwC, einen Wachstumsrückgang auf 1,2 Prozent: "Statt eines kurzen, harten Schocks wird der Brexit-Effekt eher eine lange Bremsspur bewirken."

Der Verlust des Pfundes gegenüber Dollar und Euro um zwölf bis 15 Prozent hat zwar Exporte erleichtert, treibt aber wegen der teurer gewordenen Importe die Preise in die Höhe. (Sebastian Borger, Portfolio, 2016)

  • Der Weg aus der EU wird für die Briten nicht leicht.
    foto: reuters / neil hall

    Der Weg aus der EU wird für die Briten nicht leicht.

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