Heffa Schücking: "Ich will kein Albtraum sein"

Interview29. Dezember 2016, 10:00
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Die Aktivistin Heffa Schücking organisiert Kampagnen gegen umweltschädliche Großprojekte. Bankchefs fürchten mittlerweile ihren Anruf

STANDARD: Donald Trump hat als neu gewählter US-Präsident angekündigt, unter anderem den Pariser Klimavertrag kippen zu wollen. Wie besorgt machen Sie seine Ankündigungen?

Heffa Schücking: Die Wahl von Donald Trump ist eine Katastrophe. Egal ob es ums Klima oder um Umweltpolitik allgemein geht, ob um Frieden oder Demokratie. Wir und auch Umweltorganisationen in den USA sind geschockt über diese Wahl.

STANDARD: Was war 1992 für Sie das Motiv für die Gründung von Urgewald?

Schücking: Ende der 1980er-Jahre gab es in Deutschland viele Umweltorganisationen, aber keine, die sich darum kümmerte, was deutsche Firmen und Banken mit ihren Projekten und Finanzierungen im Ausland anrichten. Darauf zu schauen, ist unsere Hauptaufgabe. So haben wir etwa herausgefunden, dass deutsche Firmen und Banken im Mountaintop Removal Mining in den Appalachen investiert waren. Zum Glück haben sich nun alle deutschen Banken davon verabschiedet – nur unser Energiekonzern RWE noch nicht.

STANDARD: Ihr Ansatz bei umweltschädlichen Projekten ist, dort zu attackieren, wo diese am verletzlichsten sind – bei der Finanzierung. Wie kommen Sie an Entscheidungsträger heran?

Schücking: Zum einen ist es so, dass in den Ländern, in denen investiert wird, Betreiber oft damit angeben, wer ein Projekt finanziert. Dadurch bekommen wir Wind davon. Auch NGOs vor Ort geben uns Hinweise. Dann rufen wir die Banken an.

STANDARD: Und hören Sie dann nicht oft, dass Gerüchte nicht kommentiert werden und über etwaige Projekte keine Auskunft gegeben wird?

Schücking: Ja, aber Banken geben uns oft trotzdem ein Signal, ob sie sich für das Projekt interessieren. Innerhalb der Branche ist es ja bekannt, wer sich gerade für welches Projekt bewirbt. Man kann auch schauen, mit welchen Banken Firmen in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben und präventiv agieren. Das gibt uns eine Idee, an wen wir herantreten müssen, und wir fordern dann eine Verpflichtung der Bank, dass dieses Vorhaben nicht finanziert wird.

STANDARD: Schmutzige Geschäfte fliegen heutzutage ohnehin oft auf – inklusive negativer Schlagzeilen. Warum lassen Unternehmer und Banker nicht gleich die Finger davon und riskieren den Reputationsschaden?

Schücking: Weil sie keine Moral haben. Die meisten Banken haben nach wie vor keine wirklich wirksamen ethischen Standards.

STANDARD: Aber Chefs muss doch klar sein, dass etwa ein Kohlekraftwerk negative Umweltfolgen hat.

Schücking: Natürlich gibt es auch Banker mit Gewissen. Aber die Machtverhältnisse innerhalb dieser Institutionen sind so gestrickt, dass ethische Risiken nicht von denen eingeschätzt werden, die dann auch das letzte Wort haben. Und das Geschäft geht fast immer vor.

STANDARD: Wie lange dauert es, bis Sie ein Projekt tatsächlich stoppen können – wie etwa den Bau des Atomkraftwerks im bulgarischen Belene?

Schücking: Das kommt auf das Projekt an und darauf, wie ein Konzern aufgestellt ist. Legt ein Konzern großen Wert auf seine Reputation, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Kampagne zum Reputationsrisiko wird. Gibt es im Vorstand Personen, denen Umwelt und Menschenrechte wichtig sind, kann es auch mal ohne Kampagne gehen. Beim geplanten AKW Belene dauerte unsere Kampagne gegen die Deutsche Bank sechs Monate. Hier konnten wir rasch zeigen, dass die Finanzierung eines AKWs russischer Bauart in einem Erdbebengebiet in einem der korruptesten Länder der EU etwas ist, das die Kunden nicht goutieren. RWE davon zu überzeugen, hat fast drei Jahre gedauert, weil der Vorstandsvorsitzende das Projekt für eine gute Idee hielt. Erst als wir uns an die 700 größten RWE-Investoren gewandt haben, konnten wir etwas bewirken. Die Frage, wie viel ihre RWE-Anteile noch wert sind, wenn es zu einem Atomunfall kommt, hatte sie so beunruhigt, dass das Projekt 2009 gekippt wurde.

STANDARD: Sie haben auch den Anstoß dafür gegeben, dass sich der norwegische Pensionsfonds aus Investitionen ins Kohlegeschäft verabschiedet hat ...

Schücking: Wir sind auf den norwegischen staatlichen Pensionsfonds gestoßen, als wir uns mit einer geplanten Kohlemine in Südafrika beschäftigt haben. Diese war hoch problematisch, weil sie der lokalen Bevölkerung das Trinkwasser abgegraben hätte. Als wir sahen, dass der norwegische Pensionsfonds trotz seiner ethischen Leitlinien Aktien dieser und weiterer Kohlefirmen besaß, haben wir eine Portfolioanalyse gemacht und die rund 8000 Investments des Fonds durchforstet. Unsere Recherche ergab, dass der Kohleanteil im Portfolio 32-mal höher war als die Schätzung der norwegischen Staatsbank. Das gab natürlich eine riesige Debatte. Norwegische NGOs haben dafür gesorgt, dass unsere Studie in den Medien platziert war. Wir präsentierten dann auch im Parlament unsere Daten und sind mit Betroffenen und Bildern von Folgeschäden angerückt. Das hat teilweise für entsetzte Mienen gesorgt. Als die Parlamentarier erkannten, wie dreckig diese Investitionen sind, haben sie beschlossen, die Gelder des Fonds aus der Kohleindustrie abzuziehen.

STANDARD: Seither ist Divestment, also der Ausstieg aus umstrittenen Projekten, ein Schlagwort ...

Schücking: Ja. Es gibt aber gutes Divestment und Scheindivestment. Wir sind bei Portfolioanalysen schon mehrfach darauf gestoßen, dass ein Investor Gelder abzieht aus Kohlebergbaufirmen und sie dann aber in kohlebasierte Energieversorger neu investiert. Das bringt natürlich nichts. Damit Divestment wirkt, muss es auch die Kohleverbrennung miteinschließen. In Norwegen wird das so gemacht, und zudem veröffentlichen sie auch die Namen der Firmen, die divestiert wurden. Diese Transparenz ist vorbildlich.

STANDARD: Sie sagen, wenn man nicht will, dass die Hausbank Streubomben oder Kohleminen finanziert, muss man dafür sorgen. Was kann der Einzelne wirklich tun?

Schücking: Man kann als Kunde Druck auf die eigene Bank machen, indem man sie auffordert, verbindliche Richtlinien gegen einer Finanzierung der Waffen- oder Kohleindustrie zu verabschieden. Wenn viele das tun, hat das eine Wirkung. Man kann aber auch die Bank wechseln und sein Geld bei einer Ethikbank unterbringen.

STANDARD: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat Sie als "personifizierten Albtraum für europäische Banker" bezeichnet – eine Auszeichnung?

Schücking: Ach, das klingt eigentlich ein bisschen unfreundlich. Die Banken freuen sich zwar nicht gerade, wenn Urgewald auf ihren Hauptversammlungen auftaucht. Es gibt aber mittlerweile ordentlich Respekt uns und unseren gründlichen Recherchen gegenüber. Mir ist es lieber, Menschen zu überzeugen, als ihr Albtraum zu sein.

STANDARD: Gibt es ein Motto, das Sie begleitet?

Schücking: Ich mag den Satz von Nelson Mandela: "It always seems impossible, until it is done." (Bettina Pfluger, Portfolio, 1.12.2016)

Zur Person

Heffa Schücking (56) hat ihr Biologiestudium knapp vor dem Abschluss abgebrochen und 1992 auf dem 250 Jahre alten Landsitz ihrer Familie im münsterländischen Sassenberg die Organisation Urgewald gegründet. Seither kämpft die Mutter einer 31-jährigen Tochter gegen die Finanzierung von umweltschädlichen Projekten. Seit sie 1994 den renommierten Goldman Environmental Prize in den USA gewonnen hat, muss sie nicht mehr jährlich mit ihrem Vater darüber reden, wann sie denn einen "richtigen" Job annehme. Privat tanzt Schücking gern argentinischen Tango und relaxt mit ihren zwei Katzen. Wenn sie aus der Realität flüchten will, schaut sie Serien.

  • Die Aktivistin Heffa Schücking wurde von der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" als "personifizierter Albtraum für europäische Banker" bezeichnet.
    foto: wolfgang borrs

    Die Aktivistin Heffa Schücking wurde von der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" als "personifizierter Albtraum für europäische Banker" bezeichnet.

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