Schuldenblase: The show must go on

13. Dezember 2016, 05:30
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Jahrelang wurde das Problem der Rekordverschuldung mit der Aufnahme neuer Schulden gelöst. Steigende Zinsen und Risiken rächen sich jetzt

Wer kümmert sich heute schon um Schulden? In Zeiten von Nullzinsen – also schon seit vielen Jahren – hat die Kreditaufnahme ihre Unschuld verloren. Regierungen machen es vor. Unternehmen ziehen nach. Doch gerne wird übersehen, dass jede Tiefzinsphase eines Tages enden wird. Ob Trendwende oder Vorzeichen: Der Wahlsieg Donald Trumps hat gezeigt, wie rasch sich die Landschaft ändern kann. In den Tagen nach dem Urnengang warfen Anleger Staatsanleihen haufenweise auf den Markt: Die Kurse sanken, die sich gegengleich entwickelnden Zinsen stiegen deutlich. In wenigen Tagen machte das Minus bei Bonds eine Billion Dollar aus.

illustration: david matthews

Es sind Erwartungen einer anziehenden Inflation, aber auch Befürchtungen eines neuen Schuldenexzesses in der neuen Ära Trump. Der Republikaner hat immerhin Steuersenkungen versprochen, die sich auf bis zu sieben Billionen Dollar summieren könnten. Bei einer Verschuldung von rund 20 Billionen Dollar käme das – andere Entwicklungen außer Acht gelassen – einem Anstieg um ein Drittel gleich. Investoren bereiten Washington schon einmal darauf vor, dass die Kreditausweitung nur möglich ist, wenn den Geldgebern auch höhere Zinsen angeboten werden.

Es wäre aber zu kurz gegriffen, nur die öffentliche Verschuldung der USA zu thematisieren. Die weltweiten Verbindlichkeiten sind zuletzt auf 225 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung geschnellt – ein historischer Rekordwert. In absoluten Zahlen: 152 Billionen Dollar. Man kann das auch so ausdrücken: 152.000.000.000.000 Dollar. Zwei Drittel dieser Summe, so die Berechnungen des Internationalen Währungsfonds in seiner Publikation "Fiscal Monitor", entfallen auf Unternehmen. Hier hat vor allem China in den letzten Jahren einen rasanten "Aufstieg" hingelegt.

Riskanter Dreiklang

Der IWF befürchtet, dass die hohen öffentlichen Schulden den Staaten keinen Spielraum lassen, im Falle einer neuen Finanzkrise gegenzusteuern. Die Notenbanken haben ihr Pulver ohnedies fast gänzlich verschossen. Das sieht auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), eine Art Bank der Notenbanken, ähnlich. Sie sprach heuer von einem riskanten Dreiklang hoher Schulden, geringen Produktivitätswachstums und der Nullzinspolitik.

Vor allem die Höchststände bei den öffentlichen Verbindlichkeiten nähren in einigen Fällen Zweifel, dass die Schulden nachhaltig sind. Höhere fiskalische Risiken schwächen wiederum das Finanzsystem, hält die BIZ fest. Als Gründe werden die Verschlechterung der Qualität der Bankveranlagungen, die ja vielfach aus Staatsanleihen bestehen, und der Wert der Absicherung von Spareinlagen durch öffentliche Garantien genannt. Das Institut erinnert unverblümt daran, dass das verhängnisvolle Wechselspiel von Banken und Staaten geradewegs in die Eurokrise geführt hat.

Derartige Turbulenzen können sich wiederholen. Bei derzeit noch mäßigen Risikoprämien bei der staatlichen Schuldenaufnahme können Markterwartungen rasch zum Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen. Investoren verkaufen ihre Staatsanleihen, weil sie damit rechnen, dass andere Anleger ähnliche Schritte setzen werden. Je höher die Schulden und je geringer die Glaubwürdigkeit der Regierung, für desto wahrscheinlicher hält die BIZ ein derartiges Szenario.

Beispiel China: Alarmierend

Am Beispiel China lassen sich die Abhängigkeiten gut illustrieren. Das Land pumpt immer mehr Geld in Straßen, Flughäfen, Bahnen und Immobilien. China ist dazu verdammt, das Wachstum mit Geld auf Pump zu stabilisieren. Die Bemühungen der Regierung, den Kreditboom zu bremsen, werden von Experten relativiert. Die geliehenen Einsätze der Lokalregierungen, Banken und Unternehmen steigen nämlich ständig.

Entgegen allen Ankündigungen Chinas wachsen die Kredite seit mehreren Jahren doppelt so schnell wie die Volkswirtschaft. "Alarmierend" nennt Barclays Research diese Entwicklung in einem Bericht. Die Gesamtverschuldung des Landes wird darin auf 260 bis 275 Prozent der Wirtschaftsleistung geschätzt. Das wäre deutlich mehr als der eingangs genannte globale Durchschnitt von 225 Prozent.

Letztlich versucht China das Schuldenproblem mit neuen Schulden zu lösen. Ansonsten würde das Pyramidenspiel, bei dem die chinesischen Banken bereits 35 Billionen an Finanzanlagen in den Büchern stehen haben (das Doppelte des US-Finanzsystems), auffliegen. The show must go on.

Debatte um Sparpolitik

Und Europa? Hier hat die immer noch nicht verdaute Eurokrise zu einer lebhaften Diskussion über Wachstumsimpulse geführt, in der Österreich starke Akzente setzte. Bundeskanzler Christian Kern, der im Mai Werner Faymann beerbt hatte, plädierte in einem vielbeachteten Gastbeitrag für die "FAZ" für ein Ende der Sparpolitik in Europa. Finanzminister Hans Jörg Schelling nannte den Regierungschef darauf prompt einen "linken Ideologen".

Ökonomen sind gespalten. Kurt Bayer beispielsweise plädiert für eine expansive Fiskalpolitik, mit der Europa die Wirtschafts- und Finanzkrise endlich abhaken soll. Franz Schellhorn bestreitet hingegen, dass die EU einen Sparkurs fahre: In keinem Land der Union waren die öffentlichen Ausgaben seinen Berechnungen zufolge in den letzten zehn Jahren rückläufig. "Das ist das Gegenteil von Austerität", lautet sein Befund.

illustration: david matthews

Ein Blick in die Eurostat-Zahlen ist dabei aufschlussreich. Die Ausgaben der EU-Länder im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung lagen zuletzt bei 48,6 Prozent. Jeder zweite in den Kreislauf geschickte Euro kommt also bereits von der öffentlichen Hand. Das Potenzial nach oben ist ziemlich begrenzt, das sehen auch viele Sozialdemokraten so. Allerdings: Die Lasten könnten durchaus anders verteilt werden.

Nicht nur "linke Ideologen" plädieren daher für höhere Steuern auf Vermögen und Erbschaften, um im Gegenzug den Faktor Arbeit zu entlasten. Auch die stärkere Ökologisierung des Systems ist unter Ökonomen wie Margit Schratzenstaller vom Wirtschaftsforschungsinstitut ein Thema.

Wie immer man dazu stehen mag, eines ist unbestritten: Die Arbeit wird in Europa massiv belastet. Jeder zweite eingenommene Euro bemisst sich an den Löhnen. In Österreich liegt der Anteil der arbeitsabhängigen Abgaben sogar bei 57,4 Prozent – nur in Schweden liegt diese Form der Besteuerung über dem heimischen Niveau. Die hohe Arbeitslosigkeit in Europa hängt in den Augen vieler Wirtschaftsforscher auch mit den hohen Lohnabzügen zusammen.

Banken als Bremsklotz

Doch das ist bei weitem nicht der einzige Bremsklotz der europäischen Wirtschaft. Zu schaffen macht dem Kontinent nach wie vor die Verfassung der Banken. Einmal sendet Italiens Finanzsektor Schockwellen aus, dann ist es wieder die Deutsche Bank, deren hohe Risiken und Altlasten die Kurse abstürzen lassen.

Dass sich die EU nicht nur mit ein paar Problemkindern herumschlagen muss, ist evident, vor allem die in den Bilanzen schlummernden faulen Kredite lassen die Alarmglocken schrillen. Die Weltbank hat in einer Untersuchung eruiert, dass rund sechs Prozent der Ausleihungen in Europa notleidend sind. Zum Vergleich: In den USA und Japan liegt diese Quote unter zwei Prozent.

In den Vereinigten Staaten schnellten die die uneinbringlichen Kredite mit dem Ausbruch der Finanzkrise in die Höhe, seither geht deren Volumen kontinuierlich zurück. EU-Institute kämpfen hingegen mit ständig steigenden Forderungen, deren Bedienung in Zweifel steht. Erst seit 2015 sind hier moderate Verbesserungen festzustellen. Die Gefahr, die von faulen Krediten ausgeht, ist aber weiterhin groß. Ein Beispiel: Allein in Italien machen sie 360 Milliarden Euro aus. Dieser Wert entspricht einem Drittel aller Ausleihungen in der Eurozone, bei denen die Kunden Probleme mit der Rückzahlung haben.

Teufelskreis von Banken- und Staatsschuldenkrisen

Seit Monaten wird in Rom und Mailand über eine Welle an Staatshilfen spekuliert. Die Rede ist von einem Unterstützungspaket in Höhe von 40 Milliarden Euro. Geldspritzen der öffentlichen Hand sind seit Inkrafttreten der Bail-in-Regelungen in der EU grundsätzlich nicht mehr vorgesehen. Vielmehr sollen bei Unterschreitung der Eigenkapitalerfordernisse Aktionäre und Gläubiger zur Sanierung beitragen.

Berlin pochte schon im Sommer darauf, dass die neuen Bestimmungen nicht schon im ersten Ernstfall ausgehebelt werden. Investoren wiederum treten vehement für staatliche Hilfen ein, um die Unsicherheit aus dem Markt zu nehmen. Im Fokus steht die Krisenbank Monte dei Paschi di Siena, doch auch die Bank-Austria-Mutter Unicredit wird immer wieder von Spekulationen über versteckte Risiken erfasst. Würde die Mailänder Bank in den Strudel gezogen, rechnen Analysten mit einem Dominoeffekt in der Eurozone.

Das Beispiel Italien zeigt, dass der Teufelskreis von Banken- und Staatsschuldenkrisen trotz aller gegenteiligen Behauptungen weiterhin nicht durchbrochen ist. Die Geldinstitute des Landes finanzieren die veritablen Schulden Roms, deren Volumen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung in Europa nur von Griechenland übertroffen wird. Diese Government-Bonds müssen im Unterschied zu Krediten an Unternehmen und Konsumenten nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. Es gibt also keinen Puffer für den Fall, dass Teile dieser Forderungen ausfallen.

Niedrige Eigenkapitalquote

Diese Systematik sorgt dafür, dass die Eigenkapitalquote insgesamt verhältnismäßig niedrig ist. Umgekehrt hängen die Staaten mit drin, wenn die Banken kippen. Dass im Fall der Fälle das Bail-in durchgezogen wird, darf nämlich bezweifelt werden. Zu groß sind die Sorgen in Rom, Frankfurt oder Brüssel, dass ein derartiger Schock einen Dominoeffekt auslösen würde. Abgesehen von quasi freiwilligen Staatshilfen gibt es noch ein weiteres Spannungsfeld: die Haftungen, die viele Länder für ihre Banken übernommen haben.

Österreich weiß davon ein Lied zu singen, haben doch die Kärntner Garantien für die frühere Hypo Alpe Adria einen Schuldenschnitt massiv behindert. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat diese Haftungen heuer für die USA berechnet: Demnach ist ein Drittel der Kredite privater Banken explizit staatlich abgesichert. Dazu kommen noch implizite Garantien – eine Art unausgesprochene Sicherheit, dass die Regierung den Geldinstituten im Notfall aus der Patsche hilft.

Noch einmal zu Italien: Die Zitterpartie des Bankensektors hat sich längst auf den Staat ausgewirkt. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen verdoppelten sich seit August, seit Trumps Wahlsieg beschleunigt sich der Anstieg. Unter Druck kommen auch andere Länder wie Portugal, wo der Staat für seine Schuldenaufnahme schon wieder fast vier Prozent zahlen muss.

Wenn jetzt auch noch die Inflation anzieht – mehrere Rohstoffpreise wie Kohle und Kupfer weisen deutlich in diese Richtung –, wird das die Situation verschärfen. Dann wird sich weisen, ob es klug war, die Warnsignale vor einem Platzen der globalen Schuldenblase nachhaltig zu ignorieren. Denn irgendwann ist jede Show vorüber. (Andreas Schnauder, Portfolio, 13.12.2016)

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