Chinas Börsenaufseher als Feuerlöscher

7. Jänner 2017, 12:00
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Der neue Börsenaufseher Liu Shiyu wird gelobt. Ein Neustart bei den Börsen ist aber erst nach dem Parteitag 2017 in Sicht

Chinas WeChat-Foren lieben Onlinefrotzeleien, die "duanzi", genannt werden. Natürlich sind auch die Börsen dort ein Thema. Sie seien verkappte Spielbanken, deren Croupiers im Hauptberuf im Politbüro sitzen. "Warum sind Chinas Turmspringer Weltklasse? Weil sie alle Formen des Fallens aus dem Effeff beherrschen. Sie spekulieren an der Börse."

2016 boten Chinas Aktienmärkte erstmals keinen Anlass für solchen "duanzi"-Spott. Sie schlugen weder wild nach oben noch nach unten aus. Anders war es zwischen Juli 2014 und 12. Juni 2015 gewesen. Der Schanghaier Leitindex schnellte auf 5178 Punkte. Die Aktienkurse an den Märkten Schanghai, Shenzhen und der Technologiebörse ChiNext wuchsen um 152, 146 und 178 Prozent. Dann erst brach Schanghais Kurs in nur drei Wochen um 32 Prozent ein. Und er fiel von da an immer tiefer.

Sieben Monate später musste der Chef der Börsenaufsicht, Xiao Gang, als Sündenbock abtreten. Im Februar 2016 wurde der 54-jährige Bankenexperte Liu Shiyu Nachfolger. Seine Bestellung entpuppt sich nun als eine der besten Reformmaßnahmen Pekings, um auf den chinesischen volatilen Aktienmärkten wieder Ruhe einkehren zu lassen. "Liu kam als Feuerlöscher. Er hat einen ziemlich guten Job gemacht", sagte Pekings bekannter Finanzökonom Zhu Ning.

"Unreformierte Ausgangslage"

Liu kam von der Zentralbank, wo er 18 Jahre lang gearbeitet hatte, bevor er 2014 Chef der drittgrößten Agrargeschäftsbank Chinas wurde. So viel Erfahrungen zahlten sich aus. Schon in seiner ersten Pressekonferenz, als Schanghais Leitindex bei 2918 Punkten dahindümpelte, verglich er Chinas Börsenchaos mit einem "überladenen Tanklastzug, der mit versagenden Bremsen den Hang herunterfährt."

Ökonom Zhu beschreibt Liu als "konservativen Reformer", der die Regeln gegen Insiderhandel und Schwindelunternehmen verschärfte. Er ließ die Reform des Registrierungssystems verschieben, um nicht noch schneller Neuemissionen auf den Markt zu bringen. Liu wollte den "Status quo" wiederherstellen und die Aktienkurse nicht unter 2800 Punkte fallen oder über 3200 steigen lassen – auch zum Schutz von Millionen Kleinstanlegern, auf die sich Chinas Börsen stützen müssen, weil sie viel zu wenige strategische Investoren anziehen.

Liu sagte einst offen, warum die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt noch über keine vernünftig funktionierenden Börsen verfügt. "Wir vergaßen auf dem Weg zur Internationalisierung unserer Kapitalmärkte und bei der Übernahme von Erfahrungen anderer Länder, von welcher unreformierten Ausgangslage wir herkamen."

Quoten schränken ein

Der Pekinger Staatsrat hat 2016 kaum Innovationen für die Börsenentwicklung gebilligt. Im August zündete er die zweite Stufe des Direkthandels zwischen den Shenzhener und Hongkonger Börsen. Ab Ende November soll zwischen ihnen direkt gehandelt werden können.

Wie auch schon beim im November 2014 erlaubten Direkthandel zwischen Schanghai und Hongkong ist dabei das Ausmaß des Handels über täglich festgesetzte Quoten eingeschränkt. Ende Oktober entschied Peking, chinesischen Rentenfonds zu erlauben, in die A-Aktienmärkte zu investieren. Doch die Pensionsfonds dürfen nur bis zu 30 Prozent ihres Kapitals in A-Aktien anlegen. Peking und Liu halten den Deckel darauf.

Stabilität an den Börsen ist auch ein Primat der Politik. Für Ende 2017 bereitet die KP-Führung ihren Wahlparteitag vor. Dann werden die politischen Karten neu gemischt und auch jene für die Börsen. Liu muss Chinas Aktienmärkte bis dahin in ruhigem Fahrwasser halten. In Peking wird spekuliert, dass er gute Chancen hat, Ende 2017 neuer Zentralbankchef zu werden. (Johnny Erling, Portfolio, 2016)

  • Chinas Anleger warten den Parteitag ab.
    foto: afp / johannes eisele

    Chinas Anleger warten den Parteitag ab.

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