Was das Allesnetz bringen wird

6. Jänner 2017, 08:00
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Das Internet der Dinge ist in unser Leben eingezogen. Mit der Industrie 4.0 steht aber nicht weniger als die Re-Industrialisierung des Westens auf dem Spiel

Schwerer Verkehrsunfall. Die Feuerwehr ist innerhalb weniger Minuten vor Ort. Dem Einsatzleiter hat das am Tablet vernetzte System aus Straßenkameras und Infodiensten bereits einen detaillierten Überblick zusammengestellt: Hohes Verkehrsaufkommen; heftiger Wind vor Ort wird die Arbeiten erschweren. Der Einsatzleiter wird weitere Einsatzfahrzeuge anfordern. Den Helfern schickt er auf das Handy einen Lageplan mit seinen Anmerkungen. Und auf Knopfdruck liefert eine Datenbank das Fahrzeugdatenblatt, das zeigt, wie bei dem verunfallten Automodell die Karosserie aufgeschnitten und wo das Airbagsystem deaktiviert wird.

Das Beispiel des oberösterreichischen Feuerwehrausstatters Rosenbauer zeigt, dass die Industrie 4.0 mehr ist, als eine Hightech-Strategie, mit der Produktionsstätten effizienter werden oder der Haushalt organisierter. Artificial Intelligence, Internet-of-Things, 3D-Druck, Bio Printing, selbstfahrende Autos, Smart Factories, das alles zählt zu dieser Entwicklung.

Doch de fakto hatte der Begriff, der 2011 von der deutschen Bundesregierung auf der Hannover Messe in Umlauf gebracht wurde, bis vor wenige Wochen keine klar abgegrenzte, offizielle Definition. Nun hat der wissenschaftliche Dienst des deutschen Bundestags festgelegt: Es geht um die "vierte industrielle Revolution auf der Basis cyber-physischer Systeme (intelligente technische Systeme aus der Elektronik, Softwaretechnologie, Informationssysteme, Mechatronik)".

Abwanderung der Produktion

Dass ausgerechnet die Deutschen als Industrienation sich in diesem Feld stark machen, ist kein Zufall. Immerhin steht und fällt mit der Industrie 4.0 nichts geringeres als die Hoffnung auf die Re-Industrialisierung der westlichen Welt – Gewissermaßen die Ehrenrettung des historischen Prozesses, über den sich Europa so lang definierte.

Nach den ersten drei Industrierevolutionen (Dampfmaschine, elektrischer Strom, Informationstechnik; IT) kam es mit dem postindustriellen Strukturwandel ab den 1980er Jahren in vielen westlichen Staaten zu einer Abwanderung der Produktion in Billigländer.

In Deutschland ist trotz der Modernisierung der Industrie ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung mit 22,6 Prozent noch relativ hoch geblieben. Auch in Österreich kommt das Verarbeitende Gewerbe laut Daten des Deutschen Wirtschaftsministeriums aus 2015 auf gute 18,5 Prozent, in Spanien hingegen nur noch auf 13,3 Prozent, in Frankreich auf 11,25 und in Großbritannien auf 10,25 Prozent. Die EU-Kommission will den Anteil EU-weit bis 2020 wieder auf 20 Prozent heben.

Das Zauberwort dafür: Industrie 4.0. Selbst im anderssprachigen Ausland, wo "Industry 4.0" lange fragende Blicke auslöste, ist der Terminus mittlerweile verankert.

Selbst lernen macht schlau

Auf Produktionsebene wird unter Industrie 4.0 im engeren Sinn meist Smart Factory verstanden. In der intelligenten Fabrik kommunizieren die Produktionsanlagen, Logistikroboter oder Lagerartikel miteinander und entscheiden selbst über den nächsten Schritt. Sie können die Produktionsgeschwindigkeit an die Auftragslage anpassen, Roboter arbeiten Hand in Hand mit Menschen und so weiter. Allein der globale Markt der Machine-to-Machine-Communication soll von fünf Milliarden Dollar bis 2024 auf 27 Milliarden Dollar wachsen, gibt der Strategieberater Machina Research an.

Den großen Durchbruch für die Fabrik der Zukunft werden aber selbstlernende Maschinen bringen, denen man nur noch sagt, was, aber nicht wie sie etwas machen müssen. Eindrücklich demonstriert das etwa der deutsche Automationsprofi Festo: Ein Greifer, der die vier Finger der menschlichen Hand immitiert, bekommt die Vorgabe, einen Ball mit dem Schriftzug nach oben zu drehen. Die Hand probiert, wie ein Kind, eine Stunde, dann haben Lernalgorithmen die Strategie gefunden. Der nächste Greifer kann auf Anhieb den Ball aufnehmen und richtig drehen.

Der deutsche Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik schätzt, dass bis 2025 Smart Factory-Komponenten flächendeckend Realität sind. In einer Erhebung der Unternehmensberatung Staufen hat 2015 fast jede dritte deutsche Firma Einzelprojekte zur Vollvernetzung implementiert, im Jahr davor war es nur jede siebente.

Patente-Kaiser China

Länder mit hohem Industrieanteil wie Deutschland und Österreich haben einen gewissen Startvorteil: Nur wo Industriearbeitsplätze, Know-how, qualifizierte Beschäftigte und Infrastruktur vorhanden sind, können die neuen Technologien auch realisiert werden. Gleichzeitig holen die Schwellenländer rasant auf. China hat bei Industrie-4.0-Patenten die USA und Europa abgehängt, zeigt eine Studie des Fraunhofer Institute for Industrial Engineering.

Bei drahtlosen Sensornetzen, Embedded Systems, Low-cost-Robotern sowie Big Data hat China zwischen 2013 und 2015 mehr als 2500 Patente angemeldet, die USA nur 1065 und Deutschland 441. Noch dazu auf hoher Qualitätsstufe. Fazit der Studienautoren: "China wird bei Industrie 4.0 auf Basis eigener Schutzrechte sowohl nationale als auch internationale Standards definieren, an denen sich ausländische Tech-Anbieter orientieren müssen".

An der WU Wien bemüht man sich derzeit um einen Lehrplan für den "Wirtschaftsingenieur 4.0". Doch an den verklausulierten Formulierungen auf der WU-Homepage erkennt man, wie schwer die Fähigkeiten einzugrenzen sind. Jedenfalls müsse der Wirtschaftsingenieur "zu einem spezialisierten Allrounder" ausgebildet werden.

Aus Verbrauchersicht ist Industrie 4.0 unter dem Schlagwort Internet of Things (IoT) bereits dem Stadium der Glorifizierung entwachsen. Mit dem Netz verbundene Geräte oder Sensoren, sollen unseren Alltag erleichtern. Das Thermostat "Nest" etwa schaut online, wie das Wetter ist, erkennt, ob jemand anwesend ist und hat gelernt, wie warm es seine Nutzer bei bestimmten Bedingungen mögen.

Nicht recht vom Fleck kommt der intelligente Kühlschrank, der nicht nur erkennt, dass etwa die Milch zur Neige geht sondern auch gleich für Nachschub sorgt. Entweder, indem direkt beim vorab definierten Supermarkt eine Bestellung aufgegeben wird oder, dass der Besitzer aufs Handy eine Leerstandsanzeige bekommt.

2008 waren erstmals mehr Dinge als Menschen mit dem Netz verknüpft, rechnet der IT-Dienstleister Cisco vor. Doch besonders nach dem großangelegten Angriff im Oktober, bei dem Teile des Internets durch gehackte IoT-Geräte wie IP-Kameras oder Videorekorder lahmgelegt wurden, mehren sich die Stimmen zu einem bewussteren Umgang mit IoT-fähigen Artikeln. (Edith Humenberger-Lackner, Portfolio, 2016)

  • Mit dem Netz verbundene Geräte oder Sensoren, sollen unseren Alltag erleichtern.
    illustration: david mathews

    Mit dem Netz verbundene Geräte oder Sensoren, sollen unseren Alltag erleichtern.

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