Bergrettung: 2016 wird Rekordjahr an Unfällen und Bergungen

24. November 2016, 14:19
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Die Zahl der Einsätze ist in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen, den Rettern fehlt Geld für Ausrüstung

Wien – Eigentlich wollte der Wanderer, der mit seinem Hund auf der Sattelalpe in Vorarlberg unterwegs war, nur einer Kuhherde ausweichen. Doch Hund und Herrl landeten auf einem Grat, auf dem sie weder vor noch zurück konnten. Der Fall ist ein Paradebeispiel für den Alltag der österreichischen Bergretter. Immer öfter müssen sie ausrücken, weil Menschen bei eher leichteren Wanderungen vom Weg abkommen oder sich durch Leichtsinn selbst Schaden zufügen – wie eine Tiroler Berggeherin, die während eines Gewitters zum Telefonieren vor eine Alpenvereinshütte bei Innsbruck ging, wo sie von einem Blitz verletzt wurde.

Der Österreichische Bergrettungsdienst (ÖBRD) rechnet heuer mit einem Rekordjahr. Bis Ende Dezember dürften bei mehr als 7.700 Einsätzen 8.000 Menschen geborgen werden. Alleine in den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Einsätze um über 30 Prozent, hieß es am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Bergretter sind allerdings selbst in Not, ihnen fehlt Geld für die Ausrüstung.

"Das ganze Jahr ins Gebirge"

Der Trend entwickle sich weg von Rettung aus schwierigen Wänden und hochalpinem Gebiet hin zu Alpinunfällen bei Wanderungen in leichtem Gelände, berichtete Franz Lindenberg, Präsident des ÖBRD. So wurden im Vorjahr mehr als 45 Prozent der Bergungen auf gut markierten Wegen und Steigen durchgeführt, fast zwei Drittel der Todesopfer waren im leichten Gelände zu beklagen. "Es gibt einen deutlichen Boom, alle wollen das ganze Jahr in das Gebirge", schilderte Extrembergsteiger Peter Habeler. "Vorbereitung und Disziplin werden oft vernachlässigt, sehr problematisch ist immer auch die falsche Selbsteinschätzung", warnte der Experte. "Stand man früher mit ein paar Freunden am Gipfel, sind es heute 20, 30 andere Bergsteiger", berichtete Lindenberg.

Immer mehr Einsätze verzeichnen die Bergretter auch auf Klettersteigen. "Ein Klettersteigset ist leicht zu kaufen, viele sind dann aber in der Wand überfordert", berichtete Lindenberg. "Wir raten zu einer entsprechenden Ausbildung, richtiger Selbsteinschätzung und guter Tourenplanung."

Knapp Hälfte der Unfälle auf Pisten

Hoch war 2015 auch der Anteil der Pistenunfälle. 46,5 Prozent der Einsätze erfolgten dort. Die Bergretter warnten vor unvorbereiteten Variantenfahren abseits gesicherter Pisten. "Lawinengerechtes Verhalten ist ein absolutes Muss", sagte Lindenberg. Dazu gehört eben die richtige Ausrüstung, mit der Skifahrer auch umgehen müssen. "Die Pisten sind oft überfüllt, die Leute sind hungrig, wollen Skifahren", konstatierte Extrembergsteiger Peter Habeler. "Die meisten Unfälle passieren am Nachmittag, wenn sie schon müde sind", warnte der Experte. "Bewegung ist gut, aber es ufert teilweise ein bisschen aus", sagte Habeler. Als Beispiel nannte er den Trend zum Skitourengehen. "Da sind dann oft zu viele Leute, das Gebirge packt das einfach nicht."

Rund 12.500 Bergretter sind österreichweit in 291 Ortsstellen rund um die Uhr als Freiwillige tätig. Die finanzielle Situation des Bergrettungsdienst ist schwierig. "In keinem Bundesland sind die Bergretter in der Lage, ihre Mitglieder mit den roten Anoraks auszustatten. Diese müssen von den Bergrettern selbst finanziert werden", sagte Lindenberg. "Es fehlt ein relativ hoher Betrag", konstatierte der Präsident.

Viele wollen zur Bergrettung

Natürlich reagiere der Bergrettungsdienst auf den Boom des Freizeitsports im alpinen Gelände. Als Beispiel nannte Lindenberg den Semmering. "Der war früher ein reines Winterskigebiet, mittlerweile kann man das Ganze Jahr über Alpinsportarten betreiben. Die Bergrettung wurde so zu einem Ganzjahresbetrieb gezwungen", berichtete der ÖBRD-Präsident. Nachwuchsprobleme haben die Bergretter keine. "Der Andrang ist groß", betonte Lindenberg. Jedoch werde die Ausbildung der freiwilligen Bergretter anspruchsvoller und zeitaufwendiger. Auch die Ausrüstung muss an die verschiedenen Einsatzszenarien laufend angepasst werden. "Beides kostet immer mehr Geld" sagte Lindenberg. (APA, simo, 24.11.2016)

Sicherheitstipps der Bergretter

Richtige Selbsteinschätzung: Vor jeder Bergtour soll die persönliche Verfassung und das spezifische Können geprüft werden. Sowohl die eigenen Kräfte, als auch die der Begleiter – insbesondere jene der Kinder – müssen richtig eingeschätzt werden. Danach richtet sich die Länge und Schwierigkeit der Tour. Trainieren sollte man vor der Bergtour. Übermüdung, Erschöpfung und Überforderung sind häufige Unfallursachen.

Richtige Tourenplanung: Alle möglichen Informationen aus Karten, Tourenführer, Tourenberichten im Internet, Wetterinformationen usw. über die geplante Route einholen. Grundsätzlich immer auf dem geplanten Weg bleiben, das Umfeld beobachten und das Verhalten anpassen. Ein Angehöriger, der Quartiergeber, der Hüttenwirt etc. sollten wissen, welche Tour man plant und wann man spätestens wieder zurück sein möchte. Verirren führt oft zu aufwendigen und langwierigen Sucheinsätzen.

Richtige Ausrüstung: Die erforderliche Ausrüstung sorgfältig nach Jahreszeit, Dauer, Art und Schwierigkeit der Tour zusammenstellen. Orientierungsmittel und Notfallausrüstung wie Rucksackapotheke, Handy mit vollem Akku, akustische/optische Signalmittel sowie Regenschutz und Taschenlampe immer dabeihaben. Unterkühlung führt auch im Sommer zu Leistungsverlust und völlige Erschöpfung.

Richtige Reaktion bei Notfällen: Im Notfall den Bergrettungsnotruf 140 wählen. Unfallgeschehen und Ort möglichst genau schildern (wer, was, wo, wie viele, wann?). Ruhe bewahren, den Anweisungen folgen und am Unfallort warten, bis Hilfe eintrifft. Sparsam telefonieren damit der Akku lange reicht. Einen Verletzten grundsätzlich nicht alleine lassen. Wer in Bergnot gerät, nicht mehr weiter kann, und keine Möglichkeit hat, über ein Mobiltelefon Hilfe zu rufen, sollte das Alpine Notsignal verwenden. Dieses wird sechs Mal innerhalb einer Minute abgesetzt, entweder sichtbar oder hörbar durch Rufen, Licht, Winken etc.. Es soll nach einer Minute Pause in gleicher Folge wiederholt werden. Üblicherweise antworten Retter auf das Alpine Notsignal mit dem Antwortsignal – ein Zeichen alle zwanzig Sekunden.

  • Die Bergrettung bekommt immer mehr zu tun.
    foto: apa/barbara gindl

    Die Bergrettung bekommt immer mehr zu tun.

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    grafik: apa
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