Prozess um Kreditkarten: Der Internetler und die "Schweine"

24. November 2016, 13:20
30 Postings

Ein 40-Jähriger soll sich von Kreditkarten Geld überwiesen haben. Er empört sich und verweist auf technische Defizite

Wien – Der Auftritt des Angeklagten Felix K. im Verhandlungssaal 208 des Wiener Straflandesgerichts ist – nun ja – ungewöhnlich. "Diese Schweine da unten!", brüllt er fast, als er mit offener Hose vor Richter Gerald Wagner tritt. Mit den Paarhufern meint er die Securitys an den Sicherheitsschleusen beim Eingang. "Die haben zehn Minuten gebraucht! Ich habe mich fast ganz ausziehen müssen!", echauffiert sich der 40-Jährige und entschuldigt sich für seine Verspätung.

Und überhaupt: "Ich möchte mich beschweren! Ich bin bestohlen worden, und jetzt muss ich da sitzen, obwohl ich gar nichts gemacht habe." Wagner muss kämpfen, um den Mann zu beruhigen und selbst zu Wort zu kommen.

Bis zu drei Jahre Haft

Die Angelegenheit ist einigermaßen mysteriös. Angeklagt ist "betrügerischer Datenverarbeitungsmissbrauch", bei dem in diesem Fall bis zu drei Jahre Haft drohen. K. soll einen Antrag für eine Mastercard-Prepaidkarte gestellt haben. Als Identifikation diente ein eingescannter Pass. Und das Reisedokument stammt von K., wie er selbst zugibt.

Genau auf diese Prepaidkarte wurden im Sommer von zwei anderen Kartenbesitzern 5.000 Euro übertragen – ohne dass die Inhaber davon wussten. Noch seltsamer: Bei den Überweisungen wurde der sogenannte Securecode verwendet, den sich die Benutzer selbst aussuchen.

Der Angeklagte kann sich nicht erklären, wo der Scan des Passes herkommt, schließlich habe er ihn fast immer in der Wohnung. Allerdings kann er auf Nachfragen nicht ganz ausschließen, dass auch jemand anderer Zugang gehabt haben könnte – bei ihm sei sogar einmal eingebrochen worden.

Paraphe als Unterschrift

Nachdem er das Antragsformular begutachtet hat, schwört er Stein und Bein, dass es nicht seine Schrift sei. Die Unterschrift schaue seiner dagegen sehr ähnlich – sie ist allerdings, so wie auch im Pass, nur eine Paraphe aus den Anfangsbuchstaben seines Namens.

"Das ist ja kriminell!", stellt K. wieder lautstark und völlig richtig fest. "Sie müssen diese Schweine finden, die das gemacht haben!", verlangt er von Wagner. Die Empörung des Angeklagten wirkt durchaus glaubwürdig. Auch die mangelnden technischen Voraussetzungen: "Ich bin kein Internetler. Ich habe nicht einmal einen Anschluss", sagt er.

Einer der Geschädigten hat sich erinnert, einmal ein vermeintliches Verifizierungsmail des Bezahldiensts Paypal beantwortet und dort seinen Securecode preisgegeben zu haben. Auch der zweite Zeuge kann das nicht ausschließen.

Wagner spricht K. schließlich rechtskräftig frei. "Ich halte es für ausgeschlossen, dass der Angeklagte fähig ist, an den Securecode zu kommen", begründet er. Der Angeklagte bedankt sich und schüttelt dem Richter die Hand. (Michael Möseneder, 24.11.2016)

Share if you care.