Digitalisieren, aber richtig: Wandel steckt oft noch in Kinderschuhen

24. November 2016, 10:54
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EY-Studie: Kleinbetriebe zögern am ehesten

Die Digitalisierung ist ein wirtschaftlicher Veränderungstreiber, in vielen Branchen steckt der digitale Wandel aber noch in den Kinderschuhen. Nicht alle Unternehmen befassen sich systematisch mit dem Potenzial, oft fährt die digitale Transformation wie ein Bummelzug ein, warnen Experten. Vor allem Kleinbetriebe sind zögerlich und haben am ehesten Bedenken, zeigt eine EY-Studie.

Strategische Unsicherheit keine Ausrede

Eine hohe strategische Unsicherheit dürfe nicht als Ausrede für abwartendes Verhaltenen herhalten, warnt Martin Unger, Partner bei Contrast EY Management Consulting. Doch selbst "Early Movers", etwa die in der Digitalisierung führende Medien- und IT-Branche, sind erst auf halben Weg, konstatiert Werner Hoffmann, WU-Professor für Strategisches Management und Partner bei Contrast EY Management Consulting.

Nicht nur in Österreich – das sich nur auf Rang 13 des EU-Digitalisierungsrankings befinde -, sondern in ganz Europa sei man puncto Digitalisierung auf die "billigen Plätze" verdrängt worden. Von den zehn größten Technologie-Unternehmen weltweit stammten sieben aus den USA, zwei aus Asien und nur eines – SAP – aus Europa, hieß es am Donnerstag anlässlich der EY-Veranstaltung "Die digitale Revolution als Game-Changer".

Besonders wichtig sei es in der Zeit des Umbruchs, dass Firmen alte Geschäftskonzepte aktiv hinterfragen, empfiehlt Unger. Immer öfter gebe es dafür Chief Technology Officers (CTO), die eine Schlüsselrolle bei der Wandlung zu einem digital versierten Unternehmen einnehmen sollen. Das reiche aber nicht immer aus, denn die Digitalisierung erfordere die Vernetzung strategischer und technologischer Kompetenzen.

Vielzahl an Hindernissen

Es gelte auf dem Weg zum agilen Unternehmen des 21. Jahrhunderts eine Vielzahl an Hindernissen zu überwinden. Dabei gehe es um lange und langsame Entscheidungsprozesse, Trägheit und Selbstgefälligkeit sowie eine ineffiziente – weil zu stark an der Vergangenheit orientierte – Ressourcenzuteilung.

Digitalisierung sei nicht nur ein oberflächliches Schlagwort, es spiegle sich auch in der Unternehmenslandschaft wider. Mehr als 50 der Fortune-500-Unternehmen kämen bereits aus dem Technologie-/Telekommunikationssektor. Im Gegenzug seien seit dem Jahr 2000 doch 52 Prozent der Unternehmen aus der Fortune-500-Liste verschwunden. Das zeige, so Unger, dass die Digitalisierung Firmen überdurchschnittliche Wachstumssprünge ermögliche. Nicht selten profitierten Start-ups mit ihrer gegenüber Großunternehmen flexiblen Struktur und speziellen betrieblichen Kultur. Dabei sei aber die Größe des Unternehmens heute eigentlich irrelevant, so Unger, "denn selbst kleinste Start-ups können Nachfrager auf der ganzen Welt bedienen, wenn sie Produkte und Dienstleistungen elektronisch skalierbar distribuieren". Unger hat bei Billa kürzlich das Strategieprojekt "360-Grad-Rundumversorger" begleitet.

Kleine Unternehmen zurückhaltender

Große Unternehmen setzen stärker auf neue Technologien, während kleinere Betriebe bei Investitionen in die Digitalisierung zurückhaltender sind, zeigt die neue EY-"Digitalisierungsstudie 2016", die jetzt im November fertig wurde. Voriges Jahr haben demnach große Unternehmen in der Umsatzklasse über 100 Mio. Euro zu 60 Prozent nennenswert in die Digitalisierung investiert, mittlere (mit 30 bis 100 Mio. Euro Umsatz) zu 50 Prozent, kleinere Betriebe aber lediglich zu 42 Prozent. Gerade bei den kleineren Mittelständlern könnte da Potenzial noch stärker genutzt werden, so die Studie, denn bei Kleinbetrieben spielen digitale Technologien der Studie zufolge nur bei 53 Prozent eine sehr große oder mittelgroße Rolle, bei den mittelgroßen bei 55 Prozent und bei den Großbetrieben immerhin bei 63 Prozent.

Wien ist Hotspot der Digitalisierung, hier geben Mittelstandsfirmen diesbezüglich den Ton an. Für fast zwei Drittel (66 Prozent) der Unternehmen mit Sitz in der Bundeshauptstadt spielen digitale Technologien schon jetzt eine mittelgroße oder große Rolle, gefolgt von Salzburg (61 Prozent) und OÖ (60 Prozent).

Einfluss auf Geschäftsmodell

Der Einzug digitaler Technologien hat meist auch Einflüsse auf das eigene Geschäftsmodell. Besonders stark ist der Einfluss der Digitalisierung bei großen Unternehmen mit über 100 Mio. Euro Jahresumsatz (63 Prozent) bzw. im Dienstleistungssektor (67 Prozent). Nur drei von zehn Mittelständlern (31 Prozent) sahen sich laut EY-Studie bisher zu keinerlei Veränderungen ihres Geschäftsmodells gezwungen.

Mehr als jeder zweite Mittelständler (53 Prozent) bewertet die zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft für das eigene Unternehmen als Chance, nur rund jeder 16. Befragte (6 Prozent) sieht in ihr in erster Linie eine Bedrohung. Am positivsten eingestellt sind Unternehmen aus Dienstleistungen, Industrie, Handel. Und: Je umsatzstärker ein Unternehmen ist, desto mehr Potenzial sieht es in der digitalen Revolution. (APA, 24.11.2016)

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