Starker Karjakin hält seinen Vorsprung gegen Carlsen

Analyse mit Video24. November 2016, 06:25
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Herausforderer mit Siegeschancen verpasst kurz vor der Zeitkontrolle die beste Fortsetzung – Remis. Noch drei Partien sind zu spielen

New York – Im Fulton Market Building in Downtown Manhattan wimmelt es an diesem Mittwoch von Fragen: Wird Magnus Carlsen nach seiner Niederlage mit Schwarz auf Gewinn spielen? Kommt etwas Scharfes aufs Brett, vielleicht ein Sizilianer oder gar eine Pirc-Verteidigung? Wird der Herausforderer ab jetzt nur noch versuchen, ein Remis nach dem anderen abzuklammern? Oder geht er mit Weiß auf den zweiten, womöglich vorentscheidenden Sieg los?

Ein bissl was geht immer

Nach Sergej Karjakins Zug 1.e4 ist in jedem Fall klar, dass der Russe sein Damenbauern-Experiment aus der siebenten Partie, in der er ausgangs der Eröffnung leicht schlechter stand, nicht wiederholen wird. Carlsen zögert nicht lange, schiebt ebenfalls seinen e-Bauern ins Zentrum. Kein Sizilianisch also, kein Pirc, kein Hopp oder Dropp vom Weltmeister, noch nicht – nur die kühnsten Optimisten hatten schon bei dieser Partie damit gerechnet.

Schließlich hat das überzogene Risiko, das der Weltmeister in Partie acht mit seinem doppelten Bauernopfer einging, ihn erst in Rückstand gebracht. Carlsen dürfte kaum vorhaben, sich nach dem spielfreien Tag gleich noch einmal eine blutige Nase zu holen. Erst einmal eine solide Stellung anstreben und dann schauen, ob was geht: Das ist die erwartbare weltmeisterliche Strategie für Partie neun.

Spanisch, aber anders

Zu diesem Behufe wählt Carlsen mit 6...Lc5 einen weiteren recht ausgetretenen Pfad in spanischen Gefilden, der in diesem Match allerdings noch nicht betreten wurde. Karjakin nimmt sich ein wenig Zeit: Zwar kann die Wahl Carlsens keine besondere Überraschung für ihn darstellen, aber der Herausforderer muss zwangsläufig für eine große Zahl verschiedener Varianten präpariert sein. Da heißt es erst einmal, gedanklich die Spreu vom Weizen zu trennen und sich auf jene Zugfolgen zu besinnen, die nach Carlsens aktivem sechstem Zug von Relevanz sind.

Sobald der Herausforderer sich besonnen hat, folgt flott Zug auf Zug, die Kontrahenten spulen eine lange Variante herunter, für die es in der Großmeisterpraxis genügend Vorbilder gibt. Worauf, so fragt man sich, will Carlsen damit hinaus? Hat er am Ende dieses Abspiels etwa einen Killerzug vorbereitet, der Karjakin das Genick bricht? Immerhin ist nach 19 Zügen der Bauernwall vor dem weißen König beschädigt, die weiße Struktur ist überhaupt ziemlich im Eimer: Lauter Isolanis und Doppelbauern muss Karjakin von jetzt an verwalten.

Ungleichgewicht

Auf der Habenseite verfügt der Herausforderer vorübergehend über zwei, längerfristig immerhin über einen Mehrbauern – sowie über ein Läuferpaar, das in derlei geöffneten Stellungen in seinem Element ist. Dem positionellen Ungleichgewicht entsprechend, vermag auch spontan niemand zu sagen, wer hier eigentlich besser steht. War es vielleicht genau das, was Carlsen angestrebt hat?

In diesem Sinne verwundert nur das Zeitmanagement des Weltmeisters. Schon zwei Züge nachdem Carlsen mit 21...cxb3 den ersten neuen, in dieser Stellung noch nie gespielten Zug aufs Brett gebracht hat, verbraucht der Norweger eine halbe Stunde seiner Bedenkzeit – hatte er Karjakins natürlich wirkende Reaktion etwa nicht auf der Rechnung?

Vorteil Karjakin, Zeitnot Carlsen

Mit ruhigen, präzisen Zügen erarbeitet sich der Herausforderer innerhalb weniger Züge eine spürbare Initiative. Zwar legt ihm sein nicht optimal geschützter König weiterhin größte Vorsicht nahe, die aktiven Figuren des Weißen setzen nun aber auch den schwarzen Königsflügel unangenehmem Druck aus. Kurzfristig ist nicht zu sehen, wie der Weltmeister sein materielles Investment zurückbekommen will. Noch ist Carlsens Lage nicht kritisch, aber ein Spiel auf zwei Resultate – Remis oder Sieg für Karjakin – bahnt sich an.

Und bald läuft dem Weltmeister die Zeit davon. In schwieriger, taktisch komplizierter Stellung sind ihm nur noch weniger als zwei Minuten für seine letzten drei Züge vor der Zeitkontrolle verblieben. Im 38. Zug retiriert der Norweger mit seinem Springer, eine Diagonale für Karjakins Läufer öffnet sich. Das bietet dem Weißen gleich zwei vielversprechende Möglichkeiten, über deren Kalkulation Karjakin nun selbst fast seine gesamte Restbedenkzeit verbraucht. Wieder einmal hält man im Zuschauerraum den Atem an, zumal die Computer eine Siegeschance für den Herausforderer erkannt haben wollen.

Mit weniger als einer Minute Bedenkzeit lässt Karjakin seinen Läufer schließlich durch 39.Lxf7+ effektvoll in die schwarze Königsstellung krachen! Ein Opfer, das den schwarzen Chef freilegt und einen Mattangriff startet. Carlsen schlägt zurück, Karjakin antwortet mit einem Damenschach und schiebt danach seinen d-Bauern vor, um die lange Diagonale für seinen anderen Läufer zu öffnen. War's das schon?

Späte Rettung

An dieser Stelle hat Magnus Carlsen Glück, dass die Zeitnotphase nun hinter ihm liegt: Der 40. Zug ist erreicht, er kann in Ruhe nach einer Verteidigung suchen. Und er findet auch eine. Gerade noch rechtzeitig retourniert er das von Karjakin geopferte Material und wickelt in ein Endspiel ab, in dem er trotz eines Minusbauern kaum in Verlustgefahr verkehrt – dafür ist Karjakins Bauernstruktur nach wie vor zu desolat.

Der Herausforderer spielt trotzdem noch ein Weilchen weiter. Er hat den Mehrbauern, er kann bestimmen, wann er es gut sein lässt – Carlsen muss bis dahin die Ausfälle und Schachgebote der weißen Dame aufmerksam parieren, um seinen Laden zusammenzuhalten.

Eine lästige, aber nicht zu schwere Aufgabe für den Weltmeister. Nach 74 Zügen hat Karjakin genug geknetet und schickt sich ins Remis, mit dem er seinen Vorsprung bewahrt. Der Herausforderer scheint mit jeder Partie stärker zu werden, war in dieser neunten Partie nicht weit von einer Vorentscheidung entfernt.

Am Donnerstag wird die zehnte Runde ausgetragen. Magnus Carlsen führt dabei zum vorletzten Mal in diesem Match die weißen Steine. Es steht 5:4 für Herausforderer Sergej Karjakin. (Anatol Vitouch aus New York, 24.11.2016)

Notation der neunten Partie:

Weiß: Sergej Karjakin (Russland)
Schwarz: Magnus Carlsen (Norwegen)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.O-O b5 6.Lb3 Lc5 7.a4 Tb8 8.c3 d6 9.d4 Lb6 10.axb5 axb5 11.Sa3 O-O 12.Sxb5 Lg4 13.Lc2 exd4 14.Sbxd4 Sxd4 15.cxd4 Lxf3 16.gxf3 Sh5 17.Kh1 Df6 18.Le3 c5 19.e5 De6 20.exd6 c4 21.b3 cxb3 22.Lxb3 Dxd6 23.Ta6 Tfd8 24.Tg1 Dd7 25.Tg4 Sf6 26.Th4 Db5 27.Ta1 g6 28.Tb1 Dd7 29.Dd3 Sd5 30.Tg1 Lc7 31.Lg5 Te8 32.Dc4 Tb5 33.Dc2 Ta8 34.Lc4 Tba5 35.Ld2 Ta4 36.Dd3 Ta1 37.Txa1 Txa1+ 38.Kg2 Se7 39.Lxf7+ Kxf7 40.Dc4+ Kg7 41.d5 Sf5 42.Lc3+ Kf8 43.Lxa1 Sxh4+ 44.Dxh4 Dxd5 45.Df6+ Df7 46.Dd4 Ke8 47.De4+ De7 48.Dd5 Ld8 49.Kf1 Df7 50.De4+ De7 51.Le5 De6 52.Kg2 Le7 53.Da8+ Kf7 54.Dh8 h5 55.Dg7+ Ke8 56.Lf4 Df7 57.Dh8+ Df8 58.Dd4 Df5 59.Dc4 Kd7 60.Ld2 De6 61.Da4+ Dc6 62.Da7+ Dc7 63.Da2 Dd6 64.Le3 De6 65.Da7+ Ke8 66.Lc5 Ld8 67.h3 Dd5 68.Le3 Le7 69.Db8+ Kf7 70.Dh8 De6 71.Lf4 Df6 72.Db8 De6 73.Db7 Kg8 74.Db5 Lf6

Es steht 4:5 aus der Sicht von Weltmeister Magnus Carlsen.

Weitere Partien:
24.11.2016: Partie 10
26.11.2016: Partie 11
28.11.2016: Partie 12
30.11.2016: Tiebreaks

Modus:
Die WM geht über maximal zwölf Partien und endet vorzeitig, wenn ein Spieler 6,5 Punkte erreicht. Bei Gleichstand nach zwölf Partien gibt es ein Tiebreak mit verkürzter Bedenkzeit.

  • österreichischer schachbund

    Der österreichische Supergroßmeister Markus Ragger analysiert.

  • Herausforderer Sergej Karjakin hat die Zügel in der Hand. Vor allem mit Weiß.
    foto: apa/afp/alvarez

    Herausforderer Sergej Karjakin hat die Zügel in der Hand. Vor allem mit Weiß.

  • Nach 6…Lc5: Wieder Spanisch, diesmal mit aktivem schwarzem Läufer auf c5.
    grafik: jinchess.com

    Nach 6…Lc5: Wieder Spanisch, diesmal mit aktivem schwarzem Läufer auf c5.

  • Nach 20…c4: Karjakin hat kurzfristig zwei Bauern mehr, die weiße Struktur ist allerdings ruiniert.
    grafik: jinchess.com

    Nach 20…c4: Karjakin hat kurzfristig zwei Bauern mehr, die weiße Struktur ist allerdings ruiniert.

  • Nach 38…Se7: Was ist stärker, Db3 oder Lxf7+?
    grafik: jinchess.com

    Nach 38…Se7: Was ist stärker, Db3 oder Lxf7+?

  • Nach 74…Lf6: Genug geknetet, Karjakin schickt sich ins Remis.
    grafik: jinchess.com

    Nach 74…Lf6: Genug geknetet, Karjakin schickt sich ins Remis.

  • Die neunte Partie im Schnelldurchlauf.

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