GIS-Gebühr: Wie Norbert Hofer und Katrin Lampe eine "Krone"-Kampagne lostraten

24. November 2016, 07:30
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Gut möglich, dass "Krone"-Herausgeber Christoph Dichand bei der "ZiB 2" fast vom Fernsehsofa fiel

Wien – Wie kommen "Krone"-Kampagnen zustande? Manchmal auf einem Fensehsofa in einer schmucken Villa in einer Döblinger Sackgasse. Das und die übrige Geschichte dieser bisher kurzen, aber heftigen Kampagne bestätigt keine der tragenden Personen. Also muss sie unter Vorbehalt erzählt werden. Man kann sich die Geschichte von bisher vier Tagen breitflächigem Dauerfeuer auf den Küniglberg, "Krone"-Titel inklusive, etwa so vorstellen (muss man aber natürlich nicht):

Trifft der ORF-Chef die Dichands ...

Trifft ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz "Krone"-Herausgeber Christoph Dichand und wohl auch seine Frau Eva, die "Heute"-Herausgeberin, wo man sich in Wien eben so trifft, und kommt ins Gespräch. Spannend fanden die Dichands ihr Jahr in New York, vielleicht wenn man vom 200-Kilo-Betonbild im Gepäck absieht, und lehrreich. Wrabetz war auch gerade in New York, wenn auch nur eine Woche, und er hat bei "Vice", "New York Times" und Co auch viel Spannendes gehört und gesehen.

In die Röhre schauen

Nicht erst in New York haben die Dichands herausgefunden, dass Fernsehen, man spricht inzwischen auch nicht schöner von Bewegtbild, gut zur "Krone" passen würde. Die Idee hat Papa Hans Dichand schon vor Jahrzehnten und bis zu europäischen Gerichten verfolgt, aber nie so wirklich auf den Boden bekommen. Ab und an hatte sich die "Krone" für ATV interessiert, aber auch nie so wirklich. (Könnte ja noch werden, wenn ProSiebenSat1Puls4 Auflagen der Wettbewerbsbehörde zu weit gehen, um ATV wirtschaftlich weiterzuführen.)

Während die Dichands in New York Erkenntnisse sammelten, setzte ein gewisser Wolfgang Fellner recht entschlossen um: Seit 26. September hat Fellners Mediengruppe Österreich einen Fernsehsender, wie immer man den nun sieht. Gut möglich, dass die Dichands dieses oe24tv nicht mit Wohlgefallen beäugen – wie ihnen das bei Fellners Tun grundsätzlich eher schwerfällt. Und gut möglich, dass die Dichands bei Wrabetz anklingen ließen, dass sie nicht so gut finden, wenn der ORF auf den Sender aufmerksam macht – etwa indem er ihn zitiert oder Ausschnitte bringt. Wenn der ORF schon Werbung für den Privatsender zur besten Sendezeit bringt.

Lampe bei Hofers bei Wolf

An dieser Stelle entwickelt das bewährte Prinzip "Shit happens" seine volle Wirkung. Am Mittwoch, dem 16. November, zeigt die "ZiB 2" einen ausführlichen Beitrag über Norbert Hofers Wahlkampf auf den letzten Metern. Und wie es der dumme Zufall so haben will, greift der ORF sehr ausführlich auf Material von oe24tv zurück – einen Hausbesuch von Moderatorin Katrin Lampe bei Hofers, das nicht ganz kleine Logo von oe24tv links, jenes von ORF 2 rechts und das der "ZiB 2" unten im Bild. Gut möglich, dass Christoph Dichand bei dieser "ZiB 2", bildlich gesprochen, fast von seinem Fernsehsofa gefallen wäre.

foto: orf-tvthek/oe24tv screenshot
Neulich bei Hofers: "ZiB 2"-Beitrag mit Oe24.tv-Material.

Nun kann man mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass sich die "ZiB 2" etwa von ORF-Chef Wrabetz Bildmaterial von oe24tv aufs Auge drücken lässt, und ebenso, dass sie sich die Verwendung des Materials ausreden ließe – wenn sich die geplante Verwendung überhaupt zeitgerecht bis zum ORF-Chef durchgesprochen hätte.

"Regierung muss Gebührenzahler schützen"

Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung freilich hilft Wrabetz in seinen ohnehin nicht leichten nächsten Wochen auch nicht wirklich: Mit der Freitagausgabe begann das viertägige Dauerfeuer aus der Muthgasse mit "Regierung muss Gebührenzahler schützen", am Samstag der Blattaufmacher "Weil Staatsfunk immer mehr Millionen will: Politik setzt ORF unter Druck", bis zum Montag, als praktischerweise die Neos ihre Anti-GIS-Petition begannen.

foto: krone / repro: red
Bilder einer "Krone"-Kampagne.

Erfahrene ORF-Verschwörungstheoretiker würden hier wohl noch zusätzliche Motivation eines gewissen Richard Grasl vermuten, der im Sommer mit einigem "Krone"-Rückenwind für den ORF-General kandidierte, bis Ende Oktober Finanzdirektor des ORF war und nun die "Krone"-"Kurier"-Tochter Mediaprint bei ihren Bewegtbildambitionen berät. Aber so weit muss man die Begleitforschung nicht treiben.

Weiterspinnen

Und man muss die Geschichte der "Krone"-Kampagne an diesem Punkt auch nicht mehr weiterspinnen, wie es manche tun: Kanzler und SPÖ-Chef Christian Kern könnte den der Sozialdemokratie zugerechneten Stiftungsräten ans Herz gelegt haben, sie mögen doch bitte im Dezember gegen die Gebührenerhöhung stimmen. Im Dezember muss Wrabetz einen Gebührenantrag stellen – wie auch immer der aussieht. Er könnte – bei 42 noch fehlenden Millionen 2017 eher unwahrscheinlich – auch unveränderte Gebühren beantragen. Dann allerdings müsste er sich die Frage gefallen lassen, ob der ORF seinen Auftrag trotz von ihm selbst berechneter 10,5 Prozent Teuerung seit der letzten Erhöhung so locker finanzieren konnte.

Fiktion

Erich Fenninger, Sprecher der sozialdemokratischen Stiftungsräte, verweist diesen Teil der Geschichte auf STANDARD-Anfrage ins Reich der Fiktion: Niemand aus dem Kanzleramt habe sich mit einem solchen Anliegen an ihn gewandt. Fenninger hat schon gezeigt, was er betont: Die Stiftungsräte seien dem Unternehmen verpflichtet und nicht der Politik. Wenn Wrabetz ohne Gebührenanpassung auskommt, würde das Fenninger natürlich nicht stören. Doch er rechnet mit einem Antrag auf Gebührenanpassung – und die sei den Aufsichtsräten dann selbstverständlich plausibel zu machen, bevor sie darüber abstimmen.

Bürgerlichen Stiftungsräten könnte es im Dezember übrigens leichter fallen, einer Gebührenerhöhung zuzustimmen. Warum, das ist eine andere Geschichte. Demnächst auf derStandard.at/Etat. (Harald Fidler, 24.11.2016)

Mehr über die Rundfunkgebühren-Debatte ...

... finden Sie im Etat-Schwerpunkt: Rundfunkgebühr

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