Bildungsreform: Die finstersten Winkel der Schule

23. November 2016, 18:05
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Wie mangelndes politisches Wollen eine tiefgreifende Bildungsreform verhindert

Auch wenn die bildungspolitisch zentral handelnden Personen neuerdings besonders amikal auftreten und demonstrativ koalitionäre Eintracht inszenieren – den Bremsblock in Form der Bundesländer kann oder will auch diese Bundesregierung nicht abschütteln.

Egal welche Reform: Die Länder sind erst einmal dagegen, "skeptisch" oder sonst wie im Widerstandsmodus, wenn sich an ihrer systematisch ausgeweiteten Machtfülle etwas ändern könnte. Dann donnert ein mehrstimmiges Nein los. Mit uns nicht. Nicht ohne uns. Nicht gegen uns. Nur mit uns. Am liebsten stattlich staatlich alimentiert. Weil Geld noch immer die schönste politische Spielwährung ist. Zuletzt beim geplanten Ausbau der Ganztagsschulen. Ein Drittel der 750 Millionen Euro dürfen die Länder vergeben. Warum auch immer. Darum.

Die finstersten Winkel der verhinderten Schulreform geraten derweil gar nicht in den Fokus der politischen Debatte. Dort ginge es nämlich wirklich an die Substanz. An die Wurzel, denn was notwendig – buchstäblich im Sinne von: Bildungsnot ins Gute wendend – wäre, ist eine radikale Bildungsreform.

Die Kernfrage lautet: Was soll die Schule leisten? Für unsere Kinder. Für alle. Für uns. Als Gesellschaft. Hochfragmentiert, aber doch eine Gesellschaft. Die enormen Fliehkräften ausgesetzt ist, die sich darin zeigen, dass immer mehr Menschen, auch schon Kinder und Jugendliche, das Gefühl haben, sowieso abgehängt und chancenlos zu sein. Bildungsverlierer – "Loser" -, noch bevor sie Bildung erlangen konnten, weil sie in die "falsche" Familie – mit wenig Geld, wenig Bildung, wenig elterlicher Ambition und Unterstützung – geboren wurden, im "falschen" Stadtviertel wohnen, den "falschen" Hintergrund – den vielzitierten "Migrationshintergrund" – haben ... weil irgendetwas vermeintlich "falsch" ist in ihrer Welt.

Dabei ist es die Politik, die falsch ist. Die das Falsche tut. Oder das Richtige nicht. Diese Kinder erkennen sich, einander und ihre Lage genau, und es ist enorm schwierig, auf dieser schiefen Ebene nicht abzurutschen, sondern Tritt zu fassen. Sie sind großteils "unter sich", weil es die Politik nicht schafft, die sozial explosive Segmentierung zu verhindern. Es ist ein Mangel an Wollen und politischem Mut. Und die Schulen, die Direktorinnen und Direktoren, die Lehrerinnen und Lehrer werden mit den Verhältnissen mehr oder weniger alleingelassen. Dabei sind viele dieser Schulen Orte zum Wundern. Dort geschehen Wunder – und ihr Gegenteil. Kein Wunder.

Wer den nicht nur pädagogischen, sondern auch persönlichen Einsatz der dort tätigen Pädagoginnen und Pädagogen – aber auch der Menschen in mithelfenden Netzwerken ("Paten", Firmen, Kultur- und andere Initiativen) – erlebt hat, kann sich nur wundern, warum es "das System" nicht schafft, hier vernünftig zu intervenieren und sinnvolle Strukturen des Ausgleichs zu schaffen. Konkret heißt das: mehr Ressourcen dorthin, wo die sind, die am wenigsten haben. Wenig Bildung, wenig Geld, wenig soziales und kulturelles Kapital. Wohin denn auch sonst?!

Ein starkes und sehr gutes öffentliches Schulwesen ist existenziell für einen demokratischen Staat. Er schafft damit die Basis für sein eigenes Funktionieren und Weiterbestehen – oder er zieht sich selbst den Boden unter den Füßen weg. Wir haben die Wahl. Diese Kinder in den finstersten Winkeln des Schulsystems haben sie nicht. (Lisa Nimmervoll, 23.11.2016)

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