Wie mit Fake-News Wahlkampf gemacht und in Mazedonien Geld verdient wird

24. November 2016, 07:02
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Gefälschte Nachrichten, oft mit Hassbotschaften unterlegt, verbreiten sich im Netz. Eine Expedition ins Schattenreich der Klicks und Likes

Donald Trump hat nicht nur die Mehrheit der Wahlmänner gewonnen, sondern auch den "Popular Vote", also die Mehrheit der ausgezählten Stimmen. Und wieder sind die "Mainstream-Medien", die von einem Zwei-Millionen-Stimmen-Vorsprung Hillary Clintons geschrieben haben, die Blamierten. Lügenpresse!

Nur: Es ist nicht wahr. Clinton liegt den ausgezählten Stimmen nach um 1,7 Millionen vorn – wenn endlich alle Wahlkarten gezählt sind, sogar um über zwei Millionen. Aber hunderttausende Amerikaner und wohl auch etliche Nichtamerikaner glauben trotzdem, dass Trump auch den Popular Vote gewonnen hat. Denn Googles höchstgereihter News-Link führt zu einer Fake-News-Seite ("70News") mit den falschen Zahlen.

Eindeutig gefälschte Nachrichten verbreiten sich wie ein Virus

Derlei verbreitet sich in rasender Geschwindigkeit im Netz. Das hat mit der Natur der sozialen Medien zu tun: Wenn etwa Facebook entdeckt, dass mehr Leute als üblich irgendeine Story anklicken, springt der Algorithmus an und verteilt das an Unmengen anderer User im Netz. Wird ein Artikel oft geteilt oder angeklickt – und sei es aus Unglauben über die Nachricht –, steigt seine Verbreitung stark. Ergebnis: die unüberprüfte, ja, eindeutig gefälschte Nachricht verbreitet sich wie ein Virus, sie wird "viral".

Millionen Menschen wachsen mit der der Erfahrung auf, dass es voll okay ist, einen absurden, sehr oft bösartigen Blödsinn quer durchs Internet-Universum zu schießen. Dahinter stehen teils ein paar Freaks in einer Studentenbude, teils professionelle Gruppen mit einer (meist rechts-) ideologischen Agenda. Besonders für die Rechten sind die Fake- und Verschwörungsseiten wichtige Alternativen: Die deutsche AfD hat mehr Facebook-Follower als CDU und SPD zusammen.

8,7 Millionen Mal weitergeleitet oder kommentiert

Die seriösen traditionellen Medien halten sich nach wie vor noch mit Recherche, mit Fact-Checking, mit der Einordnung von Nachrichten auf. Zumindest im US-Wahlkampf gerieten sie dabei ins Hintertreffen: Die 20 am stärksten über Facebook verbreiteten Falschmeldungen wurden mehr als 8,7 Millionen Mal weitergeleitet oder kommentiert. Seriöse Medien wie die "New York Times" und die "Washington Post" wurden nur 7,4 Millionen Mal geteilt oder kommentiert.

Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Meldung einfach falsifizierbar ist. Sehr viele Menschen sind bereit, den größten Unsinn und die übelsten Behauptungen zu glauben, sobald es nur in ihr eigenes Weltbild passt. Das reicht von der "Nachricht", dass Hillary Clinton eine lesbische Beziehung zu ihrer Beraterin Huma Abedin hat, bis zu der von der FPÖ-Politikerin Ursula Stenzel verbreiteten (falschen) Behauptung, Van der Bellens Vater sei ein Nazi gewesen.

Die österreichischen Grünen sind besonderes Objekt rechter Fake- und Hate-News, sodass ihr Social-Media-Sprecher Dieter Brosz Facebook als "weltweit größte Hassplattform" bezeichnete. Ein Posting wie "Hallöchen Eva Glawischnig du ungläubige Nazidrecksfotze ..." widerspricht laut Facebook "nicht den Gemeinschaftsstandards". Auch das Gewaltvideo, in dem man sieht, wie eine Wiener Jugendliche verprügelt wird, wurde mit großer Verspätung gelöscht.

"Fake-Nachrichten vergiften das gesellschaftliche Klima"

Brosz zum STANDARD: "Fake-Nachrichten vergiften das gesellschaftliche Klima, indem sie Ressentiments zwischen Bevölkerungsgruppen schüren und vergrößern. Viele rechtskonservative Medien greifen Fake-Nachrichten auf, um somit haufenweise Clicks zu generieren, und verdienen sich eine goldene Nase damit." Denn viele Klicks ziehen viel Werbung an. Eine Gruppe von jungen Internet-Freaks in Mazedonien (!) bastelte im US-Wahlkampf solche Seiten mit dem Ziel, einfach Geld zu verdienen. Offenbar wird auch Leuten auf den sogenannten Clickworker-Plattformen wie Amazon Mechanical Turk angeboten, für Geld Fake-News zu schreiben: "Erste lesbische Bischöfin in Stockholm ersetzt Kreuz durch Halbmond".

Heinz-Christian Straches Facebook-Seite (rund 450.000 Follower) enthält immer wieder Postings mit Hass und Gewaltaufrufen gegen politische Gegner und glatte Unwahrheiten. Gelöscht werden die eher zögernd, dafür verschwinden zügig Postings, die diese Hassausbrüche thematisieren.

Die "Macht der Finsternis"

Wirklich ins Zentrum der Macht gerückt ist jetzt aber die amerikanische Hate- und Fake-Seite "Breitbart News". Der Mann, der die Seite groß gemacht hat, Steve Bannon, war Donald Trumps Wahlkampfleiter und wurde jetzt von ihm als sein "Chefstratege" ins Weiße Haus geholt. Bannon sieht sich selbst als das Organ der "alt-right", der "alternativen", sprich: ultraradikalen Rechten, und glaubt an die "Macht der Finsternis". Laut "New York Times" bilden die "Breitbart News" ein "Paralleluniversum, in dem Afroamerikaner nichts anderes tun, als Verbrechen zu begehen, Immigranten echte Amerikanerinnen vergewaltigen und Feministinnen alle Männer kastrieren wollen".

foto: apa
"Breitbart"-Chefideologe Steve Bannon.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg möchte jetzt (nach anfänglichem Problemleugnen) die Fake-News in seinem riesigen Imperium bekämpfen. Womit? Mit der Neuerfindung des Rades, nämlich Journalismus. Ein Team von Fact-Checkern soll sich um die (Falsch-)Meldungen kümmern.

"Wir müssen die Plattformen in die Verantwortung nehmen"

Das ist allerdings teuer, sagt Facebook-Herausforderer und Datenschutzkämpfer Max Schrems zum STANDARD: "Wenn man Webseiten wirklich ordentlich moderiert und illegale Inhalte nach den Gesetzen von jedem Land beurteilt, kostet das viel Geld. Stattdessen lässt man lieber im Sekundentakt Nippelbilder löschen."

Was tun? Schrems: "Wir müssen die Plattformen in die Verantwortung nehmen. Man kann nicht ein dominantes Medium sein und jede Verantwortung von sich schieben. Wie bei Privatradio oder Kabelbetreibern werden wir diskutieren müssen, ob man Facebook nicht verpflichtet, einen Anteil an echten Nachrichten einzublenden. Heute hat der Newsfeed ja oft gar keine News mehr. Warum nicht zehn oder 20 Prozent Nachrichtenanteil per Gesetz?" (Hans Rauscher, Fabian Schmid, 24.11.2016)

  • Die Grünen bezeichnen das von Mark Zuckerberg gegründete soziale Netzwerk als "weltweit größte Hassplattform".
    foto: apa

    Die Grünen bezeichnen das von Mark Zuckerberg gegründete soziale Netzwerk als "weltweit größte Hassplattform".

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