Hepatitis: Eine Volkskrankheit verliert in Ägypten ihren Schrecken

24. November 2016, 09:00
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Ägypten gilt als Musterland in der Bekämpfung von Hepatitis C mit günstigen Medikamenten. Für die WHO ist es zum Modell geworden

"Warum nur Ägypten?", wird Professor Manal al-Sayed bei ihren Vorträgen auf der ganzen Welt oft gefragt. Sayed forscht auf dem Gebiet von Hepatitis C und gehört in Ägypten und bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den führenden Experten für die entsprechenden Aktionspläne. Ägypten ist das erste Land, wo jeder Zugang zu den neuen Medikamenten mit einer Heilungsrate von über 90 Prozent hat. Es gebe keine Wartelisten für Patienten mehr, bestätigte ein Direktor des Gesundheitsministeriums kürzlich einer lokalen Zeitung.

Betroffen ist jede ägyptische Familie. Jeder vierte Einwohner über 65 Jahre leidet heute noch an chronischer Hepatitis C, die über die Jahre zu schweren Leberschäden führt. Diese hohe Rate – weltweit eine der höchsten – ist die Spätfolge einer großen Kampagne in den 1980er-Jahren zur Bekämpfung der Bilharziose, einer Wurmkrankheit, die sich in warmen Binnengewässern verbreitet. Damals war es üblich, die Spritzen mehrmals zu verwenden. Hepatitis C belastet den Staat jährlich mit direkten Kosten von umgerechnet 670 Millionen US-Dollar, das entspricht 1,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Nationaler Aktionsplan

1996 wurden die ersten Daten über die durch Blut übertragene Virusinfektion erhoben. Die Rate lag bei 20 bis 25 Prozent. Zehn Jahre später wurde ein nationaler Aktionsplan aufgelegt. "Aktivisten" aus den verschiedensten Fachgebieten waren die treibenden Kräfte. Sie gründeten ein nationales Komitee, das zwar dem Gesundheitsministerium angegliedert ist, aber völlig autonom arbeitet.

Die Kampagne hat seitdem zwölf Minister kommen und gehen sehen und wurde auch während der politischen Unruhen der vergangenen Jahre nie tangiert. Aufklärungsaktionen etwa mit dem bekannten Sänger Mohammed Mounir – selbst ein Betroffener – fanden große Resonanz.

Durchbruch im Jahr 2013

Jeder Ägypter findet heute eine spezialisierte Klinik im Umkreis von 100 Kilometern. Der Durchbruch bei der Heilung gelang, als 2013 die neuen Medikamente auf den Markt kamen. "Wundermittel", wie sie Sayed bezeichnet, die erstmals Hepatitis C heilen können. Aber Sofosbuvir – das Herzstück der Behandlung – kostete bei der Markteinführung in den USA 84.000 Dollar pro Patient.

Die ägyptischen Experten haben es dank guter Infrastruktur und überzeugenden Aktionsplans geschafft, für das Nilland als einkommensschwaches Land Lizenzen für die lokale Produktion von Generika zu erhalten, sodass der Preis auf unter 150 Dollar für die 28-tägige Kur gefallen ist.

Ägypten konnte in kurzer Zeit 830.000 Hepatitis-C-Patienten heilen, mehr als jedes andere einkommensschwache Land. Weltweit sterben an dieser Krankheit mehr Menschen als an Malaria. Bis 2030 soll die Infektionsrate auf unter ein Prozent der Bevölkerung – 2015 noch sieben Prozent – gefallen sein; dann gilt die Krankheit nach WHO-Standard als eliminiert. Das Schwergewicht der Kampagne liegt, wie Sayed kürzlich bei einem Vortrag in Kairo ausführte, bei der Prävention, denn jährlich stecken sich 100.000 Personen neu an. (Astrid Frefel 24.11.2016)

  • Gottfried Hirnschall, Leiter des Hepatitis-C-Programms der WHO, lobte Ägypten jüngst in einem Bericht für seine Bemühungen.
    foto: ap / martial trezzini

    Gottfried Hirnschall, Leiter des Hepatitis-C-Programms der WHO, lobte Ägypten jüngst in einem Bericht für seine Bemühungen.


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