"Public Enemy": Der Feind neben uns

24. November 2016, 06:00
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Die belgische Krimiserie mit Anlehnungen an den Fall des Kindermörders Dutroux startet am Donnerstag auf Sky Atlantic HD

Zu den Besonderheiten der Gegenwart gehört offenbar, dass alle, also wirklich alle einmal vereinbarten Gültigkeiten hinterfragt werden müssen. Zum Beispiel jene Hypothese, wonach eine Gesellschaft umso mehr Krimi braucht, je sicherer die Zeiten sind. Dahinter steckt ein als gegeben vorausgesetztes Grundbedürfnis nach "sicherer" Angst, also solcher, die einen Schrecken, aber nichts weiter einjagt.

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Mehr Krimi als derzeit im Fernsehen geht fast nicht.

Ginge es danach, wären die Zeiten sicher, um nicht zu sagen bombensicher. Denn mehr Krimi als derzeit im Fernsehen geht fast nicht: Alle großen Produktionsstätten des Westens pulvern Krimiware auf den Markt, im Serienwesen herrschen Mord und Totschlag wie nie zuvor. Die hohe Schlagzahl führt zu Routine, ein gewisser Fließbandcharakter ist manchen Serien nicht mehr abzusprechen.

Brutaler Fall, gebrochene Ermittlerin

So hält auch die belgische Krimiserie "Public Enemy", die am Donnerstag auf Sky Atlantic HD startet, auf den ersten Blick eine in dem Genre gut bekannte Ausstattung bereit. Brutaler Fall, gebrochene Ermittlerin, blaugraues Dämmerlicht, langsam anschwellendes Surren, das abrupt endet. Immerhin ein gut gemeinter Rat vom Vorgesetzten an die Ermittlerin, der vielversprechend klingt: "Erschieß dieses Mal möglichst niemanden."

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Die Polizistin Chloé Muller (Stephanie Blanchoud) wird auf den ehemaligen Kindermörder Guy Béranger (Angelo Bison. vorne) angesetzt.

Im Detail: Die Polizistin Chloé Muller (Stephanie Blanchoud) wird mit einem Kindsmord konfrontiert, der sie selbst an ihre Grenzen bringt. Muller laboriert an einem Kindheitstrauma, sie war selbst in den Fängen eines Mörders.

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Chloé war selbst einmal Opfer.

Der Hintergrund: 20 Jahre nach seiner Verurteilung kommt der Serienkiller Guy Béranger (Angelo Bison) auf Bewährung frei und darf unter etlichen Auflagen die Haft verlassen. Béranger ermordete Kinder. Er muss zur Resozialisierung in ein Kloster in der französischen Provinz. Möchten Sie so jemanden neben sich haben?

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Niemand will den Serienkiller, der seine Strafe abgesessen hat.

Die Dorfbewohner nicht. Sie empfangen Béranger mit Lebensmittelgeschoßen und Schimpfwörtern. Der Mönche blicken finster, worauf Béranger anders als erwartet reagiert: Er bricht zusammen. Die Ohnmacht währt nur kurz, später wird er einige Unruhe in die fromme Gesellschaft bringen.

Dann verschwindet ein Mädchen

Der Ort hat aber auch so ein Problem, denn die Pläne des Dorfwirts zur touristischen Aufwertung geraten ob des Aufenthalts ins Stocken. Wer will schon investieren mit einem solchen Bewohner?

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Verhandelt werden Schuld, Sühne und Vertuschung.

Und dann verschwindet ein Mädchen. Tags zuvor hat der ehemalige Serienmörder, heute ein distinguierter älterer Herr, dem neugierigen Mädchen einen Zauberwürfel gereicht. Für alle Beteiligten ist aber auch so klar, das Mädchen ist nicht nur verschwunden, sondern Opfer eines Gewaltverbrechens geworden, nach dem Täter ist nicht lange zu suchen. Einmal Mörder, immer Mörder.

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Ab Donnerstag im Abofernsehen auf Sky Atlantic HD.

Der Killer, der Mob, die Kommissarin: Ingredienzen eines durchschnittlichen Krimis, beim Thema Kindermord ist man in einer belgischen Serie aber schnell bei Marc Dutroux, der in den 1990er-Jahren mehrere Kinder und Jugendliche bestialisch ermordete. "Public Enemy" knüpft daran an, mehr als das werden Themen wie Schuld, Vorverurteilung und Vertuschung in den Institutionen verhandelt. Dutroux sitzt immer noch in Haft, seine Komplizin Michelle Martin wurde 2012 entlassen. Sie wurde Teil eines Resozialisierungsprogramms und fand Unterschlupf – in einem Kloster. (prie, 24.11.2016)

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