Italien-Referendum macht Anleger zunehmend nervös

23. November 2016, 08:25
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Am 4. Dezember stimmen die Italiener über eine neue Verfassung ab. Die Mailänder Börse steht bereits seit Wochen unter Druck

Frankfurt – Nach dem Brexit-Votum und der überraschenden Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten geht an den Finanzmärkten ein neues Schreckgespenst um: Am 4. Dezember stimmen die Italiener über eine neue Verfassung ab. Ministerpräsident Matteo Renzi hat sein politisches Schicksal an den Ausgang der Wahl geknüpft.

Ein "No" seiner Landsleute zu den geplanten Veränderungen könnte die EU in eine Krise stürzen und die Finanzmärkte gehörig durcheinander rütteln. Anleger flüchten schon aus italienischen Staatsanleihen und Aktien. "Der Markt sieht dieses Referendum als Wendepunkt zwischen Himmel und Hölle an", sagte Anleihe-Experte Sergio Capaldi von der Bank Intesa Sanpaolo.

Umfragen lassen Renzi-Niederlage erwarten

Bei Börsianern macht bereits das Wort "Italexit" die Runde. Dabei will Renzi nur über Einschränkungen bei der Rolle des Senats und Zuständigkeiten der Regionalregierungen abstimmen lassen. Allerdings wächst die Sorge, dass sich nach Großbritannien auch eine möglicherweise neue rechtsgerichtete Regierung in Italien für einen Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) stark machen könnte. "Wenn Renzi das Referendum verliert, fängt das Gebilde Europa an zu bröckeln", sagt der Volkswirt der National-Bank, Dirk Gojny.

Im Juni hatten die Briten für einen EU-Austritt gestimmt und die Finanzmärkte geschockt, da Meinungsforscher das Pro-EU-Lager als Gewinner gesehen hatten. Glaubt man nun den Umfragen zum Italien-Referendum, steht Renzi am 4. Dezember als großer Verlierer da.

Der 41-jährige Florentiner hat angekündigt, im Falle einer Niederlage zurückzutreten und sich nicht an der Bildung einer Übergangsregierung zu beteiligen. Experten fürchten, dass dann Rechtspopulisten wie die Protestpartei Fünf Sterne unter der Führung des Komikers Beppe Grillo Oberhand gewinnen können. "Ein Rückzug Renzis stürzt Italien wieder ins politische Chaos und das mit vielen nicht erledigten Hausaufgaben", sagt Gojny. Die Wirtschaft dort hinkt anderen EU-Staaten hinterher, die Arbeitslosigkeit verharrt seit Jahren bei rund zwölf Prozent. Nachbar Spanien hat zwar viel mehr Arbeitslose, hat die Quote aber in der Vergangenheit deutlich gesenkt.

Politisches Risiko

Die hohe Nervosität der Anleger wird bei einem Blick auf die Aktienmärkte besonders deutlich: In den vergangenen sechs Monaten verlor der Mailänder Auswahlindex mehr als acht Prozent, während der EuroStoxx50 gut zwei Prozent und der Dax sogar fast acht Prozent zulegte. Die Börse in Spanien, wo es ein monatelanges Regierungschaos gab, steht mit einem Verlust von 1,5 Prozent in dem Zeitraum vergleichsweise gut da. "Die Märkte sind sich des politischen Risikos in Italien mittlerweile sehr stark bewusst", sagt Commerzbank-Experte Christoph Rieger. Die Analysten der Deutschen Bank rechnen mit weiteren deutlichen Einbußen, sollte Renzi das Referendum verlieren.

Vor allem Bankaktien stehen an der Börse unter Beschuss. Der Index der italienischen Finanztitel büßte in den vergangenen sechs Monaten ein Fünftel ein. Der vergleichbare europäische Branchenindex legte dagegen neun Prozent zu. Schätzungen zufolge ächzen Italiens Geldhäuser unter einem 360 Milliarden Euro schweren Berg fauler Kredite. Traditionsbanken wie die Banca Monte dei Paschi di Siena brauchten eine gigantische Kapitalspritze. "Die Rettung der italienischen Banken wird noch schwieriger, wenn Renzi verliert", sagt Analyst Neil Wilson von ETX Capital Markets.

EZB soll gegensteuern

Kritisch für die Häuser sind nicht nur die ausfallgefährdeten Darlehen. Auch der deutliche Anstieg der Renditen italienischer Staatsanleihen in Folge einer Verkaufswelle dieser Papiere macht den Instituten zu schaffen. "Gerade die Banken haben einen Großteil davon in den Büchern", sagt Gojny. Seit Sommer haben sich die Renditen der zehnjährigen Titel auf ein Eineinhalb-Jahres-Hoch von 2,2 Prozent verdoppelt. Ein Anstieg auf drei Prozent, also auf das Niveau vom Frühjahr 2014, ist nach Meinung von Rieger möglich.

Allerdings glaubt der Commerzbank-Analyst nicht, dass die Renditen lange so hoch bleiben werden. "Das Glück für Italien ist, dass nur vier Tage nach dem Referendum die EZB tagt und die wird alles daran setzen, dass eine mögliche Verkaufswelle an den Anleihemärkten gestoppt wird." Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft seit März 2015 Staatsanleihen und andere Wertpapiere an den Märkten auf, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das auf 1,74 Billionen Euro angelegte Programm soll noch mindestens vier Monate laufen. Experten erwarten, dass die Währungshüter um EZB-Chef Mario Draghi im Dezember eine Verlängerung des Programms um mindestens ein halbes Jahr verkünden.

Selbst wenn die EZB es schafft, bei einem Renzi-Rücktritt die Nerven der Anleger erst einmal zu beruhigen, steht ihr und dem Finanzmarkt im April eine neue Bewährungsprobe bevor: Die Präsidentschafts-Wahl in Frankreich, bei der es auf ein Duell zwischen den Konservativen und der rechtsextremen Front National hinausläuft. (APA, Reuters, 23.11.2016)

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