Google-Löschung: 9.000 Anfragen aus Österreich

Analyse23. November 2016, 09:29
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33 STANDARD-Artikel betroffen – Europaweit 650.000 Links zu Personen entfernt

9.000-mal wollten Österreicher ihre eigenen Google-Suchergebnisse seit 2014 umschreiben lassen. Fast jedem zweiten Antrag hat der Suchmaschinenkonzern zugestimmt. Seit der Europäische Gerichtshof im Mai 2014 das "Recht auf Vergessen" durchgesetzt hat, sollte Google 32.000 Verlinkungen löschen – allerdings nur bei Suchen nach den Namen der Personen. In 47 Prozent der beantragten Fälle hat der Suchmaschinist dem Löschen zugestimmt.

33 STANDARD-Artikel gelöscht

Eine Erhebung europäischer Medien zeigt nun erstmals, bei welchen Artikeln das Recht auf Vergessen geltend gemacht wurde: Auf derStandard.at waren 33 Artikel betroffen. Zum Vergleich: Die Liste gelöschter Verlinkungen von "spiegel.de" ist 158 Einträge lang, die britische öffentlich-rechtliche BBC hat 182 entfernte Verlinkungen gelistet.

Unter den Medien gibt es viele Ähnlichkeiten bei der Art der gelöschten Links: Ein Viertel bis die Hälfte der Entfernungen betrafen Artikel zum Thema Kriminalität. Bei den meisten Medien waren zudem ein Drittel bis die Hälfte der Entfernungen Berichte, die das unmittelbare persönliche Leben einer Person betrafen. In Deutschland, Österreich und Spanien hatte rund ein Drittel der Entfernungen mit Unternehmen zu tun.

Nur in Spanien hatte die Hälfte der Entfernungen einen politischen Aspekt, in Österreich war dies bei einem Viertel der Artikel der Fall. Auf derStandard.at sind im Vergleich mit anderen Medien mehr Artikel zum Thema "Jugend" betroffen. Vier Artikel (zwölf Prozent), die von Interviews bis zu Ankündigungen von Miss-Europa-Kandidaturen reichen, wurden aus Suchen nach den Namen von erwähnten Personen gelöscht.

"Heil Hitler"-Rufe

Auch das Thema Extremismus kommt bei betroffenen Artikeln auf derStandard.at öfter vor als bei anderen europäischen Medien: 18 Prozent (sechs Artikel) sind diesem Bereich zuzuordnen. Sie handeln beispielsweise von jugendlichen "Heil Hitler"-Rufern oder islamistischer Propaganda.

Was motiviert Menschen dazu, Suchergebnisse entfernen zu lassen? "Ich habe mich löschen lassen, damit ein Polizist, wenn er mich anhält, nicht auf Google meinen Namen eingibt und sieht, was ich alles getan habe. Ich war schon lange genug hinter Gittern", gab eine Person aus Estland an, die den Prozess durchgemacht hat und anonym bleiben will.

650.000 Links aus Suchergebnissen zu Personen entfernt

Europaweit wurden bisher 650.000 Links aus Suchergebnissen zu Personen entfernt, davon betrafen laut Google acht Prozent nur zehn Webseiten. Der Wissenschafter Viktor Mayer-Schönberger, der schon 2009 die Idee des Rechts auf Vergessen propagierte, hält dies für eine vergleichsweise kleine Einschränkung des durchsuchbaren Internets. Er vergleicht sie lieber mit einer anderen Zahl: Wegen Urheberrechtsverletzungen entfernt Google pro Jahr 900 Millionen Links aus Suchergebnissen. (Markus Hametner, 22.11.2016)

Über das Recht

Die EU-Datenschutzrichtlinie sieht ein Recht auf Löschung oder Berichtigung von falschen Daten vor. Umgesetzt wird dieses Recht allerdings erst seit 2014. Damals hat der EuGH in einem Fall gegen Google geurteilt. Seither setzen Suchmaschinenbetreiber die Richtlinie um. EU-Bürger können Anträge auf Löschung via Formular auf google.com stellen, Google-Mitarbeiter prüfen alle Einsendungen.

Gelöscht werden Suchergebnisse, wenn ihre Existenz nicht im öffentlichen Interesse liegt und sie inkorrekt oder nicht mehr relevant sind.

Wenn Google eine Seite trotz eines Antrags nicht entfernt, kann ein Ombudsmannverfahren bei der Datenschutzbehörde angestrengt werden. Im Vorjahr hat es 400 solche Verfahren gegeben, 22 betrafen das Recht auf Vergessen. Suchmaschinen sind bisher allen Entscheidungen der Vorgabe der Datenschutzbehörde gefolgt.

Über das Projekt

Diese grenzübergreifende Recherche wurde von JournalismFund.eu unterstützt. Die Mitglieder des Teams finden Sie auf der Projektwebsite.

Wenn Sie schon Suchergebnisse entfernen haben lassen, freuen wir uns über Ihre Erfahrungen. Einsendungen über das bereitgestellte Onlineformular werden anonym behandelt.

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    foto: standard/cremer
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