Allrad-Offroad-Kombi: Dann waren's plötzlich viele

1. Dezember 2016, 13:15
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Man nehme einen Allradkombi, versehe ihn mit optischen Attributen aus der Welt der Geländefahrzeuge, fertig ist die Alternative zu den SUVs. Immer mehr springen auf diesen Trend im Trend auf

Zählen wir einmal zusammen. Audi A6 Allroad quattro, Volvo V90 CC, Mercedes E-Klasse All Terrain in der Premium-Liga – dort auch, eine Nummer kleiner, A4 Allroad quattro. In der Volumen-Mittelklasse: VW Passat Alltrack, Opel Insignia Country Tourer, Subaru Outback und irgendwie auch Peugeots Dieselhybrid 508 RXH. In der Golf-Klasse: VW Golf Alltrack, Skoda Octavia Scout, Seat Leon ST X-Perience, und vermutlich kann man auch den Volvo V40 CC dazunehmen (obwohl dem kein eigentlicher Kombi zugrunde liegt). Ein Dutzend Autos nach Adam Riese, die diesem Strickmuster – höher gestellte Rustikalkombis mit Allradantrieb – mittlerweile folgen. Da waren's plötzlich viele.

foto: audi
Fast zeitgleich waren Audi und Volvo als Erste da: A6 Allroad quattro und XC70 starteten beide im Jahr 2000. Inzwischen geht der Audi bereits in dritter Generation erfolgreich auf Kundenfang.

Angefangen hat es anno 2000 fast zeitgleich mit Audi A6 Allroad quattro und Volvo XC70. Subarus Outback tauchte als Offroad-Version des Legacy sogar schon Ende 1996 auf, war für den Trend im Trend aber nicht so bedeutsam. Bei Audi war es letztlich die Geschichte eines Versäumnisses. Mercedes (M-Klasse, ab 1997), Lexus (RX, ab 1997) und BMW (X5, ab 1999) sahnten mit ihren SUVs längst fette Margen ab, da brauchten die Ingolstädter dringend was zur Überbrückung, denn der Q7 war erst 2005 startbereit.

Mehr als Schotterstraßen

Das war die Geburtsstunde des A6 Allroad quattro. Das Ding ließ sich in der Bodenfreiheit variieren, konnte deutlich mehr als nur Flachlandschotterstraßen befahren, war überhaupt ein Multitalent (Kombi!) und sah einfach lässig aus, auch vor der vielzitierten Oper. Anzug mit Bergschuhen kombiniert oder so. Dann wollten die Herren der vier Ringe das vermeintliche Provisorium zwar nach dem Modellzyklus still und heimlich auslaufen lassen, doch es stellte sich heraus, dass der Allroad sich eine eingefleischte Fangemeinde erschlossen hatte. Ein Nachfolger musste her. Mittlerweile ist bereits die dritte Generation auf dem Markt (Volvo bleibt mit dem V90 CC auf Tuchfühlung), und diesmal sind es die anderen, die Nachholbedarf haben.

foto: volvo
Die ab Februar 2017 erhältliche Volvo-Neuauflage hört auf die Kennung V90 CC.

Mercedes schiebt deshalb im Frühjahr 2017 mit der E-Klasse All Terrain einen direkten Gegner des großen Audis nach, als Einziger wird der Freizeitgesellschafter über variable Bodenfreiheit verfügen – auch beim A4 Allroad quattro sucht man vergebens nach diesem sinnvollen Extra. Zur Wahl stehen drei Höhen, in der Basiseinstellung hat der All Terrain 29 mm mehr Bodenfreiheit als das normale T-Modell. Bis 35 km/h ist eine weitere Anhebung um 35 mm möglich, die Bodenfreiheit variiert somit zwischen 121 und 156 mm. Dem Appell "Geben Sie mehr Bodenfreiheit, Sire!" ward gnädigst entsprochen.

Oberliga

Das ist aber, wie gesagt, die Ausnahme, bei allen anderen ist das Niveau fix. Auch Volvo konnte sich nicht dazu entschließen. Nun haben die Schweden zwar lange Erfahrung mit dem Konzept, sie wollten sich aber vermutlich keine zusätzlichen Entwicklungskosten aufhalsen.

Was haben wir also in der Oberliga. Audi, Volvo, Mercedes sind demnächst präsent, wenn auch nur in der Größenordnung A6. Bleiben noch BMW, Jaguar (Lexus hat keinen Kombi). Deren Groscherlzähler sehen sich bestimmt genau an, wie viele Freunde des Konzepts es weltweit gibt und ob der Kombi auf diese Crossover-Art endlich Europas Grenzen durchbrechen und in Nordamerika und/oder China reüssieren kann. Mercedes hält das nicht für ausgeschlossen.

foto: daimler
Ein Geschäft liegenlassen ist nie gut, dachte sich Mercedes vermutlich und lanciert im Frühjahr die E-Klasse All Terrain.

Zwischen Kombi und SUV positioniert, sprechen diese Autos Kunden an, die auf SUVs pfeifen, aber dennoch auf die Verheißung von Abenteuer und großer Freiheit ansprechen. Jaja, der Ruf der Wildnis. In den Weiten Amerikas oder Russlands reale Erfahrungswelt. In Europa allenfalls noch in Skandinavien erlebbar. Die Psychologen der Autobauer haben ihre Hausaufgaben gemacht: Ein unbewusstes Sehnen, ein eskapistischer Drang in die freie Natur, diese Illusion weckt und bedient man gerne, denn es rechnet sich, gerade auch mit dem Schlagwort "Natur". Wie lästerte schon der hellsichtige Oscar Wilde? "Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert." (Andreas Stockinger, 1.12.2016)

Nachlese:

Audi A6 Allroad: Wenig Gelände und viel Straße

Volvo S60 CC: Fünf Häferln für vier angetriebene Räder

Ins Land einischaun: Subaru Forester & Outback

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