Beth Ditto: "Ich war immer schon dick!"

Interview25. November 2016, 06:00
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Als Kind verkleidete sie sich als Miss Piggy, heute entwirft sie (nebenbei) Kollektionen in Übergröße. Ein Gespräch über Plus-Size, Anti-Mode und körperliche Scham

Quirlig, punkig und äußerst sympathisch: Das ist Beth Ditto – die ehemalige Frontfrau der Band Gossip, Verfechterin des "Body Positive"-Trends und Designerin für Übergrößenmode. Unter dem Motto "Selbstliebe, Zweisamkeit und wahre Schönheit" präsentierte Ditto ihre nunmehr zweite Kollektion, eine elfteilige Ready-to-wear-Kollektion und geht damit einen Schritt weiter auf ihrer Mission, den Markt der Plus-Size-Mode aufzumischen.

foto: beth ditto
Beth Ditto, ehemalige Front-Frau der Band Gossip entwirft nun Mode.

Daher verwundert es nicht, dass ihre Kleider – ausschließlich in den Größen 44 bis 58 erhältlich – den Kurven der Frau schmeicheln und sie nicht kaschieren. Inspiration zog die Sängerin aus Lieblingsstücken ihres eigenen Kleiderschranks: taillierte Shiftkleider, kokonförmige Wollmäntel, entspannte Jerseyteile.

Die Prints zeugen von ihrer Leidenschaft für Make-up, die Entwürfe zieren übergroße Wimpern oder tropfender Nagellack. Die dazugehörige Kampagne realisierte sie gemeinsam mit Stylist Charles Jeffrey und Fotografin Hanna Moon, aufstrebenden Talenten der Londoner Kreativszene.

STANDARD: Ms. Ditto, hier soll es um Sie gehen. Ich würde dennoch gern mit einer Anekdote aus meiner Jugend beginnen.

Beth Ditto: Oh bitte, schießen Sie los.

STANDARD: Als Teenager war ich recht groß und sehr dünn im Vergleich zu den anderen Mädchen. Wir wollten damals alle dieselbe Jeans, eine Levis 501. Doch es gab sie nicht in meiner Größe. Auf meine Frage im Geschäft nach einer passenden Hose sagte die Verkäuferin: "Solch große dünne Menschen gibt es nicht."

Ditto: Und das, obwohl Sie direkt vor ihr standen! Schrecklich!

STANDARD: Total frustrierend. Kennen Sie dieses Gefühl, dass etwas mit Ihnen nicht stimmt? Oder waren Sie immer schon so selbstbewusst, wie Sie heute erscheinen?

Ditto: Ich bin oft frustriert, sehr frustriert sogar, dass ich nicht die Wahl habe. Aber gleichzeitig hat es immer schon meine Kreativität beflügelt. Es hat mir eine gewisse Empathie beschert, die ich ohne meinen Körper vielleicht nicht gehabt hätte. Statt mich selbst zu hassen, begann ich zu hinterfragen, was mit der Welt um mich herum nicht stimmte.

STANDARD: Sie entschlossen sich also einfach dazu, dass es nicht Sie waren, die nicht in die Klamotten, sondern dass es die Klamotten waren, die Ihnen nicht passten?

Ditto: Exakt. Wenn ich etwas wahnsinnig gern haben wollte, das es nicht in meiner Größe gab, dann habe ich es mir einfach selbst gemacht. Meine Mutter half mir oft dabei. Aber es ist natürlich frustrierend, keine passende Kleidung zu finden, egal, ob man nun groß und dünn oder klein und dick ist. Denn die Gesellschaft will einem weismachen, dass etwas mit dir nicht stimmt.

STANDARD: Heute gelten Sie als Ikone für sogenannte Plus-Size-Frauen. Können Sie die Fragen über dünn und dick oder fett, wie Sie dazu lieber sagen, überhaupt noch hören?

Ditto: Ja, aber klar! Denn die Frage ist wichtig. Als ich ein Kind war, gab es noch kein Internet, es gab also keine öffentliche Konversation über das Thema. Es gibt nach wie vor so viele Vorurteile über uns Dicke – und sicher auch über die Dünnen.

STANDARD: In der Schule kursierte immer das Gerücht, ich sei magersüchtig.

Ditto: Genau das meine ich. Einmal in Deutschland brachte man mir während eines Interviews ein Schnitzel mit Pommes – einfach so. Ich empfand das nicht als nette Aufmerksamkeit. Da war einzig diese fiese Botschaft: Sie sind fett, Sie werden das schon essen. Das war sehr seltsam.

STANDARD: Wer hat Ihnen als Teenager Mut gemacht? Sie haben es ja selbst gesagt: Das Internet gab es noch nicht.

foto: beth ditto
"Das Internet hat mir eine Plattform gegeben", sagt Beth Ditto (links). Kollektionen wie die ihre waren früher am Markt kaum zu finden.

Ditto: Ich bin unter sehr coolen, starken Frauen groß geworden. Aber das war nicht alles. Mit ungefähr 14 habe ich den Punk entdeckt. Das hat meine Vorstellung von Schönheit wirklich sehr geformt. Im Punkrock spielten Leute Instrumente, die keine Instrumente spielen konnten, da machten Leute Klamotten, die nicht wussten, wie das ging. Sie trugen einfach das, was sie cool fanden. Und sie scherten sich nicht darum, was andere darüber dachten. Denn man hat sowieso keine Kontrolle darüber, was die Leute über einen denken. Aber du kannst kontrollieren, was du über dich selbst denkst. Das hat mein Leben verändert.

STANDARD: War das auch der Zeitpunkt, an dem Mode ein so wichtiger Teil Ihres Lebens wurde?

Ditto: Mode ist nicht die wichtigste Sache der Welt. Aber sie macht unheimlich viel Spaß. Ich liebe die Idee der Kostümierung.

STANDARD: Spielen Sie mithilfe von Kleidern eine gewisse Rolle wie damals als Kind, als Sie sich gern als Miss Piggy verkleideten?

Ditto: Ich liebe das. Und meine Lieblingsrolle ist, ich selbst zu sein. Ich habe sehr viele Facetten und deshalb auch so viele Looks. Das ist im Grunde Kern der Mode: Sie ist expressiv. Und Anti-Mode ist dabei genauso wichtig wie die Mode selbst. Wenn dir etwas Spaß macht, dann ist es das Richtige für dich. Man darf in der Mode nicht wertend sein. Sobald ich anfange, etwas zu hassen, fange ich an, es zu hinterfragen. Wieso gefällt es mir nicht? In 95 Prozent der Fälle ändere ich danach meine Meinung und finde Gefallen daran.

STANDARD: Bevor Sie Ihre eigene Plus-Size-Kollektion auf den Markt brachten, gab es bereits andere Übergrößenmarken. Was wollten Sie anders machen?

Ditto: Vor noch nicht sehr langer Zeit, vor Social Media und Instagram, gab es viel körperliche Scham. Es ging immer nur darum, wie man seinen Körper am besten verstecken, wie man dünner erscheinen konnte. Das fand ich langweilig. Ich wollte die Regeln brechen. Das war wohl der Punk-Einfluss in mir. Ich dachte mir, wenn alle die Möglichkeiten nicht sehen, dann ist es offenbar mein Job, sie zu erschaffen.

STANDARD: Da ist es natürlich von Vorteil, wenn man Empathie für seine fülligen Mitmenschen hegt.

Ditto: Als ich ein Kind war, gab es schlicht keine passenden Kleider für mich. Ich war immer schon dick. Ich war ein molliges Kind, ein molliger Teenager, ein molliger Erwachsener. Das Internet hat Menschen wie mir eine Plattform, den Verbrauchern die Macht gegeben, die zuvor die Unternehmen hatten. Heute kann ich eine Miss Piggy auf ein T-Shirt drucken, und die Leute finden das lustig. Als ich meine erste Plus-Size-Linie für Evans entwarf, wollte man das partout nicht umsetzen. Es hat sich seither viel geändert.

STANDARD: Vor allem Humor scheint wichtiger geworden zu sein.

Ditto: Wenn man die Dinge ohne Humor angeht, dann wird das Leben sehr viel schwieriger. Man kann viel Negativität abwenden, indem man sie in einen Witz verwandelt. Dann perlt sie einfach an dir ab. Man sollte sich außerdem ab und zu daran erinnern: Es sind nur verfluchte Klamotten!

STANDARD: Und doch hat man das Gefühl, Ihre Kleider wollen mehr sein als nur Mode. Vielleicht sogar Provokation?

Ditto: Es geht eher darum, dass man stolz auf sich selbst sein kann. Es ist nicht meine Absicht, damit zu provozieren, aber am Ende tue ich es offenbar doch. Dasselbe gilt für meine Persönlichkeit. Manchmal sage ich Dinge und denke mir nichts Böses dabei, und die Leute reagieren entsetzt. Ich denke, da bin ich tatsächlich ähnlich wie Miss Piggy.

foto: reuters/tessier
Beth Ditto mit Jean-Paul Gaultier auf dem Laufsteg im Jahr 2010.

STANDARD: Sie sind oft Gast bei Modenschauen, waren selbst schon auf dem Laufsteg. Am Ende machten die Designer aber nie Kleider, die Ihnen passten. Wie fühlt sich das an?

Ditto: Ich lernte daraus, dass es nichts bringt, darauf zu warten, dass jemand etwas für einen tut. Man muss es selbst tun. Gleichzeitig wurde ich durch diese Auftritte aber für ein großes Publikum sichtbar. Ich hätte ja auch Nein sagen können, aber dann hätten sie einfach einen anderen genommen. Es ist ja auch nicht so, dass es mir keinen Spaß gemacht hätte, ich bin solch eine Rampensau. Und auch wenn ich es wirklich ungerecht finde, dass all diese Designer keine Kleidung in meiner Größe produzieren, so wünschte ich, ich hätte als Kind die Chance gehabt, so etwas zu sehen: ein dickes Model auf dem Laufsteg. Es ist immerhin ein Anfang einer Konversation, die dringend geführt werden muss.

STANDARD: Eine andere ist die, dass Ihre Kollektionen fair hergestellt werden. In einem Interview sagten Sie, sie seien mit Freunden und nicht mit Banken gemacht. Auch Ihre neue Kampagne ist unkonventionell – die Models wurden über Instagram gecastet. Auch Ihre Freunde?

Ditto: Ich wollte normale Leute, die Lust auf das Projekt hatten, und die etwas zu der Plus-Size-Bewegung beigesteuert hatten. Ich wollte sie ins Scheinwerferlicht stellen.

STANDARD: Deshalb ist auch ein Mann Teil der Kampagne, er trägt allerdings Frauenkleider – haben Sie darüber nachgedacht, auch Teile für dicke Männer zu entwerfen?

Ditto: Ja! Definitiv. Aber ich sehe auch meine jetzige Kollektion nicht ausschließlich als feminin an. Ich habe versucht, das durch unterschiedlichste Charaktere im Shooting zu demonstrieren, würde aber in Zukunft gern weitergehen. Ich möchte auf jeden Fall auch maskulinere Teile entwerfen. Aber ich weiß noch nicht so viel darüber.

STANDARD: Klingt nach einer neuen Herausforderung.

Ditto: Ich werde gleich mal googeln: Wie macht man eigentlich einen Tuxedo?

STANDARD: (Die Telefonverbindung ist nicht besonders gut) Eine Speedo, diese engen Badehosen?

Ditto: (lacht) Gute Frage! Wie macht man die eigentlich? Nein, ich meine einen Smoking. Aber vielleicht ist eine Speedo sogar noch viel besser. Vielleicht könnte man die Speedo über dem Tuxedo tragen, let's push the limit! (Mira Wiesinger, RONDO, 25.11.2016)

foto: beth ditto

Die Kollektion ist erhältlich über www.bethditto.com

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  • Keine Models, sondern  Menschen wie du und ich:  Für ihre Kampagne castete  Beth Ditto Charaktere  via Instagram.
    fotos: beth ditto

    Keine Models, sondern Menschen wie du und ich: Für ihre Kampagne castete Beth Ditto Charaktere via Instagram.

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