Den November-Blues wegkuscheln

22. November 2016, 11:47
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Vor allem im Herbst und Winter braucht der Mensch regelmäßigen Körperkontakt, sagt der Haptik-Forscher Martin Grunwald

Leipzig – Am Abend wird es rasch dunkel, in der Früh steht dichter Nebel, es wird zunehmend nass und kalt. Das Herbst-Wetter kann nicht nur ungemütlich sein, sondern sich aufs Gemüt schlagen. Martin Grunwald, Haptik-Forscher an der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig, hat ein einfaches Rezept dagegen: Schon eine zehnminütige Massage pro Tag kann die Stimmung deutlich aufhellen. Denn Berührungen und Körperinteraktion rufen komplexe neurobiologische Prozesse hervor.

"Unser Tastsinnessystem wird gnadenlos unterschätzt", ist Grunwald überzeugt. "Viele glauben, der Tastsinn hilft mir lediglich im Dunkeln den Wecker zu finden und spielt ansonsten nur noch bei sexuellen Handlungen eine wichtige Rolle. Das ist durchaus richtig, aber es ist zugleich eine extreme Verkürzung der grundsätzlichen Lebensfunktionen dieses Sinnessystems."

So können Organismen, die nichts sehen, hören oder schmecken überleben, aber kein Lebewesen wäre ohne Tastsinn lebensfähig, wie der Experte betont. Deshalb dürfte die Anzahl der Rezeptoren im Tastsinnessystem auch jene der anderen Sinnessysteme deutlich übersteigen. Schätzungen zufolge liegen sie im Billionen-Bereich. Besonders Berührungen, "leichte Deformationen der Haut", wie Grunwald sie nennt, stimulieren diese Rezeptoren.

Streicheleinheiten für Körper und Geist

Studien mit EEG-Untersuchungen haben gezeigt, dass kurzzeitige Massagen sowohl bei Säuglingen als auch bei Erwachsenen den neurophysiologischen Status eines Menschen positiv verändern. "Durch Berührungsreize werden biochemische und bioelektrische Prozesse im Gehirn ausgelöst. Daraufhin werden bestimmte Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet und gebildet, die die Hirnaktivität beeinflussen und den körperlichen Zustand positiv verändern", erklärt der Forscher.

Dadurch nimmt die Herzfrequenz ab, die Atmung wird flacher und positive Emotionen entstehen. Eine zehnminütige Massage reicht schon aus, diese komplexen neurobiologischen Prozesse auszulösen. Ein professioneller Masseur ist dabei nicht unbedingt notwendig.

"Es gilt das biologische Gesetz, dass durch adäquaten zwischenmenschlichen Körperkontakt – ohne sexuelle Intentionen – positive Emotionen in unserem Gehirn ausgelöst werden. Selbst kurze Umarmungen können diese Effekte auslösen. Wer lange Zeit ohne dieses besondere 'Lebensmittel' auskommen muss, kann in seinem seelischen und körperlichen Wohlbefinden durchaus stark beeinträchtigt sein", erklärt Martin Grunwald.

Der Wert sich selbst zu berühren

Durch Selbstberührungen lässt sich der positive Effekt auf Körper und Geist allerdings nicht erreichen. Etwa 400 bis 800 Mal fasst sich der Mensch täglich ins Gesicht – was genau dahinter steckt, das erforscht Grunwald derzeit mit seinen Kollegen. "Unser Gehirn funktioniert am besten, wenn es sich auf einem mittleren Aktivitätsniveau befindet. Alle biologischen Systeme streben eine Homöostase, also ein Gleichgewicht der Kräfte, eine Balance an", erklärt Grunwald.

Im Alltag strömen unzählige Informationen auf den Menschen ein, die das Gehirn verarbeitet oder unterdrückt. Einige davon sind jedoch in der Lage, das System aus dem Gleichgewicht zu bringen, etwa sehr starke positive oder negative Emotionen. Um die Balance der Hirnaktivität in derartigen Situationen wiederherzustellen, wird nach Ansicht von Grunwald eine gesichtsbezogene Selbstberührung ausgelöst. Der Berührungsreiz wird dann vom Gehirn so verwertet, dass der Balancezustand wieder hergestellt ist.

"Derzeit stehen wir allerdings noch ganz am Anfang, diesen komplexen biologischen Prozess der Selbstberührung zu verstehen. Besonders spannend ist dieses Alltagsphänomen auch deshalb, weil bereits der Fetus im Mutterleib Selbstberührungen des Gesichts ausführt", so Grunwald. (red, 22.11.2016)

  • Ohne Tastsinn kann kein Lebewesen überleben, sagt Haptik-Forscher Martin Grunwald.
    foto: apa/epa/felixükaestle

    Ohne Tastsinn kann kein Lebewesen überleben, sagt Haptik-Forscher Martin Grunwald.

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