Belgrad: Heftiger Schlagabtausch bei Medien-Debatte mit Premier Vucic

22. November 2016, 11:42
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Serbiens Premier beteuert, sich nicht in Redaktionspolitik einmischen zu wollen – Journalisten verließen während Vucic-Rede demonstrativ den Saal

Belgrad – Wie groß die Kluft zwischen Journalisten und der serbischen Regierung ist, hat ein von der Medienorganisation SEEMO organisiertes Treffen am Montagabend in Belgrad gezeigt. Obwohl Premier Aleksander Vucic erklärte, er verbitte sich jegliche Einmischung in die Redaktionspolitik, verließen mehrere Journalisten während seiner Rede demonstrativ den Saal.

Serbische Medien klagen immer wieder über den Druck, dem ihre Redaktionen von staatlicher Seite ausgesetzt sind. Dieser werde von Vucic nahestehenden Menschen bzw. seinen Kabinettsmitgliedern ausgeübt, erklärte Nedim Sejdinovic, Leiter des Unabhängigen Journalistenverbandes der Vojvodina, dem Sender "Free Europe". Vucic habe sich als "erprobter Feind der Medienfreiheiten erwiesen", deshalb sei er dem Treffen ferngeblieben, so Sejdinovic.

Serbische Journalisten würden von den Behörden als Feinde empfunden, ist auch Dragoljub Petrovic, Chefredakteur der Tageszeitung "Danas", eines der wenigen Qualitätsblätter, überzeugt. Derselben Meinung ist Dragan Janjic, Vizepräsident des Journalistenverbandes NUNS. Medien, die wirklich Aufdeckungsjournalismus betrieben, würden sowohl von den Behörden als auch Boulevardblättern, die eine "Disziplinierungsrolle" übernommen hätten, heftig kritisiert, zitierte ihn "Danas".

Die Situation wäre keineswegs schwarz-weiß, verteidigte sich Vucic dagegen. Dass es aber Probleme gebe, wollte der Premier nicht bestreiten. Die Verantwortung dafür liege aber nicht bei ihm.

Serbiens Premier war unter dem Regime von Slobodan Milosevic 1999 Informationsminister, als Medien einem besonders starken Druck ausgesetzt waren. Er habe einen hohen politischen Preis dafür bezahlt und die Verantwortung für die damals gefassten Beschlüsse übernommen, erklärte Vucic am Montag. Während seiner Amtszeit als Informationsminister war im Belgrader Stadtzentrum auch der Belgrader Publizist Slavko Curuvija, einer der lautesten Kritiker von Milosevic, ermordet worden. Seit eineinhalb Jahren läuft in Belgrad ein Prozess gegen seine mutmaßlichen Mörder, allesamt Beamte des damaligen serbischen Geheimdienstes. (APA, 22.11.2016)

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