Frankreichs plötzlicher Favorit François Fillon

21. November 2016, 18:51
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Fillon hat sich zum Favoriten der Präsidentschaftswahlen gemausert. Das ändert die Ausgangslage für Hollande und Le Pen

In Le Mans, wo alljährlich das berühmte 24-Stunden-Autorennen stattfindet, trifft man François Fillon öfters im Outfit eines Formel-1-Piloten an: Der 62-jährige Expremier ist ein leidenschaftlicher Hobbyrennfahrer. Mit Höchstgeschwindigkeit hat der Langsamstarter am Sonntag seinen bisher wichtigsten Wettbewerb gewonnen: Mit 44,1 Prozent hat er den ersten Durchgang der Konservativenurwahl für sich entschieden. Im Finale in einer Woche trifft er auf Alain Juppé, einen anderen Exregierungschef, der bisher als haushoher Favorit galt, aber nur auf 28,6 Prozent kommt. Geradezu erniedrigend schwach schneidet Nicolas Sarkozy mit 20,6 Prozent ab – er will sich aus dem politischen Leben zurückziehen.

Die französischen Medien fragten sich am Montag allesamt: Wie konnte es zu diesem spektakulären Umschwung kommen? Der sozialistische Präsident François Hollande hatte zur Primärwahl der Rechten und des Zentrums ohne Wenn und Aber erklärt: "Juppé und Sarkozy machen es unter sich aus. Fillon hat keinerlei Chance."

Triumphaler Vormarsch

Dessen triumphaler Vormarsch hatte sich erst in den letzten Tagen abgezeichnet. Seit der letzten Umfrage legte er binnen zweier Tage nochmals um 14 Prozent zu. Gingen die konservativen Wähler Frankreichs wie in den USA "verdeckt" vor? Eher scheint es, als hätten sich die Franzosen selbst erst ganz zum Schluss für den "dritten Mann" entschieden. Am Donnerstag hatte Fillon in dem TV-Streitgespräch der Konservativen erneut einen tadellosen Auftritt hingelegt. Dass er ohne Mätzchen und Allüren antritt, unterscheidet ihn von Sarkozy und Juppé. Die Franzosen haben ganz offensichtlich genug von den Ego-Spielchen ihrer politischen Granden. Fillon ist ein emsiger Schaffer, der das ausgefeilteste Programm vorgelegt hat. Es ist ebenso schnörkellos wie sein Autor.

In den Wahllokalen dominierten am Sonntag nicht so sehr "wütende weiße Männer" wie in den USA, sondern gestandene Bürgerinnen und Bürger. Einer von Fillons Wählern sagte im Radio: "Fillon weiß, was er will, während Juppé immer den Ausgleich sucht. In der heutigen Krise brauchen wir Politiker, die auch durchgreifen wollen." Fillon selbst sagte am Wahlabend, ohne sich in irgendwelcher Weise zu brüsten: "Ich folge meiner Spur seit Monaten, ruhig und seriös." Nur indirekt gab er zu erkennen, dass er selbst mit dem Sieg in der Primärwahl und darauf in der Präsidentenwahl rechnet: "Niemand, der verloren hat, soll sich gedemütigt fühlen. Wir werden jeden Einzelnen brauchen", meinte er, als wäre er schon Staatschef. Juppé und Fillon organisieren diese Woche mehrere Wahlmeetings, am Donnerstag treten sie sich im Fernsehen zu einem Streitgespräch gegenüber.

Linkswähler für Juppé

Im ersten Wahlgang haben laut ersten Erhebungen 15 Prozent Linkswähler an der rechten Urwahl teilgenommen – und viele erklärten unumwunden, sie hätten auf Juppé gesetzt, um Sarkozy zu verhindern. Werden sie am Sonntag dasselbe tun, um den "Ultraliberalen" Fillon auszubremsen? Dieser hat trotzdem die besten Siegeschancen, zumal sowohl Sarkozy wie der Viertplatzierte Bruno Le Maire Fillon wählen wollen. Im Élysée-Palast verfolgt man die Wahl sehr aufmerksam: Hollande wäre froh, Juppé los zu sein, da dieser das politische Zentrum abdeckt. Für Marine Le Pen wäre die Qualifikation Fillons hingegen eine schlechte Nachricht: Kritisch gegenüber Islam und Immigration, droht ihr der neue Hoffnungsträger der Konservativen Stimmen wegzunehmen. Ein Präsidentschaftsduell Fillon – Le Pen würde wahrscheinlich mit dem Sieg des Konservativen enden. (Stefan Brändle aus Paris, 21.11.2016)

  • François Fillon: Ungeahnte Alternative für Frankreichs Konservative. Der Expremier könnte künftig Frankreich als Präsident regieren.
    foto: afp / gonzalo fuentes

    François Fillon: Ungeahnte Alternative für Frankreichs Konservative. Der Expremier könnte künftig Frankreich als Präsident regieren.

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