Europaspiele: Boykottierte olympische Nebenbühnen

22. November 2016, 11:03
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Die an Weißrussland vergebenen Europaspiele 2019 scheiden die Geister. Minsk war einziger Kandidat und ist dennoch äußerst umstritten. Deutschland will keine Entsendungskosten übernehmen. Österreich wiederum lässt die Jugendwinterspiele 2017 in der Türkei aus

Wien – "Es gibt kein Sicherheitsproblem, das zur Entscheidung für einen Verzicht auf die Teilnahme an den Olympischen Jugendspielen, welche unter der Gastgeberschaft von Erzurum im Februar 2017 stattfinden werden, berechtigt." Das will die türkische Botschaft in Wien auf Standard-Anfrage festgehalten wissen. Die Botschaft bezieht sich darauf, dass das Präsidium des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC) entschieden hat, nicht für die Europäischen Olympischen Jugendspiele (EYOF) im Februar 2017 in Ostanatolien zu nennen.

Es ist in der 25-jährigen EYOF-Geschichte eine Premiere, dass Österreich kein Team entsendet. ÖOC-Präsident Karl Stoss begründet die einstimmige Entscheidung mit Sicherheitsbedenken. Für die Türkei bestehe "eine aktuelle Reisewarnung. Wir können die Verantwortung niemandem zumuten, mit Jugendlichen in ein Krisengebiet – mit erhöhtem Sicherheitsrisiko – zu reisen."

Achselzucken

Die Reisewarnung ist allerdings relativ, weil partiell – sie gilt laut Außenministerium für Gebiete, die weniger als zehn Kilometer von der syrischen und irakischen Grenze entfernt liegen (Sicherheitsstufe 5). Reisen nach Erzurum, mit 370.000 Einwohnern die größte Stadt der gleichnamigen Provinz und Ostanatoliens, unterliegen wie der größte Teil des Landes einem "erhöhten Sicherheitsrisiko" (Sicherheitsstufe 2).

In der türkischen Botschaft in Wien, wo dieser Tage ein Botschafter (Mehmet Hasan Gögüs) dem nächsten (Mehmet Ferden Carikci) weicht, zuckt man quasi mit den Achseln. "Es ist Österreichs Entscheidung, auf die Teilnahme zu verzichten." Bis dato hat Österreich bei zwölf Winterspielen 89 Medaillen (23 Gold) geholt, neben anderen nahmen Anna Veith, Michaela Kirchgasser, Kathrin Zettel und Dominik Landertinger teil.

Wie Österreich lässt auch die Schweiz die Jugendspiele in Erzurum aus, die meisten anderen Länder planen aber eine Teilnahme. Für mehr Wirbel sorgen die Europaspiele der "Großen". Die erste Auflage hat 2015 in Baku (Aserbaidschan) stattgefunden, die zweite (2019) wurde kürzlich an Minsk (Weißrussland) vergeben. Das Land ist das einzige in Europa, das die Todesstrafe vollstreckt. Minsk war der einzige Kandidat.

Geheime Abstimmung

Dennoch gab's, wie das Branchenportal insidethegames berichtet, bei der Generalversammlung der Europäischen Olympischen Komitees (EOC) zwei Gegenstimmen (Dänemark, Norwegen) und fünf Enthaltungen (u. a. Deutschland). Eine große Mehrheit (43) aber stimmte für Weißrussland. Wie das ÖOC gestimmt hat? ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel berief sich am Montag darauf, dass die Abstimmung geheim gewesen sei. Er wolle es "dabei belassen".

Der seit 1994 herrschende Alexander Lukaschenko (62) ist nicht nur Präsident des Landes, sondern auch Präsident des Weißrussischen Olympischen Komitees (NOCRB). "Weißrussland ist keine Supermacht, aber wir kümmern uns sehr um den Sport", sagte er bei der EOC-Generalversammlung. Speziell in Berlin, das die Verhältnisse in Weißrussland immer wieder kritisiert hat, sorgte die Vergabe für Diskussionen. Das deutsche Innenministerium ließ schon erklären, der Bund werde keine Entsendungskosten für die Europaspiele übernehmen – im Gegensatz zu den Spielen 2015, für die 500.000 Euro an Steuergeldern flossen. Damit rückt die Teilnahme eines deutschen Teams in die Ferne. Ob Österreich ähnlich debattieren oder gar boykottieren wird, bleibt abzuwarten. (Fritz Neumann, 22.11.2016)

  • Lukaschenko: "Wir kümmern uns sehr um den Sport."
    foto: ap/sergei krits

    Lukaschenko: "Wir kümmern uns sehr um den Sport."

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