Erst kommt das Beten, dann die Moral

Kommentar der anderen21. November 2016, 17:48
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Wenn es um Werte geht, dann sind die Religionen ganz vorn dabei im Schulunterricht. Das Fach Ethik dagegen – immerhin schon seit 20 Jahren Schulversuch in Österreich – fristet ein Schattendasein, obwohl es nötiger wäre denn je

Die bibelfesten Anteile der USA und ihre Trump'schen: Stehen sie in irgendeinem Zusammenhang? So wie die katholischen und die nationalsozialistischen im Österreich des Thomas Bernhard? Wo gibt die politische Bühne dem Allmächtigen heute nicht wieder eine tragende Rolle? Vom türkischen und weiter östlich gelegenen Allahu-akbar-Jenseits einmal abgesehen.

Auch bei uns kramt einer den lieben Gott hervor, um mit dessen Segen Rechtspopulismus und -extremismus in die Hofburg zu tragen. In seinem Gefolge die Retter des christlichen Abendlandes. Gegen den Jihad in Stellung gebracht. Denn auch der Islamismus ist hier angekommen. In Kindergarten, Schulhof und Jugendzentrum. Das Land teilt sich in Gut- und in Bösmenschen. Allenthalben Hasspostings und Hassprediger. Aus allen religiösen und pseudoreligiösen Ecken. Am Viktor-Adler-Markt und in der Hinterhofmoschee.

Hat man eigentlich schon die Feierlichkeiten geplant? Nächstes Jahr begehen wir ein eher stiefmütterlich beachtetes Jubiläum: 20 Jahre Schulversuch Ethikunterricht. Und weil hier erstens das österreichische Wesen, zweitens der Kardinal und die Bischöfe und drittens die FPÖVP weben und wirken, wird es nicht das letzte seiner Art gewesen sein. Denn wir werden den Schulversuch bis zum St. Nimmerleinstag verlängern und so etwas Orchideengleiches wie Ethik als Regelunterrichtsfach auch in Zukunft zu verhindern wissen.

Wozu auch Ethik, wenn es doch die Religion(en) gibt? Neben der christlichen Ökumene und dem Judentum hat sich auch der Islam ein Plätzchen an der Sonne des staatlichen Bildungssystems gesichert. Egal, welche Konfession, alle sind in ihrem Innersten ja gut und voller Friede, Freude und koscheren Weihnachtskeksen. Ein Halal-Würstelstand reüssiert als zeitgenössisches Kunstwerk in der freien Kulturszene "Soho in Ottakring". Eine Modekreation des strengen Salafismus vereinigt sich mit dem an Stoff ärmeren Bikini zu einer Badekleidung für selbstbestimmte Musliminnen.

Die Schule vermittelt uns so manches und manch Gegensätzliches. Logik und Theologik. Rationalismus und Spiritualismus. Wissenschaftliches Argumentieren und vorwissenschaftliches Salbadern. Am Ende ist es ein Konglomerat von Gutgläubigkeit und wissenschaftlichem Skeptizismus. Ludwig Feuerbach zufolge ist "die Vorstellung, dass Glaube etwas anderes sei als Aberglaube, von allen Aberglauben der größte". Unser Bildungssystem beharrt also auf der Vermittlung von beidem, Vernunft und Unvernunft. Nur so ist zu erklären, dass uns Akademiker neben Antibiotika auch Globuli, Bachblüten und Schüsslersalze verkaufen. Oder dass andere Akademiker über die Widernatürlichkeit von Homosexualität schwadronieren. Nur so ist zu erklären, wie selbstständiges Denken durch ideologische Lagermentalität unterminiert wird. Und wie wir evidente Belege durch bloße Behauptungen einfach vom Tisch wischen lassen.

Man denke an den Ethikunterricht! So lange er im Versuchsstadium ist, so lange wird er schon evaluiert. Immer mit einem (verdammt!) positiven Ergebnis. "Pädagogisch überfällig" sei er, aber "politisch verschleppt", so der Theologe (!) Anton A. Bucher, der über die unrühmliche Geschichte des Ethikunterrichts ein Buch geschrieben hat. Skandalös der Einfluss der Religionsvertreter in einer Gesellschaft, deren größte Glaubensgemeinschaft die der Ungläubigen ist: 28 Repräsentanten für 14 Religionen waren im Mai 2011 zu einer parlamentarischen Enquete zum Thema geladen. Darunter auch zwei "Heilige der letzten Tage" für etwa 5000 Mormonen. Nur mithilfe der Grünen-Fraktion ist auch der Physiker Heinz Oberhumer als Vertreter der Zwei-Millionen-Gemeinde von Konfessionslosen doch noch zu Wort gekommen. Wir leben in einem Gottesstaat.

Unmoralische Religion

Warum am konfessionellen Religionsunterricht in einem prinzipiell von der Kirche getrennten Staat unter allen Umständen festgehalten? Mehr noch, warum den Kirchenvertretern in Sachen Ethik sogar eine Monopolstellung eingeräumt wird, bleibt nach allen Ergebnissen der endlosen Schulversuche schleierhaft. Es ist unmoralisch, bedenkt man, wer sich dem ethischen Fortschritt – von den Menschenrechten über Genderfragen bis hin zu Tierethik und ökologischer Verantwortung – doch immer zwanghaft in den Weg gestellt hat.

Den Flüchtlingen aus der islamischen Welt überreichen wir eine Broschüre mit westlichen (nicht christlichen!) Werten. Sie sollen wissen, dass man hierzulande auch Frauen die Hand reicht, dass Frauen, Schwule, Juden und Christen zusammen mit allen anderen Artgenossen vor dem Gesetz gleich sind. Haben die Flüchtlinge das alles flüchtig überflogen, schicken wir sie flugs in den Islamunterricht zurück. Die FPÖ hat sich den Kampf wider den Islam auf die Fahne geheftet, aber sie widersetzt sich wie keine andere Partei dem Wechsel vom konfessionellen Religionsunterricht zum verpflichtenden Fach "Ethik und Religionen". In dem könnte neben dem eigenen Katechismus auch die segensreiche Wirkung aller anderen Mythologien auf die Menschheit thematisiert werden, Inquisition inbegriffen. Abgesehen davon ist das ja schon gängige Praxis bei aufgeklärten Pädagogen.

Religion ist natürlich nicht nur Mythologie. Religion ist auch Folklore. In erster Linie ist Religion aber das: eine politische Ideologie. Anschaulich dargestellt in der heutigen Türkei, mehr noch in Saudi-Arabien. Deshalb hat Nico Alm, Nationalratsabgeordneter der Neos, auch recht, wenn er sagt, wir haben ja auch das Fach Politische Bildung und nicht "einen SPÖ-Unterricht, einen Grünen-Unterricht, einen Piraten-Unterricht". Den Pfarrern steckt aber die berechtigte Angst in den Knochen, dass ihnen mit der "Reli-Stunde" auch noch der kümmerliche Rest von Schäfchen davon läuft, und Religion tatsächlich zur Privatsache verkommt. Erbärmlich hilflos wird dann argumentiert, dass sich "Religion nur aus identitätsstiftender Innenperspektive erschließen lasse" (Oberkirchenrat Schiefermair) – als ob man nur als Kommunist den Kommunismus objektiv erschließen könne, die Freikörperkultur nur als "Nackerter im Hawelka".

Tatsache ist: Wer Integration will statt Segregation, sollte die Schüler nicht auseinanderdividieren in Weltanschauungen, sondern ihnen Rüstzeug auf den Weg geben, Weltanschauungen möglichst objektiv miteinander zu vergleichen. Selbst auf die Gefahr hin, dass allen diesen eine (verdiente) Absage erteilt wird. "Der gute alte Steffl" (H. C. Artmann) bleibt uns als Kulturdenkmal schon noch erhalten. (Martin Praska, 21.11.2016)

Martin Praska (Jg. 1963) ist Maler und lebt in Wien.

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