Pro und Kontra: Wiederaufbau der Militärmusik

Kommentar21. November 2016, 17:52
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Musik ist ein wesentlicher Werbeträger für die Landesverteidigung, aber für Kulturförderung stehen zivile Wege offen

PRO: Kunst der Verteidigung

von Conrad Seidl

Es gab Zeiten, da war die Militärmusik unverzichtbar, wenn man die Bibel liest, sogar kriegsentscheidend – siebenmal wurde die Posaune geblasen, "und die Mauern fielen um, und das Volk erstieg die Stadt, ein jeglicher stracks vor sich" (Josua 6.20). Noch bis ins 20. Jahrhundert hatten etwa Trompeter Kommunikationsaufgaben. Inzwischen sind andere Fernmeldemittel Stand der Technik; im Feld spielt die Musik nicht mehr.

Aber sie spielt an der Heimatfront. In einer Market-Umfrage im Vorjahr bekannten sich 48 Prozent der Befragten als stolz oder sogar sehr stolz auf die Musiker des Bundesheeres – nur die Katastrophenhilfe bekam bessere Noten.

Es zeigt sich, dass die Musik ein wesentlicher Werbeträger für die Landesverteidigung ist – und dass ihre Präsenz in den einzelnen Bundesländern als identitätsstiftend wahrgenommen wird. Denn die Musiker spielen ja nicht nur bei Angelobungen und Paraden, sie repräsentieren das Bundesheer dort, wo das wehrpolitisch sinnvoll ist.

Die Beschäftigung von Profimusikern durch den Staat schafft gleichzeitig die Basis dafür, dass Musizieren auf professionellem Niveau in vielen Musikvereinen, in denen Militärmusiker in ihrer Freizeit tätig sind, flächendeckend gepflegt werden kann. Das ist natürlich kultureller Luxus. Aber er wirkt mindestens so identitätsstiftend wie der Spitzensport, dessen Vertreter ebenfalls vom Bundesheer alimentiert werden, ohne dass das je hinterfragt würde. (Conrad Seidl, 21.11.2016)

KONTRA: Neunfach den Marsch blasen

von Gerald John

Vom Terror bis zur Cyberattacke: Mit der "neuen Bedrohungslage" argumentierte Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, warum das Heer unbedingt ein höheres Budget brauche. Wofür das zusätzliche Geld unter anderem ausgegeben wird: Entgegen ursprünglichen Sparplänen dürfen die Militärkapellen nun doch wieder in Maximalbesetzung aufspielen, und das, wie es in Österreich der Brauch ist, in neunfacher Bundesländerausfertigung. Da werden die Islamisten aber zittern.

Das Zugeständnis kostet natürlich nicht das ganz große Geld, ist aber symptomatisch. Seit Doskozil verkündete, dass das Heer wieder wachsen müsse, sind Abschlankungskuren offenbar pauschal abgeblasen – ganz egal, ob Teile des Apparats obsolet sind oder nicht. Der SPÖ-Minister ließ ja auch die Kasernenverkäufe stoppen.

Aber leistet die Militärmusik, wie es heißt, nicht tolle Nachwuchsarbeit für Musikvereine? Sollte sich wirklich einmal die Katastrophe eines Bieranstichs ohne Blaskapelle abzeichnen: Für Kulturförderung stehen zivile Wege offen. Auf diesen lässt sich auch sicherstellen, dass sich das Repertoire nicht auf martialisches Liedgut beschränkt.

Tatsächlich geht es um andere Interessen. Landeshauptmänner treten gern mit Pauken und Trompeten auf und haben Doskozils Vorgänger wegen dessen Sparplänen den Marsch geblasen. Also wird ein föderalistischer Evergreen angestimmt: Die Länder wünschen, die Regierung spielt's. (Gerald John, 21.11.2016)

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