Hofburg-Wahlkampf: Jeder kann ein "Nazi" sein

21. November 2016, 18:00
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Beide Präsidentschaftskandidaten wurden bereits mehrfach als "Nazi" oder mit Hitler-Vergleichen verunglimpft. Derzeit fallen die "schlimmsten" Wörter, sagt ein Sprachexperte

Wien – Kinderpornokonsument, Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder, Nazi, Stalinist – welches Wort passt nicht in die Reihe? Bei den hier genannten Begriffen handle es sich um einige der "schlimmsten Beschimpfungen", die in der deutschen Sprache möglich sind, sagt der österreichische Germanist und Sprachforscher Rudolf Muhr.

"Nur 'Stalinist' empfinden die meisten als weit nicht so stark. Eigentlich wäre der Begriff das Pendant zum Nazi, doch der Faschismus ist uns noch präsent, während der Stalinismus eine Haltung ist, die nur die KPÖ vertritt, und die ist in der Versenkung verschwunden." Deshalb werde "Stalinist" als Schimpfwort kaum verwendet, ganz anders als der "Nazi" – der spielt seit geraumer Zeit selbst im Rennen ums höchste Amt im Staat eine Rolle.

Blauer Denkansatz

Der jüngste Aufreger im Bundespräsidentenwahlkampf: Die FPÖ Kapfenberg hat auf ihrer Facebook-Seite ein Plakatsujet des von den Grünen unterstützten Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen neben einem motivähnlichen Foto (mit einem Hund vor einem Zaun auf einem Berg) von Adolf Hitler gepostet. Darüber stand, dass das "Setting" des Bildes "unglücklich" gewählt sei. Nachsatz: "Nur so als Denkansatz, wenn der nächste linke Aufschrei und Nazivergleich kommt, weil ein FPÖ-Kandidat 'Gutmensch' sagt."

Das Team von Van der Bellen ist entrüstet, sein Wahlkampfmanager spricht von einem neuen Tiefpunkt. Hofers Sprecher hat das Posting hingegen selbst geteilt und versteht die Aufregung überhaupt nicht: Diese Bildsprache, wie sie im Dritten Reich üblich war, sei von den Grünen absichtlich gewählt worden, ist Martin Glier überzeugt. Darüber hinaus würde Hofer von linker Seite auch immer wieder als "Nazi" beschimpft.

Fotoalbum mit Hunden

Damit hat er jedenfalls recht: Ingo Mayr, damals Chef der Tiroler SPÖ, hatte Hofer via Facebook als "Nazi" bezeichnet und wurde deshalb im Oktober zu einer Zahlung von 5.400 Euro verurteilt. Eine grüne Bezirksrätin aus Wien postete unlängst ein Foto von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache mit Hund – und in ähnlicher Pose eines von Hitler mit seiner Schäferhündin Blondie. "Hunde der Zeitgeschichte" nannte sie das entsprechende Album.

Auf blauer Seite wiederum mutmaßte Exbezirkschefin und FPÖ-Gemeinderätin Ursula Stenzel vergangene Woche im oe24.tv-Liveinterview, dass Van der Bellens Eltern "zumindest" mit den Nazis "geliebäugelt" hätten.

"Es ist schon bedauerlich, dass es in einem Wahlkampf so weit kommt", sagt Sprachfachmann Muhr. "Es handelt sich wohl um den sprachlichen Ausdruck dieser politischen Überhitzung." Wobei der Germanist auch beruhigen kann: "Geschimpft wurde schon immer. Der Unterschied zu früher ist, dass das Internet heute als Echokammer dient."

"Linke Machenschaften"

Die Beschimpfung als "Nazi" würde inzwischen recht universell eingesetzt, obwohl sie selten treffend sei: "Im Fall von Hofer wäre 'Deutschnationaler' oder 'Völkischer' korrekt", sagt Germanist Muhr. "Zu Van der Bellen passt die Bezeichnung grundsätzlich überhaupt nicht, aber sobald sich jemand der Macht anstrebenden Gruppe widersetzt, wird er schnell als totalitär abgetan, da ist man dann auch gleich bei Hitler."

FPÖ-Parteistratege Herbert Kickl betonte im Ö1-"Mittagsjournal" am Montag, dass er auf das Hitler-Posting der FPÖ Kapfenberg "lieber verzichtet hätte". Er fügte allerdings an: "Dieses Posting hatte den Sinn, den grünen und linken Machenschaften den Spiegel vorzuhalten."

Verbalattacken von Pfarrern

Der steirische FPÖ-Landesparteisekretär Stefan Hermann erklärt auf STANDARD-Nachfrage, dass der Facebook-Eintrag "Konsequenzen" nach sich ziehe. Derzeit werde eruiert, wer den Facebook-Auftritt der Kapfenberger FPÖ überhaupt betreue. Darüber hinaus werde die Sache "nicht weiter großartig kommentiert".

Keinen Hitler-Vergleich herangezogen, aber anders abfällig geäußert hat sich ein in Oberösterreich tätiger Pfarrer über Alexander Van der Bellen. Erst vergangene Woche wurde in Mondsee nach scharfen Attacken eines Aushilfspriesters gegen die FPÖ dessen Vertretungstätigkeit beendet. (Katharina Mittelstaedt, Walter Müller, 22.11.2016)

  • Das diesjährige Rennen um die Hofburg ist schmutzig. Die Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen (links) und Norbert Hofer müssen sich einiges anhören. Zumindest insofern beruhigt der Germanist Rudolf Muhr: "Geschimpft wurde schon immer."
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Das diesjährige Rennen um die Hofburg ist schmutzig. Die Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen (links) und Norbert Hofer müssen sich einiges anhören. Zumindest insofern beruhigt der Germanist Rudolf Muhr: "Geschimpft wurde schon immer."

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