Selbstbestimmt auf die Toilette

21. November 2016, 17:14
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20 Menschen mit Behinderung erhalten für zwei Jahre persönliche Assistenz. Für mehr hat es in der schwarz-grünen Koalition politisch nicht gereicht

Salzburg – Es geht um Haushalt, Einkauf, Körperpflege, Freizeitgestaltung – also schlicht um das, was man Alltag nennt. Es gehe um die Möglichkeit, "wenn ich aufs Klo muss" auch dorthin zu kommen, wie es Jasmin Golic von knack:punkt, einem Salzburger Verein für Menschen mit Behinderung, pointiert formuliert.

Wollen Menschen mit Behinderung nicht in Betreuungseinrichtungen leben oder nicht als Bittsteller Verwandte oder Partner bemühen, sondern Alltägliches selbstbestimmt erledigen, benötigen sie ; also Personal, das ihnen bei den verschiedensten Tätigkeiten hilft.

Mit April kommenden Jahres startet das Land Salzburg ein Pilotprojekt für 20 Personen dazu. Nach Beratung und Auswahl durch den Verein knack:punkt und das zuständige Referat im Amt der Landesregierung wird den 20 Personen ein persönliches Budget zur Verfügung gestellt.

Gemeinden bremsen

Mit diesem können sie Assistenzleistungen bei einem Trägerverein – zur Wahl stehen Caritas oder Lebenshilfe – beziehen. Alternativ dazu besteht auch die Möglichkeit direkt Assistenten anzustellen – mit allen damit verbundenen Verpflichtungen von Sozialversicherung bis zur Entlohnung nach Kollektivvertrag.

Insgesamt stellt das Land 800.000 Euro jährlich für den auf zwei Jahre beschränkten Pilotversuch zur Verfügung. "Das politische Ziel ist, dass dies in den Regelbetrieb übergeht", sagt Soziallandesrat Heinrich Schellhorn (Grüne). Irgendwann einmal sollen Menschen mit Behinderung einen Rechtsanspruch auf die Assistenz haben.

Dass der Pilot nur ein erster Schritt zur Selbstbestimmung ist, weiß auch Schellhorn. Mehr als das sei im Zuge der Novellierung des Behindertengesetzes nicht umsetzbar gewesen. Vor allem die Gemeinden seien angesichts nicht abschätzbarer Kosten auf der Bremse gestanden.

"Nicht zeitgemäß"

Im Unterschied zu Modellen in anderen Bundesländern, die nur für Menschen mit körperlicher Behinderung gelten, plant Salzburg auch Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Erkrankungen in das Programm aufzunehmen.

Das beurteilt auch Martin Lad-stätter vom Wiener Behindertenberatungszentrum Bizeps positiv. Die Einschränkung auf eine Behinderungsart sei nicht mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung vereinbar.

Sonst sind die Behindertenvertreter nicht sehr erfreut über die Salzburger Situation: 2016 noch mit einem Pilotprojekt zu kommen, sei "nicht sehr zeitgemäß", sagt Ladstätter. Allerdings ist nicht nur Salzburg weit weg von der Erfüllung der UN-Konvention. In Oberösterreich beispielsweise gebe es die Assistenz nur theoretisch. Praktisch sei kein Geld da: "Es gibt nur Wartelisten." (Thomas Neuhold, 22.11.2016)

www.knackpunkt-salzburg.at

  • Autonome Entscheidungen im Alltag sind für Menschen mit Behinderung oft nur mit persönlichem Assistenten möglich. Eine flächendeckende Versorgung scheitert vor allem an den Kosten.
    foto: apa/dpa/skolimowska

    Autonome Entscheidungen im Alltag sind für Menschen mit Behinderung oft nur mit persönlichem Assistenten möglich. Eine flächendeckende Versorgung scheitert vor allem an den Kosten.

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