Frank Robert: Fragile Glasmenagerie

24. November 2016, 14:22
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"Endstation Sehnsucht": Der Fotograf hat dem Wiener Prater einen Bildband gewidmet

Auf eine indifferente und undefinierbare Art und Weise üben Kirtage und Lunaparks wie der Prater von jeher eine sublime Faszination auf uns aus. Als Sehnsuchtsort stillen sie das infantile Verlangen nach Frohsinn, Lachen, Schadenfreude, Lust, Überschwang und Gedankenlosigkeit. Dass Idee und Realität eine Dichotomie darstellen, dekuvriert Frank Robert in Endstation Sehnsucht.

Seine Tableaus, die schon das Wien-Museum anlässlich des 250-Jahr-Jubiläums zierten, sezieren den porösen Corpus und skelettieren das Innere jenseits der offiziellen Fassade. Roberts Fotos zeigen die Metamorphosen des vermeintlich spaßigen, in Wahrheit tieftraurigen Mutanten. Allein in der Dekade, seit der STANDARD-Fotoredakteur den Prater dokumentiert, verschwanden etliche Attraktionen. Zerbrechlich ist die Glasmenagerie dieses eigenwilligen Kosmos.

Grosso modo sind die Ansichten menschenleer. Diese Perspektive verändert die üblich nostalgische Postkartenidylle prekär. Waren die Achterbahnen, Schießbuden und Automaten inklusive der humanen Staffage alias Prater-Strizzi, Prater-Hure, Karussöbremser und Hutschenschleiderer früher zwar von herbem Charme désolé, sind die billigen Las-Vegas-Imitate, die heute den zu Tode renovierten Rayon bevölkern, bleiern und seelenlos. Bis auf Toboggan, Geisterschloss und Calafati ist fast alles neu. Steril. In der U-Bahn zu fahren visualisiert einen Zombieball besser als die altehrwürdige Grottenbahn.

All das dechiffriert Robert ohne Zeigefinger, ohne Attitüde. Als "Zuag'raster" ist der 1967 in Bensheim Geborene naturgemäß befreit von melancholischer Larmoyanz. Aus der Zeit gefallenen Menschen ist der Ort Bühne. Wie er zeigt, suchen sie aber nicht nach Glück, sondern nach Ablenkung, um zu vergessen oder die Abwesenheit von Unglück zu imaginieren. Roberts Prater ist ein Synonym für Überleben. Todtraurig, gleichzeitig schön. Also urwienerisch. (Gregor Auenhammer, Album, 21.11.2016)

Frank Robert, "Endstation Sehnsucht". € 39,90 / 128 Seiten. Kehrer-Verlag, 2016. Signiert erhältlich: www.frank-robert.com

Tipp: Signierstunde: 26. 11. 2016, 13 bis 18 Uhr in der Anzenberger Gallery Vienna, Absberggasse 27, 1100 Wien (Ex-Ankerfabrik)

  • Hinter den nur notdürftig für Zwielicht gestrichenen Fassaden landen Träume realiter im Ausgedinge, könnte man angesichts von Frank Roberts Serie über den Prater meinen.
    aufschlagseite aus frank roberts "endstation sehnsucht", fotografiert von lukas friesenbichler

    Hinter den nur notdürftig für Zwielicht gestrichenen Fassaden landen Träume realiter im Ausgedinge, könnte man angesichts von Frank Roberts Serie über den Prater meinen.


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