"Das abgebrochene Drama": Jedem Abbruch wohnt ein Zauber inne

21. November 2016, 08:00
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Eine kleine Kostbarkeit im Wiener Kabinetttheater

Wien – Der Zauber des Anfangens hat die Dichter der Theatercollage Das abgebrochene Drama vielleicht auch getrieben. Aber nicht nur. Ableben, Alkoholismus, die Not zu einbringlicherem Tun – die dem für Textabbrüche zuständigen Magistrat, eingerichtet im Wiener Kabinetttheater, vorliegende Liste ist lang. Sich seinen Pfleglingen assimiliert habend berichtet ihr Archivar (Christian Pfütze) davon.

Entstanden ist die Produktion nach einer Idee von Julia Reichert, und zusammengehalten wird sie von Thomas Arzt. An gleich fünf Stellen schiebt der Dramatiker sich zwischen die Bruch-Stücke von Grillparzer, Lessing, Grabbe, Horváth, Schiller, Bauer und Eichendorff. Auch den Größten geht schließlich manchmal was daneben. Wobei "daneben" relativ ist: Was gäbe man etwa dafür, mehr als nur die drei Seufzer zu hören, mit denen Grabbes edles Fräulein den Vater quittiert.

Welch ein Elend!

Aber was braucht es mehr als diese genervten Schnaufer, um zu sagen, was zu sagen ist?! Oder welch Elend, dass Ödön von Horváth seine Staatskrise über den unpolierten Knopf (Johann, der Soldat) nicht noch 30 Seiten weiter getrieben hat! Aber grad das macht andererseits diese zum Schatz verbundenen Kleinodien der tragisch gescheiterten Dramatik so kostbar: Sie sind vor den Anstrengungen. Wie hingetupft.

An den richtigen Stellen hat Arzt sie weitergedreht. Dass sie als Figuren nicht genügt haben – darüber lässt er etwa stellvertretend Grillparzers Puck (Der Zauberwald) hadern. Die Postdramatik ist jenem ein schwacher Trost. Wolfgang Bauers Windszeit entlockt Arzt, nachdem das Blasen die Kulissen schon aus dem Guckkasten gerissen hat, auf "ou"-Steirisch noch einen nachträglichen Sinn. Bloß teilt er ihn uns nicht mit. Aber das ist zu verschmerzen.

Klein reimt sich auf fein

Denn als wären solche Entdeckungen nicht schon Glücksfall genug: Dass das Kabinetttheater klein ist, hat Sinn für sich. Nicht nur wegen der Miniaturdarsteller: Klappmaul, Marionette oder einfach Geister am Stäbchen. Sondern auch, weil sich klein auf fein reimt: der Ideenreichtum des Ensembles (weiters an den Puppen: Katarina Csanyiova, Tanja Ghetta, Walter Kukla; Regie: Reichert) ist verblüffend.

Man staunt ob so viel Abwechslung auf kleinstem Raum, lauscht ergriffen den musikalischen Zwischenspielen von Christian Bakanic. Nach eineinhalb Stunden möchte man kein einziges der vielen Enden missen. Bis auf – vielleicht – das letzte, dem nämlich bedauerlicherweise kein neuer Anfang mehr folgte. Aber es wäre ja doch immer einer zu wenig. (Michael Wurmitzer, 21.11.2016)

Bis 27. 11. im Kabinetttheater

  • Dramenfragmente zusammenfügen – es ist ein Puppenspiel!
    foto: armin bardel

    Dramenfragmente zusammenfügen – es ist ein Puppenspiel!

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