Die Nervenschlacht geht weiter, wieder Remis

Analyse mit Video20. November 2016, 23:05
129 Postings

Auch die siebente Partie zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin wurde in New York ohne Sieger beendet

New York – Es wird langsam kalt in New York. Im Central Park sieht man an den Steintischen im Freien heute keine Schachspieler. Überhaupt sei hier früher viel mehr los gewesen, sagt ein älterer Herr namens Andrew, der sich in den geheizten Pavillon des "Chess and Checkers Corner" zurückgezogen hat: "Vor dreißig Jahren haben hier noch viele europäische Migranten gespielt. Aber die sind inzwischen alle tot."

Karjakin muss liefern

Im Fulton Market Building am Südzipfel Manhattans wird hingegen der Zuschauerrekord gebrochen. Viele schachbegeisterte Familien mit Kindern sind an diesem Sonntag gekommen, um den beiden Großmeistern beim Ringen um den Weltmeistertitel zuzuschauen. Karjakin führt das zweite Mal in Folge die weißen Steine. Heute, so der Tenor, muss der Russe zeigen, dass er mit Weiß Druck machen kann. Allzu viele Gelegenheiten hat er in diesem Wettkampf nicht mehr.

Auch Fabiano Caruana stattet dem Match heute seinen großmeisterlichen Besuch ab, das derzeit heißeste Eisen der USA im Spitzenschach. Im Kandidatenturnier hatte er lange Zeit die Nase vorn gehabt, am Ende musste er Sergej Karjakin vorbeiziehen lassen, der nun an seiner statt den Weltmeister in Caruanas Heimatstadt herausfordern darf. Der Italoamerikaner nimmt es gelassen und spielt stattdessen ein paar Blitzpartien im VIP-Bereich. Immerhin hat er im Gegensatz zu den beiden Kontrahenten an diesem Sonntag frei.

Randbauernzüge

Karjakin steht der Sinn nach einer anderen Eröffnung. Am spielfreien Tag wollte er eigentlich mit einem Helicopter über die Stadt fliegen, vielleicht hat der Herausforderer doch lieber Eröffnungstheorie gebüffelt. Vielleicht war es aber auch von vornherein sein Plan, die zweite Matchhälfte mit dem anderen Zentralbauern zu eröffnen: 1.d4.

Carlsen antwortet darauf wieder einmal symmetrisch – 1...d5 – und bringt mit seinem vierten Zug die Tschebanenko-Variante der Slawischen Partie aufs Brett. Es ist das eine Variante, die lange Zeit scheel angeschaut wurde, weil Schwarz damit einen Randbauern bewegt, anstatt seine Entwicklung voranzutreiben. Das ist die Art von Zug, für die der Schachlehrer Anfängern gerne auf die Finger klopft: "Erst die Springer und Läufer entwickeln und rochieren, dann kannst du solche Bauernzüge machen."

Über die Jahre hinweg wurde die Tschebanenko-Variante im Spitzenschach jedoch immer populärer, der Abwartezug hat seine Meriten, erweist sich in vielen Fällen als überraschend nützlich. Karjakin entwickelt als Reaktion erst einmal den weißfeldrigen Läufer, dann geht die Partie durch Zugumstellung in ein angenommenes Damengambit über.

Kinderschach

Und als würden die Spiele dieses WM-Matches einem geheimen, recht repetitiven Drehbuch folgen, ist es zum wiederholten Mal der Weltmeister, der den Herausforderer mit einer Nebenvariante überrascht. Im zehnten Zug schlägt Carlsen nicht den weißen Bauern auf c5, um das materielle Gleichgewicht wiederherzustellen. Er entwickelt stattdessen seelenruhig seinen Damenspringer und stellt Karjakin damit die Frage, ob dieser einen Versuch unternehmen möchte, den soeben gewonnen Bauern zu verteidigen.

Karjakin möchte das eher nicht. Er zieht lieber seinen bereits entwickelten Springer zurück auf das Feld d2. Das sieht sehr langsam aus und ist es auch: Sein noch unentwickelter Läufer auf c1 hat durch diesen Rückzug nicht eben an Perspektiven gewonnen. "Kinderschach" raunt ein deutscher Kollege im Pressezentrum, der mit der zahmen Eröffnungsbehandlung der Spieler nicht einverstanden ist.

Kein Freibauer für Karjakin

Tatsächlich lässt auch Carlsen bald darauf die Chance aus, der Partie mit 15...f5 etwas Würze zu geben. Die Computer hätten ihn nach diesem Zug in Vorteil gesehen, aber der Weltmeister rochiert lieber. Womit er zumindest den Zug macht, den auch Schachlehrer ihren Schülern ans Herz legen würden.

Nur leider passiert danach nicht mehr sehr viel. Carlsen leistet sich mit 16...Tc8 zwar eine überflüssige Ungenauigkeit, die ihn im Endeffekt einen Bauern kostet, aber er hat Glück: Der Schaden hält sich in engen Grenzen. Im Endspiel mit Türmen und – man ahnt es als Beobachter des Matches schon – ungleichfarbigen Läufern ist der weiße Vorteil symbolisch, Weiß kann ums Verrecken keinen Freibauern bilden.

Carlsens Plan

Nach wenig mehr als zwei Stunden werden die Hände geschüttelt, das Remis ist unterschriftsreif. In der Pressekonferenz sind beide Spieler eher wortkarg, sie wissen, dass sie heute selbst die enthusiastischsten Zuschauer enttäuscht haben. Carlsen spricht davon, dass die beiden Schwarzpartien für ihn nach Plan verlaufen sind und er der Weißpartie am Montag optimistisch entgegenblickt.

Es klingt ein wenig, als wollte sich der Weltmeister für die langweiligen beiden letzten Partien entschuldigen und einen großen Kampf für den Folgetag ankündigen. Ob Carlsen damit zu viel versprochen hat, es wird sich bald weisen.

Es steht 3,5 zu 3,5. Am Montag in Partie acht führt Magnus Carlsen die weißen Steine. (Anatol Vitouch aus New York, 20.11.2016)

Die Notation der siebten Partie:

Weiß: Sergej Karjakin (Russland)
Schwarz: Magnus Carlsen (Norwegen)

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.e3 a6 5.Ld3 dxc4 6.Lxc4 e6 7.Sf3 c5 8.O-O b5 9.Le2 Lb7 10.dxc5 Sc6 11.Sd2 Lxc5 12.Sde4 Sxe4 13.Sxe4 Le7 14.b3 Sb4 15.Lf3 O-O 16.La3 Tc8 17.Sf6+ Lxf6 18.Lxb7 Lxa1 19.Lxb4 Lf6 20.Lxf8 Dxd1 21.Txd1 Txf8 22.Lxa6 b4 23.Tc1 g6 24.Tc2 Ta8 25.Ld3 Td8 26.Le2 Kf8 27.Kf1 Ta8 28.Lc4 Tc8 29.Ke2 Ke7 30.f4 h6 31.Kf3 Tc7 32.g4 g5 33.Ke4 Tc8

Es steht 3,5:3,5.

Weiterer Spielplan:
21.11.2016: Partie 8
23.11.2016: Partie 9
24.11.2016: Partie 10
26.11.2016: Partie 11
28.11.2016: Partie 12
30.11.2016: Tie Breaks

Modus:
Die WM geht über maximal zwölf Partien und endet vorzeitig, wenn ein Spieler 6,5 Punkte erreicht. Bei Gleichstand nach zwölf Partien gibt es ein Tie-Break mit verkürzter Bedenkzeit.

  • österreichischer schachbund

    Der österreichische Supergroßmeister Markus Ragger analysiert.

  • Weltmeister Magnus Carlsen ging mit Schwarz in die siebente Partie.
    foto: reuters/stapleton

    Weltmeister Magnus Carlsen ging mit Schwarz in die siebente Partie.

  • Nach 4…a6: Carlsen wählt mit Schwarz die komplexe Tschebanenko-Variante.
    grafik: jinchess.com

    Nach 4…a6: Carlsen wählt mit Schwarz die komplexe Tschebanenko-Variante.

  • Nach 11. Sd2: Karjakin vernachlässigt die Entwicklung seiner Figuren.
    grafik: jinchess.com

    Nach 11. Sd2: Karjakin vernachlässigt die Entwicklung seiner Figuren.

  • Nach 33…Tc8: Weiß hat einen Bauern erbeutet, aber: ungleichfarbige Läufer, wieder einmal.
    grafik: jinchess.com

    Nach 33…Tc8: Weiß hat einen Bauern erbeutet, aber: ungleichfarbige Läufer, wieder einmal.

  • Die siebente Partie im Schnelldurchlauf.

Share if you care.