Erich-Fried-Tage: Literatur als Auseinandersetzung

20. November 2016, 20:37
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Noch bis Dienstag lesen und diskutieren in Wien u. a. Deborah Feldman und Jeffrey Eugenides

Wien – Mit der Verleihung des Erich-Fried-Preises an den deutschen Schriftsteller Leif Randt erlebten die diesjährigen Erich-Fried-Tage am Sonntagvormittag einen Höhepunkt. "Natürlich schreibt Leif Randt, wie jeder gute Autor, schmerzlich wahr und klar einzig und allein über uns, über unsere heutige Welt und darüber, wie wir immer noch glauben, ihre unangenehmen Phänomene cool und lässig bewältigen zu können", sagte Eva Menasse in ihrer Würdigung.

"Es ist was es ist / sagt die Liebe" – diese beiden Verse aus dem Gedicht Was es ist zählen zu den bekanntesten aus dem Werk des 1988 verstorbenen Dichters, dessen Namen der Preis trägt. Und sie sagen doch so viel nicht über das Leben des 1921 in Wien Geborenen, der wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis nach London fliehen sollte, um zu überleben.

Euphemistisch gesprochen "unangenehmen Phänomenen" gegenüber war Fried also sensibilisiert. Und bereit, auf sie aufmerksam zu machen. Aber auch, vor allzu einfachen Reaktionen zu warnen: "Die Bösen werden geschlachtet / die Welt wird gut", heißt es in Die Maßnahmen – welch einem Trugschluss säße man auf! Es ist immer wieder gut, daran erinnert zu werden.

Gedächtnis und Zeitgenössisches

Wie wir die Welt bewältigen können, um Menasse aufzugreifen, darum geht es also noch bis Dienstag in einer Reihe von Gesprächen im Rahmen der Tagung Jüdische Gegenwarten in Europa. Der Umstand des Exils und eines damit verbundenen europäischen Gedächtnisraums etwa beschäftigt am Montag u. a. den Wiener Autor Robert Schindel sowie die Schriftstellerin Barbara Honigmann (17 Uhr).

Weiters am Montag (19 Uhr) zu Gast im Literaturhaus Wien wird die in New York gebürtige Deborah Feldman sein, die im Frühjahr mit ihrem Roman Unorthodox (Secession) über den Ausstieg aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde und dem damit einhergehenden, auch feministischen Emanzipationsprozess für Aufsehen gesorgt hat. Ebenso 2016 erschienen, aber ein gänzlich anderer Beitrag zur zeitgenössischen jüdischen Literatur, ist Muttermale (Kiepenheuer & Witsch) von Arnon Grünberg: eine Mutter-Sohn-Geschichte. Beide Autoren werden aus ihren jüngsten Werken vortragen.

Ausblick auf die Liebe

Am Dienstag dann geben u. a. Bachmannpreis-Teilnehmer Tomer Gardi (Broken German, Droschl), der Publizist Dimitrij Belkin und Andrea Reiter, Professorin für österreichische Nachkriegsliteratur und jüdische Literatur, mit Lesungen und Diskussion Einblick in jüdische Lebenswelten (Literaturhaus, 17 Uhr). Bevor als Ausblick auf das nächstjährige Motto der Erich-Fried-Tage, es lautet "Reden über die Liebe", der US-Bestsellerautor Jeffrey Eugenides (Middlesex) im Akademietheater Rede und Antwort steht.

"Wenn es kommt / kommt es wegen der Angst", schreibt Fried, der heuer 95 Jahre alt geworden wäre, in Angst vor der Angst. Auch das gilt damals wie heute. (wurm, 20.11.2016)

Die Internationalen Erich Fried Tage 2016 finden noch bis 22. 11. in Wien statt. Detailinformationen zum Programm unter www.erichfriedtage.at.

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