Pro und Contra: Mansplaining als Problem

Kommentar20. November 2016, 18:37
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Pro: Mansplaining als Problem

Neulich in der Redaktion: Für den aktuellen Bericht braucht es rasch einen Gesprächspartner, dessen Kontaktdaten der Kollege garantiert hat. Doch bis es zur Aushändigung kommt, gibt es plötzlich einen zeitraubenden Monolog darüber, was frau den Experten zur speziellen Materie am besten fragt – und wer alles noch konsultiert gehört.

Danke für die Telefonnummer, aber das Einführungsproseminar in den Journalismus an sich hätte es nicht gebraucht, weil schon vor einem guten Vierteljahrhundert absolviert. Dank der Schweden hat das nervtötende Verhalten dieser selbsternannten Oberlehrer und ewigen Dozenten nun endlich einen allseits bekannten Namen: "Mansplaining" nennt sich die Besserwisserei, die gegenüber Frauen oft allzu gern coram publico zur Schau gestellt wird, um ihnen zu zeigen, wer hier immer noch das Sagen hat.

Auch wenn es angesichts der auseinanderklaffenden Lohnschere und der gläsernen Decken für Frauen in vielen Betrieben wesentlich krassere Ungerechtigkeiten gibt als dieses vornehmlich männliche Dominanzgehabe: Die Debatte über das Aufpudeln wie in alten Steinzeittagen ist im dritten Jahrtausend längst überfällig – und gilt hiermit als eröffnet. Durch den gelungenen Problemaufriss in Stockholm braucht es hier zwar keine Hotlines. Aber jenen Exemplaren, die Frauen mit ihren Expertisen über Gott und die Welt weiterquälen, droht ab sofort die kalte Schulter. (Nina Weißensteiner, 20.11.2016)

Contra: Wir sind schon groß!

Die spinnen, die Schweden: Erst erfinden sie Abba, dann werfen sie Weihnachtsbäume aus dem Fenster – und jetzt richten sie auch noch eine Hotline gegen männliche Welterklärer ein. Anders gesagt: Man kann es mit dem Genderbewusstsein auch übertreiben.

Es stimmt ja: Jede Frau kennt das Phänomen. Der Kollege Wichtig, der sich immer dann in Sitzungen vor dir aufpflanzt, wenn du gerade anhebst, einen ausführlicheren Satz zu sagen. Der dir gern das Wort abschneidet, um dich an seiner Weltsicht teilhaben zu lassen. Ein "Erklärbär" (Copyright Ministerin Sabine Oberhauser), der nicht einmal mitbekommt, wie sehr seine Aufgeblasenheit nervt.

Das Erstaunliche: Frau ist jung, Erklärbär ist (meist) alt. Frau denkt sich, das wird sich mit der Zeit schon legen. Frau wird älter, alte Erklärbären bleiben, junge Erklärbären rücken nach – und Frau denkt: Das legt sich wohl nie.

Das ist ein wenig ernüchternd – aber doch wohl kein Problem, dass sich deswegen gleich eine Behörde damit befassen und eine Hotline einrichten muss. Vielleicht brauchen das kleine Schwedinnen. Wir Österreicherinnen sind aber schon groß: An Erklärbären schärfen wir unsere Krallen, ihre Gefräßigkeit macht uns schlauer, und wir lernen, in den Honigtopf zu greifen, wenn er vor uns steht. Irgendwann lassen wir diese Bärengattung dann hinter uns – wie den abgeschnuddelten Teddy, den wir aus reiner Sentimentalität noch im Zimmereck sitzen lassen. (Petra Stuiber, 20.11.2016)

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